Die elek­tro­nisch geführ­te Hand­ak­te – und die Fris­ten­kon­trol­le

Wird die Hand­ak­te eines Rechts­an­walts allein elek­tro­nisch geführt, muss sie ihrem Inhalt nach der her­kömm­lich geführ­ten ent­spre­chen. Sie muss ins­be­son­de­re zu Rechts­mit­tel­fris­ten und deren Notie­rung eben­so wie die­se ver­läss­lich Aus­kunft geben kön­nen und darf kei­ne gerin­ge­re Über­prü­fungs­si­cher­heit bie­ten als ihr ana­lo­ges Pen­dant.

Die elek­tro­nisch geführ­te Hand­ak­te – und die Fris­ten­kon­trol­le

Der Rechts­an­walt, der im Zusam­men­hang mit einer frist­ge­bun­de­nen Ver­fah­rens­hand­lung – hier der Ein­le­gung der Beschwer­de – mit einer Sache befasst wird, hat dies zum Anlass zu neh­men, die Frist­ver­mer­ke in der Hand­ak­te zu über­prü­fen. Auf wel­che Wei­se (her­kömm­lich oder elek­tro­nisch) die Hand­ak­te geführt wird, ist hier­für ohne Belang.

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand lie­gen nicht vor, wenn die Antrag­stel­le­rin die Beschwer­de­be­grün­dungs­frist nicht unver­schul­det i.S.d. §§ 117 Abs. 5 FamFG, 233 Satz 1 ZPO ver­säumt hat. Dies ist der Fall, wenn das Ver­säum­nis auf einem Ver­schul­den ihrer Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten beruht, wel­ches sich die Antrag­stel­le­rin nach § 113 Abs. 1 FamFG i.V.m. § 85 Abs. 2 ZPO zurech­nen las­sen muss. Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall konn­te sich die Antrag­stel­le­rin nicht durch die Aus­füh­run­gen zur Kanz­lei­or­ga­ni­sa­ti­on ihrer Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten ent­las­ten:

Die Sorg­falts­pflicht in Frist­sa­chen ver­langt von einem Rechts­an­walt, alles ihm Zumut­ba­re zu tun, um die Wah­rung von Rechts­mit­tel­fris­ten zu gewähr­leis­ten. Über­lässt er die Berech­nung und Notie­rung von Fris­ten einer gut aus­ge­bil­de­ten, als zuver­läs­sig erprob­ten und sorg­fäl­tig über­wach­ten Büro­kraft, hat er durch geeig­ne­te orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men sicher­zu­stel­len, dass die Fris­ten zuver­läs­sig fest­ge­hal­ten und kon­trol­liert wer­den. Zu den zur Ermög­li­chung einer Gegen­kon­trol­le erfor­der­li­chen Vor­keh­run­gen im Rah­men der Fris­ten­kon­trol­le gehört ins­be­son­de­re, dass die Rechts­mit­tel­fris­ten in der Hand­ak­te notiert wer­den und die Hand­ak­te durch ent­spre­chen­de Erle­di­gungs­ver­mer­ke oder auf sons­ti­ge Wei­se erken­nen lässt, dass die Fris­ten in alle geführ­ten Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen wor­den sind. Wird dem Rechts­an­walt die Sache im Zusam­men­hang mit einer frist­ge­bun­de­nen Ver­fah­rens­hand­lung zur Bear­bei­tung vor­ge­legt, hat er die Ein­hal­tung sei­ner Anwei­sun­gen zur Berech­nung und Notie­rung lau­fen­der Rechts­mit­tel­fris­ten ein­schließ­lich deren Ein­tra­gung in den Fris­ten­ka­len­der eigen­ver­ant­wort­lich zu prü­fen, wobei er sich dann grund­sätz­lich auf die Prü­fung der Ver­mer­ke in der Hand­ak­te beschrän­ken darf1. Die­se anwalt­li­che Prü­fungs­pflicht besteht auch dann, wenn die Hand­ak­te nicht zugleich zur Bear­bei­tung mit vor­ge­legt wor­den ist, so dass der Rechts­an­walt in die­sen Fäl­len die Vor­la­ge der Hand­ak­te zur Fris­ten­kon­trol­le zu ver­an­las­sen hat2.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten unab­hän­gig davon, ob die Hand­ak­te des Rechts­an­walts in her­kömm­li­cher Form als Papier­ak­te oder aber als elek­tro­ni­sche Akte geführt wird. Wie die Vor­schrift des § 50 Abs. 5 BRAO zeigt, kann sich ein Rechts­an­walt zum Füh­ren der Hand­ak­ten der elek­tro­ni­schen Daten­ver­ar­bei­tung bedie­nen. Ent­schei­det er sich hier­für, muss die elek­tro­ni­sche Hand­ak­te jedoch ihrem Inhalt nach der her­kömm­li­chen ent­spre­chen und ins­be­son­de­re zu Rechts­mit­tel­fris­ten und deren Notie­rung eben­so wie die­se ver­läss­lich Aus­kunft geben kön­nen. Wie die elek­tro­ni­sche Fris­ten­ka­len­der­füh­rung gegen­über dem her­kömm­li­chen Fris­ten­ka­len­der darf auch die elek­tro­ni­sche Hand­ak­te grund­sätz­lich kei­ne gerin­ge­re Über­prü­fungs­si­cher­heit bie­ten als ihr ana­lo­ges Pen­dant3.

