Die feh­ler­haf­te Rechts­mit­tel­be­leh­rung des Gerichts in einer Wohnungseigentumssache

Ein Rechts­an­walt unter­liegt in aller Regel einem – zur Wie­der­ein­set­zung wegen schuld­lo­ser Frist­ver­säu­mung füh­ren­den – unver­schul­de­ten Rechts­irr­tum, wenn er die Beru­fung in einer Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­che auf­grund einer unrich­ti­gen Rechts­mit­tel­be­leh­rung nicht bei dem nach § 72 Abs. 2 GVG zustän­di­gen Beru­fungs­ge­richt, son­dern bei dem für all­ge­mei­ne Zivil­sa­chen zustän­di­gen Beru­fungs­ge­richt ein­legt. Der unver­schul­de­te Rechts­irr­tum führt aber nicht dazu, dass die bei dem funk­tio­nell unzu­stän­di­gen Gericht ein­ge­leg­te Beru­fung die Beru­fungs­frist wahrt und der Rechts­streit auf Antrag in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 281 ZPO an das zustän­di­ge Gericht zu ver­wei­sen ist [1].

Die feh­ler­haf­te Rechts­mit­tel­be­leh­rung des Gerichts in einer Wohnungseigentumssache

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall strei­ten die Par­tei­en, Mit­glie­der einer Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft, über die Unter­las­sung der Nut­zung einer Ter­ras­se und über die Pflicht zur Erstel­lung von Jah­res­ab­rech­nun­gen. In der Rechts­mit­tel­be­leh­rung des Urteils des erst­in­stanz­lich täti­gen Amts­ge­richts Duder­stadt [2] wird das Land­ge­richt Göt­tin­gen als zustän­di­ges Beru­fungs­ge­richt bezeich­net. Dort­hin rich­te­te der Beklag­te sei­ne Beru­fung. Nach einem Hin­weis des Land­ge­richts Göt­tin­gen, dass zustän­di­ges Beru­fungs­ge­richt gemäß § 72 Abs. 2 GVG das Land­ge­richt Braun­schweig sei, hat der Beklag­te die Ver­wei­sung dort­hin bean­tragt. Das Land­ge­richt Göt­tin­gen ist dem nicht nach­ge­kom­men und hat die Beru­fung des Beklag­ten durch Beschluss als unzu­läs­sig ver­wor­fen [3]. Dage­gen wen­det sich die­ser mit der Rechts­be­schwer­de, die der Bun­des­ge­richts­hof nun als unzu­läs­sig ver­wor­fen hat:

Die gemäß § 522 Abs. 1 Satz 4, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO statt­haf­te Rechts­be­schwer­de ist unzu­läs­sig. Weder hat die Rechts­sa­che grund­sätz­li­che Bedeu­tung noch erfor­dert die Fort­bil­dung des Rechts oder die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung eine Ent­schei­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts (§ 574 Abs. 2 ZPO). Die maß­geb­li­chen recht­li­chen Grund­sät­ze sind geklärt. Das Land­ge­richt Göt­tin­gen kommt auf deren Grund­la­ge rechts­feh­ler­frei zu dem Ergeb­nis, dass die Beru­fung unzu­läs­sig ist. Der Beklag­te konn­te die Beru­fung nicht fris­t­wah­rend bei dem Land­ge­richt Göt­tin­gen ein­le­gen. Die­ses hat den Rechts­streit daher zu Recht nicht in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 281 ZPO an das zustän­di­ge Land­ge­richt Braun­schweig verwiesen.

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Rechts­feh­ler­frei geht das Land­ge­richt Göt­tin­gen davon aus, dass bei Vor­lie­gen einer Strei­tig­keit im Sin­ne von § 43 Nr. 1 bis 4 und Nr. 6 WEG die Beru­fung fris­t­wah­rend grund­sätz­lich nur bei dem von der Rege­lung des § 72 Abs. 2 GVG vor­ge­ge­be­nen Beru­fungs­ge­richt ein­ge­legt wer­den kann. Eine bei dem fal­schen Beru­fungs­ge­richt ein­ge­leg­te Beru­fung, die nicht recht­zei­tig in die Ver­fü­gungs­ge­walt des rich­ti­gen Beru­fungs­ge­richts gelangt, kann daher auch nicht in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 281 ZPO an die­ses Gericht ver­wie­sen wer­den. Viel­mehr ist die Beru­fung als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen [4]. Um eine sol­che Strei­tig­keit geht es hier. Bei dem Streit zwi­schen Woh­nungs­ei­gen­tü­mern über die Unter­las­sung der Nut­zung einer Ter­ras­se und über die Pflicht zur Erstel­lung von Jah­res­ab­rech­nun­gen für die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft han­delt es sich um Strei­tig­kei­ten nach § 43 Nr. 1 und Nr. 3 WEG, für die hier das Land­ge­richt Braun­schweig gemäß § 72 Abs. 2 Satz 1 GVG zustän­di­ges Beru­fungs­ge­richt ist.

