Die Haf­tung des Nutz­tier­hal­ters

Ein Nutz­tier­hal­ter haf­tet zwar gemäß § 833 BGB für die von sei­nen Tie­ren ange­rich­te­ten Schä­den, aller­dings ist ihm gemäß § 833 Satz 2 BGB auch die Mög­lich­keit eines Ent­las­tungs­be­wei­ses eröff­net. Die­se Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung des Nutz­tier­hal­ters ist nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht ver­fas­sungs­wid­rig. Die Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung des Nutz­tier­hal­ters ver­stößt ins­be­son­de­re nicht gegen Art. 3 Abs. 1 GG.

Die Haf­tung des Nutz­tier­hal­ters

Der in Art. 3 Abs. 1 GG nor­mier­te all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz gebie­tet, alle Men­schen vor dem Gesetz gleich zu behan­deln. Dem­ge­mäß ist die­ses Grund­recht vor allem dann ver­letzt, wenn eine Grup­pe von Normadres­sa­ten im Ver­gleich zu ande­ren Normadres­sa­ten anders behan­delt wird, obwohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de von sol­cher Art und sol­chem Gewicht bestehen, dass sie die unglei­che Behand­lung recht­fer­ti­gen könn­ten 1. Dane­ben kommt in dem Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG auch ein Will­kür­ver­bot als fun­da­men­ta­les Rechts­prin­zip zum Aus­druck, das nicht nur der Recht­spre­chung, son­dern auch der Gesetz­ge­bung gewis­se äußers­te Gren­zen setzt. Der Gesetz­ge­ber han­delt aller­dings nicht schon dann will­kür­lich, wenn er unter meh­re­ren Lösun­gen nicht die zweck­mä­ßigs­te, ver­nünf­tigs­te oder gerech­tes­te gewählt hat, son­dern viel­mehr nur dann, wenn sich ein sach­ge­rech­ter Grund für eine gesetz­li­che Bestim­mung nicht fin­den lässt; dabei genügt Will­kür im objek­ti­ven Sinn, d. h. die tat­säch­li­che und ein­deu­ti­ge Unan­ge­mes­sen­heit der Rege­lung in Bezug auf den zu ord­nen­den Gesetz­ge­bungs­ge­gen­stand 2. Die­se Kri­te­ri­en gel­ten auch und gera­de für die Beur­tei­lung gesetz­li­cher Dif­fe­ren­zie­run­gen bei der Rege­lung von Sach­ver­hal­ten; hier endet der Spiel­raum des Gesetz­ge­bers erst dort, wo die unglei­che Behand­lung der gere­gel­ten Sach­ver­hal­te nicht mehr mit einer am Gerech­tig­keits­ge­dan­ken ori­en­tier­ten Betrach­tungs­wei­se ver­ein­bar ist, wo also ein ein­leuch­ten­der Grund für die gesetz­li­che Dif­fe­ren­zie­rung fehlt 3. Eine der­ar­ti­ge Will­kür kann bei einer gesetz­li­chen Rege­lung nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aber nur dann ange­nom­men wer­den, wenn ihre Unsach­lich­keit evi­dent ist 4.

Nach die­sen Grund­sät­zen ver­pflich­tet Art. 3 Abs. 1 GG den Gesetz­ge­ber nicht, die Haf­tung aller Tier­hal­ter ohne Rück­sicht auf den von ihnen mit der Tier­hal­tung jeweils ver­folg­ten Zweck gleich aus­zu­ge­stal­ten. So kann ein Tier einer­seits aus Lieb­ha­be­rei oder sons­ti­gen ide­el­len Zwe­cken (wie etwa aus altru­is­ti­schen Moti­ven von einem Tier­heim) gehal­ten wer­den. Ande­rer­seits kann die Tier­hal­tung – bei­spiels­wei­se in der Land­wirt­schaft – auch aus rein wirt­schaft­li­chen Grün­den erfol­gen. Der­ar­ti­gen Beson­der­hei­ten kann der Gesetz­ge­ber durch unter­schied­li­che Rege­lun­gen grund­sätz­lich Rech­nung tra­gen. Die Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung der Nutz­tier­hal­tung ist durch Gesetz vom 30. Mai 1908 5 Bestand­teil des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs gewor­den. Nach der Begrün­dung der Geset­zes­no­vel­le soll die Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung im wesent­li­chen dem Schutz klei­ne­rer Land­wir­te und Gewer­be­trei­ben­der die­nen und ins­be­son­de­re dazu bei­tra­gen, Här­ten infol­ge der bei die­sen Tier­hal­tern häu­fig bestehen­den Ver­si­che­rungs­lü­cken zu ver­mei­den 6. Die­ses gesetz­ge­be­ri­sche Anlie­gen, dem die mit der Neu­re­ge­lung erfolg­te Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen der Gefähr­dungs­haf­tung des Hal­ters eines Luxus­tie­res (§ 833 Satz 1 BGB) und der an eine Pflicht­ver­let­zung anknüp­fen­den Haf­tung des Hal­ters eines Nutz­tie­res (§ 833 Satz 2 BGB) Rech­nung trägt, erweist sich nicht als evi­dent unsach­lich und ist des­halb nicht will­kür­lich.

