Die Haftung des Gerichtssachverständigen – und das nicht eingeholte Privatgutachten

Die Einholung eines Privatgutachtens zählt nicht zu den „Rechtsmitteln“ im Sinne von § 839a Abs. 2, § 839 Abs. 3 BGB.

Die Haftung des Gerichtssachverständigen – und das nicht eingeholte Privatgutachten

Die Amtshaftung bzw. die Haftung des gerichtlich bestellten Sachverständigen tritt – ebenso wie die Amtshaftung – nicht ein, wenn der Verletzte vorsätzlich oder fahrlässig unterlassen hat, den Schaden durch Gebrauch eines Rechtsmittels abzuwenden, § 839a Abs. 2, § 839 Abs. 3 BGB.

Insoweit ist allerdings die Ansicht des Oberlandesgerichts Celle1, wonach die Einholung eines Privatgutachtens als „Rechtsmittel“ im Sinne dieses Haftungsausschlusses anzusehen sei, von Rechtsfehlern beeinflusst.

Als „Rechtsmittel“ kommen zwar auch solche Behelfe in Betracht, die sich unmittelbar gegen das fehlerhafte Gutachten selbst richten und die bestimmt und geeignet sind, eine auf das Gutachten gestützte instanzbeendende gerichtliche Entscheidung zu verhindern. Zu denken ist insoweit etwa an Gegenvorstellungen und Hinweise auf die Unrichtigkeit des Gutachtens (vgl. § 411 Abs. 4 ZPO), an Anträge, den Sachverständigen zur mündlichen Erläuterung seines Gutachtens zu laden, oder an formelle Beweisanträge auf Einholung eines neuen (Ober)Gutachtens gemäß § 412 Abs. 1 ZPO2.

Nicht unter die „Rechtsmittel“ im Sinne von § 839a Abs. 2, § 839 Abs. 3 BGB fällt indessen die Einholung eines Privatgutachtens, um Einwände gegen ein beanstandetes gerichtliches Sachverständigengutachten zu substantiieren3. Zwar mag die Einholung und Vorlage eines Privatgutachtens die Aussicht dafür erhöhen, dass das Prozessgericht einem Antrag auf Einholung eines neuen (Ober)Gutachtens Folge leistet4. Eine nicht sachkundige Partei ist jedoch generell nicht verpflichtet, zur Substantiierung ihrer Einwendungen gegen ein gerichtliches Sachverständigengutachten einen Privatgutachter zu konsultieren5. Dementsprechend kann es ihr nicht im Sinne von § 839a Abs. 2, § 839 Abs. 3 BGB anspruchsausschließend zur Last fallen, wenn sie dies unterlassen hat.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 27. Juli 2017 – III ZR 440/16

  1. OLG Celle, Urteil vom 20.07.2016 – 4 U 102/13, MDR 2016, 1203[]
  2. BGH, Beschluss vom 28.07.2006 – III ZB 14/06, NJW-RR 2006, 1454, 1455 Rn. 11; und Urteil vom 05.07.2007 – III ZR 240/06, BGHZ 173, 98, 100 f Rn. 8[]
  3. so auch BeckOGK/Dörr, BGB, § 839a Rn. 67 [Stand: 1.04.2017]; Staudinger/Wöstmann, BGB [2013], § 839a Rn. 27 mwN aus dem Schrifttum; wohl auch MünchKomm-BGB/Wagner, 7. Aufl., § 839a Rn. 40; a.A. OLG Celle, DS 2012, 82, 83; LG Nürnberg-Fürth, Urteil vom 15.10.2012 – 3 O 3620/12, BeckRS 2014, 15746[]
  4. OLG Celle aaO S. 83 f; LG Nürnberg-Fürth aaO[]
  5. BGH, Urteile vom 19.02.2003 – IV ZR 321/02, NJW 2003, 1400 f; vom 18.10.2005 – VI ZR 270/04, NJW 2006, 152, 154 Rn. 15; und vom 08.07.2008 – VI ZR 259/06, NJW 2008, 2846, 2849 Rn. 27; s. auch Dörr aaO; Wagner aaO[]