Die gleich­zei­ti­ge Ver­tre­tung von Klä­ger und Dritt­wi­der­be­klag­ten

Tritt ein (ver­meint­lich) Geschä­dig­ter sei­ne Scha­dens­er­satz­an­sprü­che zur gericht­li­chen Gel­tend­ma­chung (hier: an sei­ne Ehe­frau) ab und wird er sodann vom Beklag­ten wider­kla­gend in Anspruch genom­men, so han­delt es sich bei der anwalt­li­chen Ver­tre­tung der Klä­ge­rin und des Dritt­wi­der­be­klag­ten um die­sel­be Ange­le­gen­heit im Sin­ne der § 7 Abs. 1, § 15 Abs. 2 RVG.

Die gleich­zei­ti­ge Ver­tre­tung von Klä­ger und Dritt­wi­der­be­klag­ten

Ob von einer oder meh­re­ren Ange­le­gen­hei­ten aus­zu­ge­hen ist, lässt sich nicht all­ge­mein, son­dern nur im Ein­zel­fall unter Berück­sich­ti­gung der jewei­li­gen Umstän­de beant­wor­ten, wobei ins­be­son­de­re der Inhalt des erteil­ten Auf­trags maß­ge­bend ist 1. Wei­sungs­ge­mäß erbrach­te anwalt­li­che Leis­tun­gen betref­fen in der Regel die­sel­be Ange­le­gen­heit, wenn zwi­schen ihnen ein inne­rer Zusam­men­hang besteht und sie sowohl inhalt­lich als auch in der Ziel­set­zung so weit­ge­hend über­ein­stim­men, dass von einem ein­heit­li­chen Rah­men anwalt­li­cher Tätig­keit gespro­chen wer­den kann.

Im hier ent­schie­de­nen Fall liegt der Kla­ge und der Dritt­wi­der­kla­ge der inhalt­lich iden­ti­sche Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen die Beklag­te wegen feh­ler­haf­ter Auf­klä­rung und Bera­tung des Dritt­wi­der­be­klag­ten im Zusam­men­hang mit dem Erwerb sei­ner Betei­li­gung an einem geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds zugrun­de. Sowohl dem Dritt­wi­der­be­klag­ten als Zeden­ten als auch der Klä­ge­rin als Zes­sio­na­rin war an einer erfolg­rei­chen Durch­set­zung die­ses Anspruchs gele­gen. Der Dritt­wi­der­be­klag­te hat durch die Abtre­tung sei­ner Ansprü­che an die Klä­ge­rin deren Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on über­haupt erst her­bei­ge­führt. Die­ser inne­re Zusam­men­hang ist im Übri­gen not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung der Zuläs­sig­keit der Dritt­wi­der­kla­ge. Denn eine iso­lier­te Wider­kla­ge gegen eine bis­her am Ver­fah­ren nicht betei­lig­te Par­tei ist nur zuläs­sig, wenn unter ande­rem die Gegen­stän­de der Kla­ge und Wider­kla­ge tat­säch­lich und recht­lich eng mit­ein­an­der ver­knüpft sind 2. Hier­bei resul­tiert das recht­lich schutz­wür­di­ge Inter­es­se des im Kla­ge­we­ge vom Zes­sio­nar in Anspruch genom­me­nen Schuld­ners an der Dritt­wi­der­kla­ge gegen den Zeden­ten dar­aus, dass nur auf die­sem Weg das Nicht­be­stehen der mit der Kla­ge ver­folg­ten Ansprü­che in die­sem Rechts­streit mit Rechts­kraft auch gegen­über dem Zeden­ten sicher fest­ge­stellt wer­den kann 3. Der enge Zusam­men­hang zeigt sich auch dar­an, dass sich der Streit­wert gemäß § 45 Abs. 1 Satz 3 GKG bemisst und eine Zusam­men­rech­nung der Wer­te von Kla­ge und Wider­kla­ge wegen derer wirt­schaft­li­cher Iden­ti­tät unter­bleibt. Vor die­sem Hin­ter­grund wur­de die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin, als sie die Ver­tre­tung des Dritt­wi­der­be­klag­ten über­nahm, in der­sel­ben Ange­le­gen­heit tätig.

Der Bun­des­ge­richts­hof teilt inso­weit nicht die Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart 4, dass wegen kon­trä­rer Inter­es­sen der Klä­ge­rin und des Dritt­wi­der­be­klag­ten nicht die­sel­be Ange­le­gen­heit vor­lie­ge. In der zitier­ten Ent­schei­dung wird aus­ge­führt, die iso­lier­te Dritt­wi­der­kla­ge sei dadurch gekenn­zeich­net, dass ihre Abwehr durch den Dritt­wi­der­be­klag­ten eine zur Anspruchs­ver­fol­gung der Kla­ge ent­ge­gen­ge­setz­te Ziel­rich­tung habe. Die mit der Kla­ge ver­folg­ten Anträ­ge sei­en nur durch­zu­set­zen, wenn der Anspruch wirk­sam abge­tre­ten sei. Der Dritt­wi­der­be­klag­te kön­ne sich aber gegen die nega­ti­ve Fest­stel­lungs­kla­ge nur weh­ren mit dem Argu­ment, dass er wegen der Unwirk­sam­keit der Abtre­tung nach wie vor Anspruchs­in­ha­ber sei.

