Die Haf­tung des Ten­nis­trai­ners beim Ten­nis­un­ter­richt

Ein Ten­nis­trai­ner hat im Rah­men sei­ner Schutz- und Für­sor­ge­pflich­ten dafür Sor­ge zu tra­gen, dass sich beim Ball­wech­sel kei­ne Ten­nis­bäl­le im Bewe­gungs­ra­di­us des Ten­nis­schü­lers befin­den.

Die Haf­tung des Ten­nis­trai­ners beim Ten­nis­un­ter­richt

Anlass zu die­ser Ent­schei­dung, in der das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt in Bre­men Stel­lung neh­men muss­te zu den Pflich­ten eines Ten­nis­trai­ners im Umgang mit Ten­nis­bäl­len, die wäh­rend des Unter­richts im Spiel­feld lie­gen blei­ben, bot ein Trai­nings­un­fall aus dem Jahr 2007:

Der Ten­nis­trai­ner ist ein lang­jäh­rig erfah­re­ner Ten­nis­trai­ner. Der im Jah­re 1965 gebo­re­ne Klä­ger nahm seit August/​September 2007 als Anfän­ger bei dem Ten­nis­trai­nern stun­den­wei­se Ten­nis­un­ter­richt. In der vier­ten oder fünf­ten Ein­zel­stun­de des Klä­gers spiel­ten die Par­tei­en bereits ca. 45 Minu­ten zunächst lan­ge Bäl­le an die Grund­li­nie. Sodann soll­te der Klä­ger am Netz kur­ze Bäl­le anneh­men, als der Ten­nis­trai­ner einen hohen Ball spiel­te, der nicht ganz gera­de kam. Der Klä­ger lief des­we­gen ein paar Schrit­te rück­wärts, um den Ball zu bekom­men. Er trat auf einen im Spiel­feld lie­gen­den Ten­nis­ball und stürz­te. Hier­bei erlitt er eine Patel­lar­seh­nen­rup­tur im rech­ten Knie, die eine ope­ra­ti­ve Ver­sor­gung erfor­der­lich mach­te.

Der Klä­ger macht mit sei­ner Kla­ge die Zah­lung von 4.500 € Schmer­zens­geld und 254 € mate­ri­el­len Scha­dens­er­satz gel­tend. Fer­ner begehrt er, die Fest­stel­lung, dass der Ten­nis­trai­ner ver­pflich­tet ist, sämt­li­che wei­te­ren mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Schä­den des Klä­gers aus dem Ten­nis­un­fall zu erset­zen.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Bre­men hat die Kla­ge abge­wie­sen: Ein Spie­ler, der Ten­nis­un­ter­richt neh­me, kön­ne zwar ein regel­ge­rech­tes Trai­ning erwar­ten, nicht aber, dass er vor sämt­li­chen Risi­ken geschützt wer­de, die dem Ten­nis­sport imma­nent sei­en 1. Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt in Bre­men sah dies in sei­nem Beru­fungs­ur­teil nun anders und sprach dem Klä­ger gemäß §§ 611, 280 Abs. 1, 253, 254 BGB Scha­dens­er­satz und Schmer­zens­geld unter Berück­sich­ti­gung einer Mit­ver­schul­dens­quo­te von 1/​3 zu:

Nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts hat der Ten­nis­trai­ner sei­ne Pflich­ten aus dem als Dienst­ver­trag im Sin­ne von § 611 BGB zu qua­li­fi­zie­ren­den Trai­nings­ver­tra­ges ver­letzt.

