Die im ers­ten Rechts­zug durch­ge­führ­te Beweis­auf­nah­me – und ihre Wie­der­ho­lung durch das Beru­fungs­ge­richt

Auch wenn es grund­sätz­lich im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts steht, ob und inwie­weit eine im ers­ten Rechts­zug durch­ge­führ­te Beweis­auf­nah­me zu wie­der­ho­len ist, kann von einer erneu­ten münd­li­chen Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen jeden­falls dann nicht abge­se­hen wer­den, wenn das Beru­fungs­ge­richt des­sen Aus­füh­run­gen abwei­chend von der Vor­in­stanz wür­di­gen will [1].

Die im ers­ten Rechts­zug durch­ge­führ­te Beweis­auf­nah­me – und ihre Wie­der­ho­lung durch das Beru­fungs­ge­richt

So hät­te auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen in der Beru­fungs­in­stanz nach § 529 Abs. 1 Nr. 1, §§ 398, 402 ZPO den Sach­ver­stän­di­gen des unfall­ana­ly­ti­schen Gut­ach­tens erneut ange­hö­ren müs­sen, da es des­sen Aus­füh­run­gen anders gewür­digt hat [2] als das erst­in­stanz­lich täti­ge Land­ge­richt Pas­sau [3]:

Auch wenn es grund­sätz­lich im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts steht, ob und inwie­weit eine im ers­ten Rechts­zug durch­ge­führ­te Beweis­auf­nah­me zu wie­der­ho­len ist, bedarf es dann einer erneu­ten Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen durch das Beru­fungs­ge­richt, wenn es des­sen Aus­füh­run­gen abwei­chend von der Vor­in­stanz wür­di­gen will, ins­be­son­de­re ein ande­res Ver­ständ­nis der Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen zugrun­de legen und damit ande­re Schlüs­se aus die­sen zie­hen will als der Erstrich­ter [4]. Inso­weit kann nichts Ande­res gel­ten als bei der abwei­chen­den Beur­tei­lung von Zeu­gen­aus­sa­gen ers­ter Instanz [5].

Gegen die­se Grund­sät­ze hat das Beru­fungs­ge­richt ver­sto­ßen. Das Land­ge­richt hat dem schrift­li­chen Gut­ach­ten und den pro­to­kol­lier­ten Äuße­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen für die Unfall­ana­ly­se S. bei sei­ner Anhö­rung ent­nom­men, dass der Sach­ver­stän­di­ge kei­ne Mög­lich­keit eines Kau­sa­li­täts­nach­wei­ses gese­hen habe, da nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­ne, dass die kon­kret ein­ge­hal­te­ne Sitz­po­si­ti­on auch bei ange­leg­tem Gurt zu einem Kon­takt mit der Instru­men­ten­ta­fel füh­re, weil sich zum einen die Knie des Klä­gers fahr­zeug­bau­art­be­dingt in unmit­tel­ba­rer Nähe der Instru­men­ten­ta­fel befun­den hät­ten und zudem nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­ne, dass es als Fol­ge der Kol­li­si­on zu einer Intru­si­on von Bau­tei­len ins Fahr­zeug und damit zu einem Kon­takt mit den Knien des Klä­gers gekom­men sei. Dem­ge­gen­über hat das Beru­fungs­ge­richt unter Beru­fung auf die schrift­li­chen und münd­li­chen Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen vor dem Land­ge­richt ange­nom­men, dass bei Ein­nah­me einer „nor­ma­len“ Sitz­po­si­ti­on das Anle­gen des Sicher­heits­gur­tes die Ver­let­zun­gen gänz­lich ver­hin­dert oder zumin­dest abge­schwächt hät­te. Damit hat das Beru­fungs­ge­richt die sach­ver­stän­di­ge Bewer­tung des mög­li­chen Zusam­men­hangs des Nicht­an­le­gens des Sicher­heits­gur­tes mit den Knie­ver­let­zun­gen in einer Wei­se ver­stan­den, die mit den Aus­füh­run­gen des Land­ge­richts nicht ver­ein­bar ist.