Der Revi­si­on ist zwar zuzu­ge­ben, dass sich die Vor­aus­set­zun­gen, die den Gesetz­ge­ber im Jahr 1908 ver­an­lasst haben, zuguns­ten des Hal­ters eines Haus­tie­res, das dem Beruf, der Erwerbs­tä­tig­keit oder dem Unter­halt des Tier­hal­ters zu die­nen bestimmt ist, eine im Bür­ger­li­chen Gesetz­buch bis dahin nicht vor­ge­se­he­ne Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung zu schaf­fen und des­halb Satz 2 in § 833 BGB nach­träg­lich ein­zu­fü­gen, im Lau­fe der Zeit geän­dert haben. Abge­se­hen davon, dass selbst in klei­nen gewerb­li­chen Betrie­ben die Tier­hal­tung heu­te kei­ne Rol­le mehr spielt und es in der Land­wirt­schaft die zum Zeit­punkt der Geset­zes­no­vel­lie­rung noch not­wen­di­ge Hal­tung von Zug­tie­ren kaum noch gibt, ist, wie der BGH schon vor län­ge­rer Zeit aus­ge­führt hat 7, auch ein Wan­del dahin ein­ge­tre­ten, dass eine Ver­si­che­rung der Tier­hal­ter­ri­si­ken heu­te all­ge­mein üblich ist. Aus die­sen Grün­den haben sich vie­le Autoren schon seit län­ge­rem für eine ersatz­lo­se Strei­chung von Satz 2 des § 833 BGB aus­ge­spro­chen 8. In jün­ge­rer Zeit ist die Rück­kehr zu einer ein­heit­li­chen Rege­lung auf der Grund­la­ge einer strik­ten Haf­tung u.a. auch bei der Vor­be­rei­tung der Schuld­rechts­re­form gefor­dert wor­den 9. Die­se Ände­rungs­vor­schlä­ge hat der Gesetz­ge­ber indes­sen weder bei der Schaf­fung des Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 26. Novem­ber 2001 10, noch bei Erlass des am 1. August 2002 in Kraft getre­te­nen Zwei­ten Geset­zes zur Ände­rung scha­dens­er­satz­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 19. Juli 2002 11 auf­ge­grif­fen. Dass die im Jahr 1908 ein­ge­führ­te Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung des Nutz­tier­hal­ters infol­ge der geän­der­ten Lebens- und Wirt­schafts­ver­hält­nis­se heu­te ohne jeden sach­li­chen Grund und damit will­kür­lich und ver­fas­sungs­wid­rig sei, ist auch nicht ersicht­lich 12. Es erscheint nach wie vor nicht völ­lig sach­fremd, hin­sicht­lich der Haf­tungs­vor­aus­set­zun­gen zwi­schen der Hal­tung von Luxus­tie­ren einer­seits und der von Nutz­tie­ren ande­rer­seits zu dif­fe­ren­zie­ren und die Haf­tung des Nutz­tier­hal­ters zu pri­vi­le­gie­ren, weil die­ser aus beruf­li­chen oder wirt­schaft­li­chen Grün­den auf die Tier­hal­tung ange­wie­sen ist. Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­grund­satz ver­langt nicht, die Haf­tung des Nutz­tier­hal­ters an die­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen zu knüp­fen wie die des Hal­ters eines Luxus­tie­res. Dass letz­te­rer ver­schul­dens­un­ab­hän­gig haf­tet, wäh­rend für den Nutz­tier­hal­ter eine Ver­schul­dens­haf­tung bei gesetz­lich ver­mu­te­tem Ver­schul­den des Tier­hal­ters gilt, ist nicht will­kür­lich. Die­se unter­schied­li­che Aus­ge­stal­tung der Haf­tungs­vor­aus­set­zun­gen bewegt sich noch inner­halb des gesetz­ge­be­ri­schen Gestal­tungs­spiel­raums 13, zumal der dem Tier­hal­ter oblie­gen­de Ent­las­tungs­be­weis stren­ge Anfor­de­run­gen stellt 14.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Juni 2009 – VI ZR 266/​08

  1. vgl. BVerfGE 22, 387, 415; 52, 264, 280 = NJW 1980, 338[]
  2. BVerfGE 4, 144, 155; 36, 174, 187 = NJW 1974, 179, 181[]
  3. BVerfGE 9, 334, 337 = NJW 1959, 1627[]
  4. BVerfGE 12, 326, 333; 23, 135, 143 = NJW 1968, 931; 55, 72, 89 f. = NJW 1981, 271, 272[]
  5. RGBl. I., 313[]
  6. RT Vhdlg. 1905 – 06 Nr. 255, S. 3230, 3231[]
  7. BGH, Urteil vom 27. Mai 1986 – VI ZR 275/​85VersR 1986, 1077, 1078[]
  8. vgl. z.B. Kreft in BGB-RGRK, 12. Aufl., § 833, Rn. 5; Kohl in AK, 1979, § 833 BGB I, 1; von Caem­me­rer, Reform der Gefähr­dungs­haf­tung, 1971, S. 20 f.; vgl. auch Mer­tens in Münch­Komm-BGB, 1. Aufl., § 833, Rn. 32[]
  9. vgl. Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, 5. Aufl., § 833, Rn. 3; v. Bar, Gemein­eu­ro­päi­sches Delikts­recht, Teil I, 1996, Rn. 211[]
  10. BGBl. I, Sei­te 3138[]
  11. BGBl. I, S. 2674[]
  12. vgl. Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, aaO[]
  13. vgl. dazu BVerfGE 81, 156, 196; BVerfG, Fam­RZ 2009, 761[]
  14. OLG Olden­burg, NJW-RR 1999, 1627; Stau­din­ger/E­berl-Bor­ges, BGB [2008], § 833, Rn. 147; Hoff­mann, ZfS 2000, 181, 183; jeweils m.w.N; vgl. auch OLG Olden­burg, NZV 1991, 115 mit NA-Beschluss vom 9. Okto­ber 1990 – VI ZR 71/​90[]