Die gepfän­de­te Grund­schuld und der Grund­schuld­brief

Das Recht des Gläu­bi­gers einer Brief­grund­schuld, nach Kraft­los­erklä­rung des bis­he­ri­gen Briefs die Ertei­lung eines neu­en zu bean­tra­gen, geht mit Erlass der Pfän­dungs­ver­fü­gung nach § 310 AO auf den Pfän­dungs­gläu­bi­ger über. Einer zusätz­li­chen Pfän­dung die­ses Rechts bedarf es nicht.

Die gepfän­de­te Grund­schuld und der Grund­schuld­brief

Ein neu­er Brief ist nach Kraft­los­erklä­rung des bis­he­ri­gen Briefs gemäß § 67 GBO zu ertei­len, wenn ein Aus­schluss­be­schluss nach § 478 FamFG, in einem Alt­fall wie dem vor­lie­gen­den ein Aus­schlus­sur­teil nach § 1017 ZPO aF, vor­ge­legt wird. Zu ertei­len ist der neue Brief dem "Berech­tig­ten". Das ist der ein­ge­tra­ge­ne oder, bei einer Brief­grund­schuld, der gemäß § 1155 BGB legi­ti­mier­te Grund­schuld­gläu­bi­ger. Anders liegt es, wenn das Antrags­recht auf einen Pfän­dungs­gläu­bi­ger über­ge­gan­gen ist. Dann ist der neue Brief die­sem, nicht dem Grund­schuld­gläu­bi­ger zu ertei­len. Die­sen zwei­ten Fall hat das Beschwer­de­ge­richt hier zu Recht ange­nom­men.

Das Antrags­recht nach § 67 GBO ist auf das Finanz­amt als Pfän­dungs­gläu­bi­ger über­ge­gan­gen.

Das ergibt sich aller­dings nicht schon aus dem vor­ge­leg­ten Aus­schlus­sur­teil. Das Aus­schlus­sur­teil bewirkt zwar nach der hier noch anwend­ba­ren Vor­schrift des § 1018 Abs. 1 ZPO aF (= heu­te § 479 Abs. 1 FamFG), dass der­je­ni­ge, der das Urteil erwirkt hat, hier das Finanz­amt, dem durch die für kraft­los erklär­te Urkun­de Ver­pflich­te­ten gegen­über berech­tigt ist, die Rech­te aus der Urkun­de gel­tend zu machen. Ob der Antrag­stel­ler des Auf­ge­bots­ver­fah­rens die Aus­stel­lung einer neu­en Urkun­de ver­lan­gen kann, bestimmt sich aber nicht nach § 1018 Abs. 1 ZPO aF (= § 479 Abs. 1 FamFG), son­dern nach dem dafür maß­geb­li­chen mate­ri­el­len und Ver­fah­rens­recht, bei der Ertei­lung eines neu­en Grund­schuld­briefs also nach § 67 GBO 1. Nach die­ser Vor­schrift ist auf Grund des Aus­schlus­sur­teils (heu­te Aus­schluss­be­schlus­ses) nicht dem­je­ni­gen der neue Brief zu ertei­len, der die­ses Urteil erwirkt hat, son­dern dem "Berech­tig­ten". Dar­an hat sich auch durch das FGGRe­form­ge­setz nichts geän­dert. Die Vor­schrif­ten sind durch die­ses Gesetz inhalt­lich unver­än­dert geblie­ben.

Auch aus einem Pfän­dungs­pfand­recht an der Grund­schuld lässt sich die allei­ni­ge Antrags­be­rech­ti­gung des Finanz­amts nicht ablei­ten. Denn die­ses ist noch nicht ent­stan­den.

Zur Pfän­dung einer Brief­grund­schuld ist nach den hier anzu­wen­den­den Vor­schrif­ten der §§ 321 Abs. 6 in Ver­bin­dung mit 310 Abs. 1 Satz 1 AO (die § 857 Abs. 6 iVm § 830 Abs. 1 Satz 1 ZPO ent­spre­chen) außer der Pfän­dungs­ver­fü­gung nach § 309 Abs. 1 Satz 1 AO die Aus­hän­di­gung des Grund­schuld­briefs oder, § 310 Abs. 1 Satz 2 AO, die Weg­nah­me des Briefs durch den Voll­zie­hungs­be­am­ten erfor­der­lich 2.