Dar­über hin­aus hat der Klä­ger in dem vom Beru­fungs­ge­richt nach­ge­las­se­nen Schrift­satz aus­ge­führt, dass er sich an sei­ne kon­kre­te Sitz­po­si­ti­on zwar nicht erin­nern kön­ne; auf­grund sei­ner aktu­el­len Sitz­po­si­ti­on, sei­ner Kör­per­grö­ße (189 cm) und sei­ner Bein­län­ge (102 cm), die er auf­grund medi­zi­ni­scher Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten genau bezeich­nen kön­ne, sei aber von einer Sitz­po­si­ti­on nah am Dash­board aus­zu­ge­hen. Die­sen Vor­trag hat das Beru­fungs­ge­richt für unbe­acht­lich erklärt. Auch die­ser Vor­trag macht eine erneu­te Tat­sa­chen­fest­stel­lung durch sach­ver­stän­di­ge Erläu­te­rung erfor­der­lich. So kann im Hin­blick auf die Grö­ßen­ver­hält­nis­se – des Fahr­zeugs und des Klä­gers – bei­spiels­wei­se schon nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die vom Beru­fungs­ge­richt für einen typi­schen Gesche­hens­ab­lauf vor­aus­ge­setz­te „nor­ma­le“ Sitz­po­si­ti­on für den Klä­ger auf­grund sei­ner Bein­län­ge und Kör­per­grö­ße in die­sem Fahr­zeug gar nicht ein­ge­nom­men wer­den konn­te. Im Übri­gen ist bis­her nicht fest­ge­stellt, wie eine „nor­ma­le“ Sitz­po­si­ti­on prä­zi­se, also unter Anga­be einer bezif­fer­ten Distanz, zu defi­nie­ren ist, die – wie das Land­ge­richt rich­tig erkannt hat – auch vom Fahr­zeug­typ abhän­gig sein könn­te.

Die Gehörsver­let­zung ist im vor­lie­gen­den Fall auch ent­schei­dungs­er­heb­lich. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt nach der gebo­te­nen ergän­zen­den Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen zu einer ande­ren Beur­tei­lung gekom­men wäre.

Schon auf der Grund­la­ge einer voll­stän­di­gen Wür­di­gung der bis­he­ri­gen vom Land­ge­richt erho­be­nen schrift­li­chen und pro­to­kol­lier­ten Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen S. wirft die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de mit Blick auf die Abhän­gig­keit der Fol­gen des Nicht­an­le­gens des Gur­tes von der Sitz­po­si­ti­on des Fah­rers und auf eine mög­li­che Intru­si­on des Dash­boards in den Innen­be­reich des Fahr­zeugs gemes­sen an § 286 ZPO zu Recht die Fra­ge auf, ob im Hin­blick auf die Knie­ver­let­zun­gen von dem für einen Anscheins­be­weis erfor­der­li­chen typi­schen Gesche­hens­ab­lauf aus­ge­gan­gen wer­den kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Juli 2020 – VI ZR 468/​19

  1. Fest­hal­ten an BGH, Urteil vom 08.06.1993 – VI ZR 192/​92; Anschluss an BGH, Beschluss vom 06.03.2019 – IV ZR 128/​18[]
  2. OLG Mün­chen, Urteil vom 25.10.2019 – 10 U 3171/​18, ZfSch 2020, 200[]
  3. LG Pas­sau, Urteil vom 17.08.2018 – 4 O 740/​15[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.06.1993 – VI ZR 192/​92, VersR 1993, 1110 17; BGH, Beschlüs­se vom 06.03.2019 – IV ZR 128/​18, VersR 2019, 506; vom 18.07.2018 – VII ZR 30/​16, NJW-RR 2018, 1173 Rn. 17; vom 24.03.2010 – VIII ZR 270/​09, BauR 2010, 1095 8[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 25.07.2017- VI ZR 103/​17, NJW 2018, 308 Rn. 9; BGH, Beschlüs­se vom 21.03.2018 – IV ZR 248/​17, VersR 2018, 1023 Rn. 10; vom 10.11.2010 – IV ZR 122/​09, VersR 2011, 369 Rn. 6[]