Die Hin­weis­pflicht des Gerichts und der Anspruch auf recht­li­ches Gehör

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs muss das Gericht in Erfül­lung sei­ner pro­zes­sua­len Für­sor­ge­pflicht – gemäß § 139 Abs. 4 ZPO Hin­wei­se auf sei­ner Ansicht nach ent­schei­dungs­er­heb­li­che Umstän­de, die die betrof­fe­ne Par­tei erkenn­bar für uner­heb­lich gehal­ten hat, grund­sätz­lich so früh­zei­tig vor der münd­li­chen Ver­hand­lung ertei­len, dass die Par­tei die Gele­gen­heit hat, ihre Pro­zess­füh­rung dar­auf ein­zu­rich­ten und schon für die anste­hen­de münd­li­che Ver­hand­lung ihren Vor­trag zu ergän­zen und die danach erfor­der­li­chen Bewei­se anzu­tre­ten. Erteilt es den Hin­weis ent­ge­gen § 139 Abs. 4 ZPO erst in der münd­li­chen Ver­hand­lung, muss es der betrof­fe­nen Par­tei genü­gend Gele­gen­heit zur Reak­ti­on hier­auf geben.

Die Hin­weis­pflicht des Gerichts und der Anspruch auf recht­li­ches Gehör

Das Beru­fungs­ge­richt darf das Urteil in dem Ter­min erlas­sen, in dem die münd­li­che Ver­hand­lung geschlos­sen wird, wenn die Par­tei in der münd­li­chen Ver­hand­lung ohne Wei­te­res in der Lage ist, umfas­send und abschlie­ßend Stel­lung zu neh­men. Ist das nicht der Fall, soll das Beru­fungs­ge­richt auf Antrag der Par­tei Schrift­satz­nach­lass gewäh­ren, § 139 Abs. 5 ZPO.

Wenn es offen­sicht­lich ist, dass die Par­tei sich in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht abschlie­ßend erklä­ren kann, so muss das Beru­fungs­ge­richt – wenn es nicht in das schrift­li­che Ver­fah­ren über­geht – auch ohne einen Antrag auf Schrift­satz­nach­lass die münd­li­che Ver­hand­lung ver­ta­gen, um Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben. Erlässt das Beru­fungs­ge­richt in die­sem Fall ein Urteil, ohne die Sache ver­tagt zu haben, ver­stößt es gegen den Anspruch der Par­tei auf recht­li­ches Gehör, Art. 103 Abs. 1 GG1.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4.7.2013 – VII ZR 192/​11

  1. BGH, Beschluss vom 10.03.2011 – VII ZR 35/​08, BauR 2011, 1200 Rn. 11; Beschluss vom 15.10.2009 VII ZR 2/​09, BauR 2010, 246 Rn. 4, jeweils m.w.N. []