Zu der Her­aus­ga­be des Briefs an das Finanz­amt ist es bis­her nicht gekom­men. Durch Über­ga­be des wie­der auf­ge­fun­de­nen Grund­schuld­briefs lie­ße sich die erfor­der­li­che Brief­über­ga­be jetzt nicht mehr errei­chen. Denn die­ser ist durch das Aus­schlus­sur­teil vom 14.12.2009 für kraft­los erklärt wor­den und ent­fal­tet kei­ne Rechts­wir­kun­gen mehr. Das Aus­schlus­sur­teil ersetzt die Über­ga­be des Briefs nicht 3.

Der Pfän­dungs­gläu­bi­ger ist aber auch schon vor dem Ent­ste­hen des Pfän­dungs­pfand­rechts an der Grund­schuld zur Stel­lung des Antrags auf Ertei­lung eines neu­en Grund­schuld­briefs im Sin­ne von § 67 GBO "berech­tigt".

Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen dem Pfän­dungs­gläu­bi­ger die Rech­te des Grund­schuld­gläu­bi­gers nach § 1162 BGB, § 67 GBO zuste­hen wird unter­schied­lich beur­teilt. Nach einer Ansicht ist das nur der Fall, wenn der Pfän­dungs­gläu­bi­ger nicht nur die Pfän­dung und Über­wei­sung der Brief­grund­schuld erwirkt hat, son­dern dane­ben auch die Pfän­dung und Über­wei­sung die­ser Rech­te 4. Nach einer ande­ren, von dem Beschwer­de­ge­richt geteil­ten Ansicht geht die­ses Recht, eben­so wie das Recht, den abhan­den gekom­me­nen bis­he­ri­gen Brief für kraft­los erklä­ren zu las­sen, schon mit der Pfän­dung und Über­wei­sung der Grund­schuld auf den Pfän­dungs­gläu­bi­ger über 5.

Der Bun­des­ge­richts­hof teilt die zwei­te Ansicht.

Die für die Pfän­dung erfor­der­li­che Her­aus­ga­be des Grund­schuld­briefs steht nicht im Belie­ben des Voll­stre­ckungs­schuld­ners. Die­ser ist viel­mehr schon auf Grund der Pfän­dungs­ver­fü­gung ver­pflich­tet, den Brief an den Pfän­dungs­gläu­bi­ger her­aus­zu­ge­ben. Ist er zur Her­aus­ga­be nicht bereit, kann der Pfän­dungs­gläu­bi­ger auf Grund der Pfän­dung und Über­wei­sung der Grund­schuld gegen ihn die Zwangs­voll­stre­ckung (nach § 883 ZPO) betrei­ben 6. Die­se Ver­pflich­tung folgt nicht aus einem Recht des Pfän­dungs­gläu­bi­gers an dem Brief, das er nach § 952 Abs. 2 BGB erst mit dem Pfän­dungs­pfand­recht an der Grund­schuld, mit­hin erst mit der Über­ga­be oder voll­stre­ckungs­recht­li­chen Weg­nah­me des Briefs erwirbt. Grund­la­ge der Ver­pflich­tung ist eine Vor­wir­kung des mit der Pfän­dungs­ver­fü­gung nach § 309 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 AO auf­zu­er­le­gen­den Ver­bots, über die gepfän­de­te Grund­schuld zu ver­fü­gen. Das Ver­bot lie­fe ins Lee­re, wäre der Schuld­ner nicht ver­pflich­tet, an der für die Pfän­dung einer Brief­grund­schuld erfor­der­li­chen Her­aus­ga­be des Briefs mit­zu­wir­ken. Es setzt eine schon mit Erlass der Pfän­dungs­ver­fü­gung ent­ste­hen­de Ver­pflich­tung des Schuld­ners zur Her­aus­ga­be des Briefs vor­aus.