Auf Grund der Über­le­gen­heit in allen fach­li­chen Belan­gen bei gleich­zei­ti­ger Uner­fah­ren­heit und Wei­sungs­un­ter­wor­fen­heit des Schü­lers, der jenem in wei­tem Umfang ver­traut, besteht eine umfas­sen­de Ver­pflich­tung eines jeden Sport­trai­ners, alle für sei­ne Schü­ler von der Sport­aus­übung selbst aus­ge­hen­den Gefah­ren zu beherr­schen und wei­test­ge­hend zu ver­min­dern. Hier­durch ent­ste­hen für einen Sport­trai­ner in der jewei­li­gen Sport­art viel­ge­stal­ti­ge Warn- und Instruk­ti­ons­pflich­ten sowie ins­be­son­de­re umfas­sen­de Schutz- und Für­sor­ge­pflich­ten 2.

Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt hat zur Kon­kre­ti­sie­rung und Beur­tei­lung der Pflich­ten des Ten­nis­trai­nern in der vor­lie­gen­den Trai­nings­si­tua­ti­on ein schrift­li­ches Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen X., Bun­des­trai­ner beim Deut­schen Ten­nis­bund, der auch in der Trai­ner­aus­bil­dung und der Lehr­kom­mis­si­on des Deut­schen Ten­nis­bun­des tätig ist, ein­ge­holt. Nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen X., an des­sen Sach­kun­de kei­ne Zwei­fel bestehen, ist auch beim Ten­nis­spie­len ein Ver­let­zungs­ri­si­ko gege­ben, wel­ches sich ins­be­son­de­re durch das Auf­tre­ten von Band­ver­let­zun­gen rea­li­siert. Zur Ver­mei­dung eines sol­chen Risi­kos bestehen sowohl bei der Aus­bil­dung von Ten­nis­trai­nern als auch in der Trai­nings­pra­xis kon­kre­te Anfor­de­run­gen beim Umgang mit "her­um­lie­gen­den Bäl­len im Ten­nis­un­ter­richt", die im Ten­nis-Lehr­plan auf­ge­führt wer­den. Danach dür­fen aus Sicher­heits­grün­den kei­ne Bäl­le im Bewe­gungs­ra­di­us bzw. Lauf­weg des Schü­lers lie­gen. In der Trai­nings­pra­xis wer­den beim Spie­len mit vie­len Bäl­len immer wie­der Bäl­le im Spiel­feld lie­gen. Dar­um müs­sen Trai­ner und Schü­ler aus Sicher­heits­grün­den dafür sor­gen, dass sich im Bewe­gungs­ra­di­us des Schü­lers kei­ne Bäl­le befin­den.

Lie­gen Ten­nis­bäl­le in der Nähe des Schü­lers und hat er sie nicht selbst ent­fernt, so hat der Trai­ner den Ball­wech­sel sofort zu unter­bre­chen und ihn zu bit­ten, die Bäl­le zu ent­fer­nen. Soll­te es auf­grund des Zuspiels dazu kom­men, dass der Schü­ler in die Nähe der her­um­lie­gen­den Bäl­le läuft, so muss der Ten­nis­trai­ner dies unmit­tel­bar und sofort deut­lich mit­tei­len, z.B. durch den Ruf "Stopp Ball". Bei Übun­gen am Netz dür­fen kei­ne Ten­nis­bäl­le im Spiel­feld neben und hin­ter dem Schü­ler lie­gen. Bäl­le, die im Sicht­feld des Schü­lers in unmit­tel­ba­rer Nähe des Ten­nis­net­zes lie­gen, kön­nen dort ver­blei­ben, solan­ge sie sich nicht in sei­nem Bewe­gungs­ra­di­us befin­den. Eben­so kön­nen bei Übun­gen am Netz Bäl­le in der Nähe des hin­te­ren Begren­zungs­zau­nes lie­gen blei­ben. Bei Übun­gen im Grund­li­ni­en­be­reich kön­nen Bäl­le im Netz­be­reich und am hin­te­ren Begren­zungs­zaun lie­gen. Bei allen Übungs­for­men ist dar­auf zu ach­ten, dass sich kein Ball im Spiel­feld befin­det. Dies gilt ins­be­son­de­re für Ten­nis­bäl­le, die nicht im Sicht­be­reich des Üben­den – also hin­ter und neben ihm – lie­gen.