Dem ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof für den vor­lie­gen­den Fall schon des­halb nicht zu fol­gen, weil zwi­schen der Klä­ge­rin und dem Dritt­wi­der­be­klag­ten bezüg­lich der Wirk­sam­keit der Abtre­tung kein Streit bestand. Rich­tet sich aber die Fra­ge, ob eine Ange­le­gen­heit vor­liegt, nach dem Inhalt des Auf­trags, so kann jeden­falls dann, wenn sich der Dritt­wi­der­be­klag­te gera­de nicht damit ver­tei­digt, dass die Abtre­tung unwirk­sam ist, son­dern viel­mehr – in Über­ein­stim­mung mit dem Kla­ge­vor­brin­gen – sich dar­auf beruft, dass sich die Beklagte/​Widerklägerin scha­dens­er­satz­pflich­tig gemacht hat, nicht von einer ent­ge­gen­ge­setz­ten Inter­es­sen­la­ge gespro­chen wer­den. Ande­ren­falls hät­te die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin die zusätz­li­che Ver­tre­tung des Dritt­wi­der­be­klag­ten auch gar nicht über­neh­men dür­fen.

Im Übri­gen beruht die Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart 5 auf einem Fehl­ver­ständ­nis der Dritt­wi­der­kla­ge. Das Ober­lan­des­ge­richt geht davon aus, dass eine Dritt­wi­der­kla­ge unzu­läs­sig sei, wenn sich der Zedent seit der Abtre­tung an den Zes­sio­nar nicht mehr der streit­ge­gen­ständ­li­chen Ansprü­che berühmt habe und inso­weit bei­de im Pro­zess über­ein­stim­mend von der Wirk­sam­keit der Abtre­tung aus­gin­gen. Die zuläs­si­ge Dritt­wi­der­kla­ge sei dem­ge­gen­über von einem Inter­es­sen­ge­gen­satz zwi­schen Zedent und Zes­sio­nar geprägt; ihr Ziel sei die Fest­stel­lung, dass dem Zeden­ten die mit der Kla­ge gel­tend gemach­ten Ansprü­che "in Fol­ge der Abtre­tung" nicht mehr zuste­hen.

Für das Inter­es­se an der rich­ter­li­chen Fest­stel­lung, dass auch dem Zeden­ten kei­ne Ansprü­che zuste­hen, ist es aber uner­heb­lich, dass sich der Zedent nach der Abtre­tung kei­ner eige­nen Ansprü­che mehr berühmt 6. Die Dritt­wi­der­kla­ge ist dar­auf gerich­tet, das Nicht­be­stehen der mit der Kla­ge ver­folg­ten Ansprü­che mit Rechts­kraft sicher auch gegen­über dem Zeden­ten fest­zu­stel­len 7. Sie soll inso­weit die Fäl­le erfas­sen, in denen die Abtre­tung ent­we­der von vor­ne­her­ein oder auf­grund spä­te­rer Umstän­de, z.B. einer zukünf­ti­gen Anfech­tung durch den Zeden­ten, unwirk­sam ist, sodass bei einer Kla­ge­ab­wei­sung gegen­über dem (Schein)Zessionar im Fall der Erklä­rung der Rück­ab­tre­tung § 325 Abs. 1 ZPO nicht ein­greift 8. Die Dritt­wi­der­kla­ge ist des­halb – für den Fall, dass die Abtre­tung von vor­ne­her­ein unwirk­sam sein soll­te oder auf­grund spä­te­rer Umstän­de unwirk­sam wer­den könn­te – dar­auf gerich­tet fest­zu­stel­len, dass dem Zeden­ten kei­ne Scha­dens­er­satz­an­sprü­che zuste­hen, das heißt er von Anfang an kei­ne abtret­ba­ren Ansprü­che gehabt hat. Dem­entspre­chend geht der Streit der Betei­lig­ten – so wie auch hier – regel­mä­ßig nur dar­um, ob sol­che Ansprü­che ent­stan­den sind oder nicht. Auch im Ver­hält­nis der beklag­ten Par­tei und des Zeden­ten ist des­halb über die Ansprü­che selbst eine Ent­schei­dung zu tref­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Dezem­ber 2015 – III ZB 61/​15

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.06.2011 – VI ZR 73/​10, NJW 2011, 2168 Rn. 9; und vom 08.05.2014 – IX ZR 219/​13, NJW 2014, 2126 Rn. 14[]
  2. vgl. nur BGH, Urteil vom 13.06.2008 – V ZR 114/​07, NJW 2008, 2852 Rn. 27 mwN[]
  3. BGH aaO Rn. 31 ff[]
  4. OLG Stutt­gart, NJW-RR 2013, 63[]
  5. OLG Stutt­gart, aaO S. 64[]
  6. BGH aaO Rn. 31[]
  7. BGH aaO Rn. 32[]
  8. BGH aaO Rn. 34[]