Der Rechts­an­walt, der im Zusam­men­hang mit einer frist­ge­bun­de­nen Ver­fah­rens­hand­lung – hier der Ein­le­gung der Beschwer­de – mit einer Sache befasst wird, hat dies zum Anlass zu neh­men, die Frist­ver­mer­ke in der Hand­ak­te zu über­prü­fen. Auf wel­che Wei­se (her­kömm­lich oder elek­tro­nisch) die Hand­ak­te geführt wird, ist hier­für ohne Belang. Der Rechts­an­walt muss die erfor­der­li­che Ein­sicht in die Hand­ak­te neh­men, indem er sich ent­we­der die Papier­ak­te vor­le­gen lässt oder das digi­ta­le Akten­stück am Bild­schirm ein­sieht. Dass die Hand­ak­te aus­schließ­lich elek­tro­nisch geführt wird, kann jeden­falls nicht dazu füh­ren, dass den Rechts­an­walt im Ergeb­nis gerin­ge­re Über­prü­fungs­pflich­ten als bei her­kömm­li­cher Akten­füh­rung tref­fen.

Nach den Aus­füh­run­gen der Antrag­stel­le­rin zur Kanz­lei­or­ga­ni­sa­ti­on ihrer Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten war wegen eines dop­pel­ten Ver­se­hens des Kanz­lei­per­so­nals die Notie­rung der Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist sowohl im Fris­ten­ka­len­der als auch in der elek­tro­ni­schen Hand­ak­te unter­blie­ben. Dies hät­ten die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten der Antrag­stel­le­rin bei der gebo­te­nen Kon­trol­le der elek­tro­ni­schen Hand­ak­te anläss­lich der Beschwer­de­ein­le­gung eben­so bemer­ken müs­sen wie bei her­kömm­li­cher Akten­füh­rung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Juli 2014 – XII ZB 709/​13

  1. BGH, Beschluss vom 27.11.2013 – XII ZB 116/​13 , Fam­RZ 2014, 284 Rn. 7 mwN []
  2. BGH Beschlüs­se vom 20.12 2012 – III ZB 47/​12 7; vom 22.09.2011 – III ZB 25/​11 8; und vom 08.02.2010 – II ZB 10/​09MDR 2010, 533 Rn. 7 mwN []
  3. vgl. BGH Beschluss vom 17.04.2012 – VI ZB 55/​11 , Fam­RZ 2012, 1133 Rn. 8; Jungk AnwBl 2014, 84 []