Die Blan­ko­un­ter­schrift des Rechts­an­walts

Erfährt das Rechts­mit­tel­ge­richt aus der Glaub­haft­ma­chung eines Wie­der­ein­set­zungs­an­trags, dass die nach­ge­hol­te Rechts­mit­tel­schrift mit einer Blan­ko­un­ter­schrift ver­se­hen wur­de, kann es ohne Hin­weis an den Betei­lig­ten regel­mä­ßig nicht davon aus­ge­hen, der Rechts­an­walt habe den Schrift­satz nicht voll­stän­dig geprüft und die Rechts­mit­tel­schrift sei daher nicht form­wirk­sam.

Die Blan­ko­un­ter­schrift des Rechts­an­walts

Die Beschwer­de­schrift war mit der Unter­schrift des Rechts­an­walts ver­se­hen und ent­sprach dem­nach jeden­falls äußer­lich der von § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG, § 130 Nr. 6 ZPO vor­ge­schrie­be­nen Form. Mit dem äuße­ren Merk­mal der Unter­schrift ist aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit auch ohne einen dar­über hin­aus­ge­hen­den Nach­weis davon aus­zu­ge­hen, dass der Anwalt den Pro­zess­stoff eigen­ver­ant­wort­lich durch­ge­ar­bei­tet hat und die Ver­ant­wor­tung für des­sen Inhalt tra­gen will. Für ein Rechts­mit­tel­ge­richt besteht des­halb in aller Regel kein Anlass, den Inhalt einer anwalt­lich unter­schrie­be­nen Beru­fungs­be­grün­dung dar­auf zu über­prü­fen, in wel­chem Umfang und wie gründ­lich der Anwalt den Pro­zess­stoff tat­säch­lich selbst durch­ge­ar­bei­tet hat [1].

Dem­entspre­chend ist auch eine Blan­ko­un­ter­schrift grund­sätz­lich geeig­net, die Form zu wah­ren. Der Bun­des­ge­richts­hof hat hier­für aller­dings vor­aus­ge­setzt, dass der Rechts­an­walt den Inhalt des noch zu erstel­len­den Schrift­sat­zes so genau fest­ge­legt hat, dass er des­sen eigen­ver­ant­wort­li­che Prü­fung bestä­ti­gen konn­te [2]. Die­se Vor­aus­set­zung hat der Bun­des­ge­richts­hof ver­neint, wenn der Rechts­an­walt eine Beru­fungs­be­grün­dung unter­schrie­ben hat­te, die von einem Refe­ren­dar noch zu ändern war, auch wenn die Ände­run­gen vom Rechts­an­walt mit dem Refe­ren­dar bespro­chen und stich­wort­ar­tig fixiert wor­den waren [3].

Auch bei einer Blan­ko­un­ter­schrift ist aber nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, dass der gesam­te Inhalt des Schrift­sat­zes vom unter­zeich­nen­den Rechts­an­walt so genau fest­ge­legt ist, dass die­ser den Inhalt des Schrift­sat­zes eigen­ver­ant­wort­lich geprüft hat. Denn allein die Blan­ko­un­ter­schrift spricht noch nicht dafür, dass dem Rechts­an­walt der Inhalt des Schrift­sat­zes nicht bekannt ist. So kann ein Schrift­satz vom orts­ab­we­sen­den Rechts­an­walt tele­fo­nisch dik­tiert und anschlie­ßend – etwa anhand der Text­da­tei oder durch Über­sen­dung per Tele­fax – über­prüft wor­den sein. Auch kann durch eine tele­fo­nisch ange­ord­ne­te Über­nah­me des Tex­tes aus einem vor­aus­ge­gan­ge­nen Schrift­satz – wie im vor­lie­gen­den Fall der Begrün­dung des Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­an­trags – sicher­ge­stellt sein, dass der gesam­te Text vom unter­zeich­ne­ten Rechts­an­walt ver­ant­wor­tet wird.

Des­halb kann im Fall einer Blan­ko­un­ter­schrift nicht ohne wei­te­res davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Unter­schrift des Rechts­an­walts nicht den gesam­ten Inhalt als des­sen eige­ne Aus­ar­bei­tung abdeckt. Viel­mehr ist dem Antrag­stel­ler zunächst Gele­gen­heit zum ergän­zen­den Vor­trag zu geben, bevor beur­teilt wer­den kann, ob der Rechts­an­walt den gesam­ten Inhalt des bestim­men­den Schrift­sat­zes kann­te.

Im vor­lie­gen­den Fall bestand für das Ober­lan­des­ge­richt ohne wei­te­re Nach­fra­ge kein hin­rei­chen­der Anlass davon aus­zu­ge­hen, dass der Inhalt der Beschwer­de­schrift nicht von der Unter­schrift des Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten des Antrags­geg­ners gedeckt war. Viel­mehr hat es selbst erwähnt, dass der Schrift­satz (jeden­falls) weit­ge­hend mit der Begrün­dung des Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­an­trags über­ein­stimm­te. Selbst wenn dies nicht der Fall gewe­sen wäre, hät­te dem Antrags­geg­ner zumin­dest Gele­gen­heit gege­ben wer­den müs­sen, zu der Sach­la­ge ergän­zend Stel­lung zu neh­men, um ihm nach Art. 103 Abs. 1 GG aus­rei­chend recht­li­ches Gehör zu gewäh­ren. Denn für den Rechts­an­walt war die Form­wirk­sam­keit der Beschwer­de­schrift ersicht­lich nicht zwei­fel­haft, zumal die bei­den ihm vom Ober­lan­des­ge­richt erteil­ten Hin­wei­se ande­re Fra­gen betra­fen. Ein ent­spre­chen­der Hin­weis war ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts schon des­halb nicht ent­behr­lich, weil der Antrags­geg­ner nicht ledig­lich Gele­gen­heit erhal­ten soll­te, eine ver­säum­te Unter­schrift nach­zu­ho­len, son­dern zuvor auch das Zustan­de­kom­men der Beschwer­de­schrift und deren inhalt­li­che Prü­fung durch den Rechts­an­walt dar­zu­le­gen und glaub­haft zu machen.

Dass der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te sei­ner Büro­vor­ste­he­rin die Adres­sie­rung der Beschwer­de­schrift über­ließ und die­se den Schrift­satz unzu­tref­fend an das Ober­lan­des­ge­richt statt an das Amts­ge­richt adres­sier­te, steht dem nicht ent­ge­gen. Denn es kann bereits nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Rechts­an­walt den Schrift­satz voll­stän­dig kann­te und den Feh­ler der Adres­sie­rung des vor­ge­fer­tig­ten Schrift­sat­zes ledig­lich nicht bemerk­te [4]. Dann wür­de es sich zwar um ein Anwalts­ver­schul­den han­deln, das aber durch die gebo­te­ne Wei­ter­lei­tung des Schrift­sat­zes an das Amts­ge­richt für die Ver­säu­mung der Wie­der­ein­set­zungs­frist nicht ursäch­lich gewor­den wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Sep­tem­ber 2012 – XII ZB 642/​11

  1. BGH, Beschluss vom 23.06.2005 – V ZB 45/​04, NJW 2005, 2709, mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 23.06.2005 – V ZB 45/​04, NJW 2005, 2709, 2710; sowie Beschluss vom 21.12.2010 – VI ZB 28/​10, FamRZ 2011, 558 Rn. 9[]
  3. BGH, Beschluss vom 23.06.2005 – V ZB 45/​04, NJW 2005, 2709, 2710[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 01.02.2012 – XII ZB 298/​11, FamRZ 2012, 621 Rn. 11 mwN[]