Die geführte Bergtour – und ihr Abbruch

Ist eine geplante Bergtour mit Bergführern nicht weiter möglich, weil dies der Gesundheitszustand der Bergsteigerin nicht erlaubt, liegt das nicht im Verantwortungsbereich der Bergführer, sondern der Bergsteigerin. Wird die Bergtour aber mit den anderen Reisenden durchgeführt, fallen die im Reisepreis enthaltenen Kosten für die Bergführer auch an und der Reiseveranstalter hat sich durch die im eigenen Verantwortungsbereich liegende Rückkehr einer Bergsteigerin keine Kosten erspart.

Die geführte Bergtour – und ihr Abbruch

Mit dieser Begründung hat das Amtsgericht München in dem hier vorliegenden Fall die Klage einer Bergsteigerin aus München-Obersendling gegen einen Münchener Bergreiseveranstalter auf Zahlung von 800,00 € für nicht mehr in Anspruch genommene Bergführerkosten und 189,87 € an Kosten für die selbst organisierte Rückreise abgewiesen.

Für den August 2019 buchten die Klägerin und ihr Ehemann bei der Beklagten eine sechstägige geführte Bergtour (zehn berühmte Viertausender im Wallis mit Signalkuppe 4554 m) zum Gesamtreisepreis in Höhe von 2030,00 €. Schon am Nachmittag des zweiten Tages litt die Klägerin unter drückenden Kopfschmerzen, laufender Nase und hörbar eingeschränkter Atmung. Weder sei, unter Bezugnahme auf eine drohende Schlechtwetterfront, das Tempo gedrosselt noch ein Abstieg angeboten worden. Am Folgetag habe sie trotz eitrigem grünen Nasensekret, Husten und Fieber eine achtstündige Tour zur Quintino-Sella Hütte auf 3600 m bewältigen müssen. Man habe sie „wie einen Hund hinter sich hergezogen“. Als sie zusätzlich noch Schüttelfrost bekommen habe, habe sie die beiden Bergführer am nächsten Morgen um 4:00 Uhr informiert, dass sie die Tour nicht fortsetzen könne. Auf ihre Bitten oder denen ihres Ehemannes, sie zum Ausgangspunkt zu begleiten oder einen Hubschrauber zu organisieren, sei ihr erklärt worden, dass sie den einfachen Abstieg alleine machen könne. Der Ehemann habe die Bergtour um 4:45 Uhr mit den anderen fortgesetzt, nachdem ihm die Bergführer gesagt hätten, er solle sich nicht so haben, seine Frau benötige keinen Babysitter. Erst später sei ihm aufgegangen, einen Fehler begangen zu haben.

Nach dreizehn Stunden Rückweg und -fahrt zum Ausgangspunkt und dortiger Übernachtung sei bei ihr, endlich nach München zurückgekehrt, ein beidseitiger Paukenerguss und eine fiebrige akute Sinusitis Maxiliaris bestätigt worden. Die Klägerin könne auf einem Ohr bis heute keinen Druckausgleich mehr durchführen, so dass ihr u.a. Flüge unmöglich geworden seien.

Nach Meinung der Klägerin hätten die Bergführer im eklatanten Maße ihre Pflichten verletzt, da sie eine schwer kranke Person ihrem Schicksal überlassen hätten. Sie hätten sie bergabwärts zur nächsten Station bzw. Krankenhaus bringen müssen, wo die Klägerin hätte ärztlich versorgt werden können.

Dagegen trägt die Beklagte vor, die Klägerin habe am zweiten Tag die Tour auf eigenen Wunsch fortgesetzt und verweist darauf, dass sie den Abstieg ins Tal dann selbstständig und ohne ihren Mann angetreten habe. Da der Ehemann die Bergtour mit den Bergführern fortgesetzt hat, habe es für die Bergführer keinerlei Anlass zur Annahme gegeben, dass die Klägerin Hilfe benötigen würde und den Abstieg nicht hätte alleine meistern können.

In seiner Urteilsbegründung hat das Amtsgericht München ausgeführt, dass die Klägerin Ansprüche wegen fehlender Inanspruchnahme eines Bergführers geltend macht und außerdem Kosten für Übernachtungen, Lift, Bustickets und Zug sowie Rückfahrt privater Pkw, Gebühren für Attest und Apotheke.

Weiter ist nach eigenem Vortrag der Klägerin die Beistandspflicht nicht verletzt worden. Nach der Darstellung der Klägerin wurde die Reise auch nicht mangelhaft erbracht, sodass ein Schadensersatzanspruch ausscheidet.

Nach Auffassung des Amtsgerichts München wären die Kosten für eine Nichtinanspruchnahme des Bergführers auch dann nicht als Schadensersatzanspruch begründet, selbst wenn der Gesundheitszustand der Klägerin und die Umstände der Rückkehr es erfordert hätten, dass die Klägerin bei dem Abstieg von einem Bergführer begleitet wird. Die Klägerin hat eine sechstägige Bergtour mit Bergführer gebucht. Die geplante Bergtour mit Bergführern war ab dem vierten Tag der Klägerin deshalb nicht möglich, weil dies ihr Gesundheitszustand nicht erlaubt hat. Allerdings liegt dies nicht im Verantwortungsbereich der Beklagten, sondern demjenigen der Klägerin. Da die Bergtour aber mit den anderen Reisenden durchgeführt wurde, sind die im Reisepreis enthaltenen Kosten für die Bergführer auch angefallen. Denn die Beklagte hat sich durch die im eigenen Verantwortungsbereich liegende Rückkehr der Klägerin keine Kosten erspart.

Des weiteren weist das Amtsgericht München darauf hin, dass die weiteren geltend gemachten Kosten auch entstanden wären, wenn die Klägerin ein Bergführer begleitet hätte – auch wenn man unterstellt, dass es sinnvoll gewesen wäre, dass ein Bergführer die Klägerin bei der Rückkehr begleitet. Es handelt sich dabei um sogenannte „Sowieso“ Kosten, die von der Beklagten nicht zu erstatten sind.

Amtsgericht München, Urteil vom 13. Juli 2020 – 123 C 5705/20

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