Aller­dings kann die Beru­fungs­frist in Aus­nah­me­fäl­len auch durch Anru­fung des funk­tio­nell unzu­stän­di­gen Beru­fungs­ge­richts gewahrt und in sol­chen Fäl­len der Rechts­streit ent­spre­chend § 281 ZPO auf Antrag an das zustän­di­ge Gericht ver­wie­sen wer­den. Einen sol­chen Aus­nah­me­fall hat der Bun­des­ge­richts­hof ange­nom­men, wenn die Fra­ge, ob eine Strei­tig­keit im Sin­ne von § 43 Nr. 1 bis 4 und Nr. 6 WEG vor­liegt, für bestimm­te Fall­grup­pen noch nicht höchst­rich­ter­lich geklärt ist und man über deren Beant­wor­tung mit guten Grün­den unter­schied­li­cher Auf­fas­sung sein kann. Eine Par­tei kön­ne es in einer sol­chen Kon­stel­la­ti­on nicht ange­son­nen wer­den, zur Mei­dung der Ver­wer­fung ihres Rechts­mit­tels als unzu­läs­sig Beru­fung sowohl bei dem all­ge­mein zustän­di­gen Beru­fungs­ge­richt ein­zu­le­gen als auch bei dem des § 72 Abs. 2 GVG [5]. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind bei dem hier vor­lie­gen­den Streit um die Nut­zung einer Ter­ras­se und die Pflicht zur Erstel­lung von Jah­res­ab­rech­nun­gen nicht erfüllt.

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Die unrich­ti­ge Beleh­rung durch das erst­in­stanz­li­che Gericht über das nach § 72 Abs. 2 GVG zustän­di­ge Beru­fungs­ge­richt begrün­det kei­nen Aus­nah­me­fall, in dem die Beru­fung fris­t­wah­rend bei dem funk­tio­nell unzu­stän­di­gen Beru­fungs­ge­richt ein­ge­legt wer­den kann.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unter­liegt ein Rechts­an­walt in aller Regel einem – zur Wie­der­ein­set­zung wegen schuld­lo­ser Frist­ver­säu­mung füh­ren­den – unver­schul­de­ten Rechts­irr­tum, wenn er die Beru­fung in einer Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­che auf­grund einer unrich­ti­gen Rechts­mit­tel­be­leh­rung nicht bei dem nach § 72 Abs. 2 GVG zustän­di­gen Beru­fungs­ge­richt, son­dern bei dem für all­ge­mei­ne Zivil­sa­chen zustän­di­gen Beru­fungs­ge­richt ein­legt [6]. Der unver­schul­de­te Rechts­irr­tum führt aber nicht dazu, dass die bei dem funk­tio­nell unzu­stän­di­gen Gericht ein­ge­leg­te Beru­fung die Beru­fungs­frist wahrt und der Rechts­streit auf Antrag in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 281 ZPO an das zustän­di­ge Gericht zu ver­wei­sen ist. Viel­mehr wird dem unver­schul­de­ten Rechts­irr­tum dadurch Rech­nung getra­gen, dass die mit der Beru­fungs­ein­le­gung bei dem unzu­stän­di­gen Beru­fungs­ge­richt ent­stan­de­ne Frist­ver­säum­nis durch erneu­te Beru­fungs­ein­le­gung bei dem zustän­di­gen Gericht ver­bun­den mit einem Antrag gemäß § 233 ZPO auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand beho­ben wer­den kann [7]. Die Wie­der­ein­set­zungs­frist nach § 234 Abs. 2 ZPO beginnt regel­mä­ßig erst zu lau­fen, wenn das auf­grund der Rechts­mit­tel­be­leh­rung ange­ru­fe­ne Gericht auf sei­ne Unzu­stän­dig­keit hin­weist [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Okto­ber 2020 – V ZB 45/​20

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Beschluss vom 09.03.2017 – V ZB 18/​16, NJW 2017, 3002 Rn. 11 ff.; Beschluss vom 28.09.2017 – V ZB 109/​16, NJW 2018, 164 Rn. 11 ff.; Urteil vom 21.02.2020 – V ZR 17/​19, NJW 2020, 1525 Rn. 10 ff.[]
  2. AG Duder­stadt, Urteil vom 25.02.2019 – 11 C 265/​17[]
  3. LG Göt­tin­gen, Ent­schei­dung vom 15.05.2020 – 1 S 23/​19[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.11.2016 – V ZB 73/​16, NJW-RR 2017, 525 Rn. 14; Beschluss vom 10.12.2009 – V ZB 67/​09, NJW 2010, 1818 Rn. 9[]
  5. BGH, Beschluss vom 17.11.2016 – V ZB 73/​16, NJW-RR 2017, 525 Rn. 15; Beschluss vom 10.12.2009 – V ZB 67/​09, NJW 2010, 1818 Rn. 11; Beschluss vom 20.02.2014 – V ZB 116/​13, NJW 2014, 1879 Rn. 15[]
  6. BGH, Beschluss vom 09.03.2017 – V ZB 18/​16, NJW 2017, 3002 Rn. 13; Beschluss vom 28.09.2017 – V ZB 109/​16, NJW 2018, 164 Rn. 14[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 09.03.2017 – V ZB 18/​16, NJW 2017, 3002 Rn. 11 ff.; Beschluss vom 28.09.2017 – V ZB 109/​16, NJW 2018, 164 Rn. 11 ff.[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 21.02.2020 – V ZR 17/​19, NJW 2020, 1525 Rn. 17[]

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Erledigungserklärung im Beschwerdeverfahren - und ihre Auslegung
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