Danach war der Ten­nis­trai­ner ver­pflich­tet, bei Übun­gen am Netz dafür Sor­ge zu tra­gen, dass sich kei­ne Bäl­le im Spiel­feld neben oder hin­ter dem Klä­ger befin­den. Er hät­te jeden­falls den Klä­ger anwei­sen müs­sen, den Ball aus dem Spiel­feld zu ent­fer­nen. Nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen ist dies im Hin­blick auf die erfor­der­li­che Sicher­heit auch für den Trai­nings­all­tag im Ten­nis als zumut­bar anzu­se­hen. Es ist nicht ersicht­lich, dass damit der Trai­nings­ab­lauf in unan­ge­mes­se­ner Wei­se gestört wird. Bei einer kon­se­quen­ten Erin­ne­rung eines Schü­lers an die­se Pflicht wird er dies ohne gro­ßen Auf­wand erle­di­gen kön­nen, da er ledig­lich die in dem Gefah­ren­be­reich befind­li­chen Bäl­le ent­fer­nen muss.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts ist aller­dings ein erheb­li­ches Mit­ver­schul­den des Klä­gers im Sin­ne von § 254 BGB gege­ben. Nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen ist auch vom Schü­ler zu erwar­ten, dass er Bäl­le aus dem Spiel­feld ent­fernt, wenn er die­se wahr­nimmt. Im kon­kre­ten Fall hält der Senat inso­weit ein Mit­ver­schul­den, das mit einer Quo­te von einem Drit­tel zu berück­sich­ti­gen ist, für ange­mes­sen. Eine wei­ter­ge­hen­de Mit­haf­tung ist nach den Umstän­den des Fal­les nicht gerecht­fer­tigt. Bei der Abwä­gung ist zu berück­sich­ti­gen, dass es sich bei dem Klä­ger um einen Anfän­ger im Ten­nis­sport han­delt, der bis zu dem Vor­fall ledig­lich vier bis fünf Stun­den Unter­richt bei dem Ten­nis­trai­nern hat­te. Nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen befand sich der Klä­ger in der ers­ten Lern­pha­se, die in Fach­krei­sen auch als Grob­form umschrie­ben wird. In einer sol­chen Pha­se besteht noch kein oder nur ein undeut­li­ches Bewe­gungs­ge­fühl. Für den Anfän­ger ist der Kon­zen­tra­ti­ons­auf­wand noch erheb­lich. Ent­spre­chend hoch sind der Ener­gie­auf­wand und der Wir­kungs­grad, was der Trai­ner bei sei­nem Unter­richt mit ein­be­zie­hen muss.

Dar­über hin­aus ist von einem Anfän­ger im Ten­nis­sport nicht zu erwar­ten, dass er die von einem her­um­lie­gen­den Ball aus­ge­hen­de Gefahr in der glei­chen Wei­se wahr­nimmt wie der Ten­nis­trai­ner auf­grund sei­ner Erfah­rung als Ten­nis­trai­ner. Fer­ner ist zu berück­sich­ti­gen, dass erst das feh­ler­haf­te Zuspiel des Ten­nis­trai­nern Anlass für die zum Unfall füh­ren­de Reak­ti­on des Klä­gers war.

Die Pflicht­ver­let­zung ist auch kau­sal für die Ver­let­zung des Klä­gers am rech­ten Knie.
Das Ver­schul­den des Ten­nis­trai­nern wird nach § 280 Abs. 1 S. 2 BGB ver­mu­tet.

Han­sea­ti­sches Ober­lan­des­ge­richt in Bre­men, Urteil vom 13. März 2013 – 1 U 13/​12

  1. LG Bre­men, Urteil vom 01.02.2012 – 8 O 1806/​11[]
  2. Fritzweiler/​Pfister/​Summerer, Pra­xis­hand­buch Sport­recht, 2. Aufl., S. 459; Heermann/​Götze, Zivil­recht­li­che Haf­tung im Sport, S. 146[]

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