Auch die Rech­te des Schuld­ners als Gläu­bi­ger der gepfän­de­ten Grund­schuld auf Kraft­los­erklä­rung eines nicht auf­find­ba­ren Briefs nach § 1162 BGB und auf Ertei­lung eines neu­en Briefs nach § 67 GBO muss der Gläu­bi­ger schon vor dem Wirk­sam­wer­den des Pfand­rechts gel­tend machen kön­nen. Anders lie­ße sich bei Abhan­den­kom­men des Briefs die für die Pfän­dung einer Brief­grund­schuld erfor­der­li­che Über­ga­be nicht errei­chen. Die­se Mög­lich­keit kann sich der Gläu­bi­ger nicht (erst) durch eine zusätz­li­che Pfän­dung die­ser Rech­te ver­schaf­fen. Bei die­sen Rech­ten han­delt es sich nicht um zivil­recht­li­che Ansprü­che, son­dern um der Sache nach öffent­lich­recht­li­che Beschei­dungs­an­sprü­che, und zwar gegen­über dem Auf­ge­bots­ge­richt bei dem Recht aus § 1162 BGB, die Kraft­los­erklä­rung zu bean­tra­gen, und gegen­über dem Grund­buch­amt bei dem Recht aus § 67 GBO, die Ertei­lung eines neu­en Briefs zu bean­tra­gen. Die­se Befug­nis­se sind zudem untrenn­bar mit der Grund­schuld ver­bun­den. Sie fal­len dem Pfän­dungs­gläu­bi­ger ohne zusätz­li­chen Über­tra­gungs­akt zu, wenn er das Pfän­dungs­pfand­recht erlangt. Auch inso­weit ent­fal­tet das in der Pfän­dungs­ver­fü­gung aus­ge­spro­che­ne Ver­fü­gungs­ver­bot eine voll­stre­ckungs­recht­li­che Vor­wir­kung. Eben­so wie der Schuld­ner den Brief nicht mehr behal­ten darf, son­dern ihn an den Pfän­dungs­gläu­bi­ger her­aus­ge­ben muss, darf er auch von sei­nen Befug­nis­sen, einen abhan­den gekom­me­nen Brief für kraft­los erklä­ren zu las­sen und die Ertei­lung eines neu­en Briefs zu bean­tra­gen, kei­nen Gebrauch mehr machen. Das ist – unmit­tel­bar auf Grund der Pfän­dung der Grund­schuld und ohne zusätz­li­che Pfän­dung die­ser Befug­nis­se – allein Sache des Pfän­dungs­gläu­bi­gers.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Febru­ar 2012 – V ZB 308/​10

  1. so BayO­bLG, DNotZ 1988, 111, 113; KG, OLGE 38, 10, 11; Dem­har­ter, GBO, 28. Aufl., § 67 Rn. 3; Münch­Komm-ZPO/Eick­mann, 3. Aufl., §§ 10031024 Rn. 44; aM Staudinger/​Wolfsteiner [2009], § 1162 Rn. 12[]
  2. für die nahe­zu wort­glei­chen Vor­schrif­ten der ZPO: BGH, Urteil vom 21.11.1960 – III ZR 160/​59, NJW 1961, 601; Stein/​Jonas/​Brehm, ZPO, 22. Aufl., § 830 Rn. 1012; vgl. auch BGH, Urteil vom 06.04.1979 – V ZR 216/​77, NJW 1979, 2045[]
  3. BayO­bLG, DNotZ 1988, 111, 113; KG, KGJ 45, 294, 296 und OLGE 38, 10, 11; Staudinger/​Wolfsteiner, BGB [2009], § 1154 Rn. 49[]
  4. Beemann/​Gosch/​Kögel, AO, Stand 2002, § 310 Rn. 22; Hübschmann/​Hepp/​Spitaler/​Beemann, AO, Stand Juni 2010, § 310 Rn. 21; Münch­Komm-ZPO/S­mid, 3. Aufl., § 830 Rn. 18; Stein/​Jonas/​Brehm, ZPO, 22. Aufl., § 830 Rn. 21; Tem­pel, JuS 1976, 75 ff., 117, 121[]
  5. Lemke/​Wagner, Immo­bi­li­en­recht, § 67 GBO Rn. 10; Stö­ber, For­de­rungs­pfän­dung, 15. Aufl., Rn. 1830; ders. in Zöl­ler, ZPO, 29. Aufl., § 830 Rn. 5 aE[]
  6. Stein/​Jonas/​Brehm, ZPO, 22. Aufl., § 830 Rn. 14; Wieczorek/​Lüke, ZPO, 3. Aufl., § 830 Rn. 10[]