Die inhalt­lich unrich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ein durch eine inhalt­lich unrich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung her­vor­ge­ru­fe­ner Rechts­irr­tum einer anwalt­lich ver­tre­te­nen Par­tei ist nicht ver­schul­det, wenn die Rechts­mit­tel­be­leh­rung nicht offen­kun­dig feh­ler­haft und der durch sie ver­ur­sach­te Irr­tum nach­voll­zieh­bar ist.

Die inhalt­lich unrich­ti­ge Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Anlass für die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs war ein Rechts­streit in einer Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­che, in der das erst­in­stanz­lic mit der Sache befass­te Amts­ge­richt Nie­büll – in feh­ler­haf­ter Anwen­dung der Kon­zen­tra­ti­ons­vor­schrift des § 72 Abs. 2 GVG – münd­lich eine fal­sche Rechts­mit­tel­be­leh­rung erteilt und als Beru­fungs­ge­richt das Land­ge­richt Itze­hoe statt des eigent­lich zustän­di­gen Land­ge­richts Flens­burg bezeich­net hat­te. Dem­entspre­chend hat­te der – anwalt­lich ver­tre­te­ne – Beklag­te Beru­fung zum Land­ge­richt Itze­hoe statt zum eigent­lich zustän­di­gen Land­ge­richt Flens­burg ein­ge­legt.

Die bei dem Land­ge­richt Itze­hoe ein­ge­leg­te Beru­fung hat die Frist des § 517 ZPO nicht gewahrt. Für die Beru­fung der Beklag­ten ist das Land­ge­richt Flens­burg als all­ge­mei­nes Beru­fungs­ge­richt zustän­dig. Die beson­de­re Zustän­dig­keit des Land­ge­richts Itze­hoe in Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­chen ist nicht begrün­det, weil sich die in § 72 Abs. 2 GVG gere­gel­te Zustän­dig­keits­kon­zen­tra­ti­on nur auf Bin­nen­strei­tig­kei­ten nach dem Woh­nungs­ei­gen­tums­ge­setz erstreckt, nicht aber auf die in § 43 Nr. 5 WEG gere­gel­ten Kla­gen Drit­ter gegen die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft.

Die unzu­tref­fen­de Rechts­mit­tel­be­leh­rung des Amts­ge­richts hat dazu geführt, dass die Beklag­te die Beru­fungs­frist ohne ihr Ver­schul­den ver­säumt hat. Aus die­sem Grund ist ihr Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren (§ 233 ZPO).

Die Wie­der­ein­set­zung setzt zunächst vor­aus, dass die unzu­tref­fen­de Rechts­mit­tel­be­leh­rung kau­sal für die Ver­säu­mung der Frist war [1]. Dar­an bestehen nach dem tat­säch­li­chen Ablauf kei­ne Zwei­fel, weil der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten den münd­lich erteil­ten rich­ter­li­chen Hin­weis befolgt hat und die Beru­fung nicht bei dem in dem nor­ma­len Rechts­mit­tel­zug zustän­di­gen Land­ge­richt Flens­burg, son­dern bei dem Land­ge­richt Itze­hoe ein­ge­legt hat.

Die Beklag­te hat die Frist unver­schul­det ver­säumt.

Im Aus­gangs­punkt zutref­fend ist das Beru­fungs­ge­richt davon aus­ge­gan­gen, dass durch eine unzu­tref­fen­de Rechts­be­helfs­be­leh­rung ein Ver­trau­ens­tat­be­stand geschaf­fen wird, der zur Wie­der­ein­set­zung wegen schuld­lo­ser Frist­ver­säum­nis berech­tigt, wenn die Beleh­rung einen unver­meid­ba­ren oder zumin­dest ent­schuld­ba­ren Rechts­irr­tum auf Sei­ten der Par­tei her­vor­ruft und die Frist­ver­säum­nis dar­auf beruht. Auch eine anwalt­lich ver­tre­te­ne Par­tei darf sich im Grund­satz auf die Rich­tig­keit einer Beleh­rung durch das Gericht ver­las­sen [2], ohne dass es dar­auf ankommt, ob die­se gesetz­lich vor­ge­schrie­ben ist oder nicht. Die Fol­gen einer inhalt­lich unrich­ti­gen Rechts­mit­tel­be­leh­rung dür­fen nicht ohne wei­te­res mit denen einer gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen, aber feh­len­den bzw. unvoll­stän­di­gen Rechts­mit­tel­be­leh­rung gleich­ge­setzt wer­den, weil eine anwalt­lich ver­tre­te­ne Par­tei nur in letz­te­rem Fall regel­mä­ßig nicht schutz­be­dürf­tig ist [3].

Die Anfor­de­run­gen an einen ent­schuld­ba­ren Rechts­irr­tum hat das Beru­fungs­ge­richt über­spannt, indem es ihn mit der Begrün­dung ver­neint hat, bei einer eige­nen Rechts­prü­fung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten wäre die Feh­ler­haf­tig­keit der erteil­ten Beleh­rung ein­deu­tig gewe­sen. Der Sache nach hat es sich damit näm­lich auf die Prü­fung der Ver­meid­bar­keit des Rechts­irr­tums beschränkt, ohne in den Blick zu neh­men, dass auch ein ver­meid­ba­rer Rechts­irr­tum ent­schuld­bar sein kann. Der Maß­stab für die Ent­schuld­bar­keit eines durch das Gericht ver­ur­sach­ten Rechts­irr­tums darf – wie die Rechts­be­schwer­de zu Recht anmerkt – nicht der­art gefasst wer­den, dass die Wie­der­ein­set­zung nur in Aus­nah­me­fäl­len zu gewäh­ren ist, weil eine eige­ne anwalt­li­che Prü­fung den Feh­ler in aller Regel ver­mei­den könn­te. Ent­schuld­bar ist der Rechts­irr­tum viel­mehr schon dann, wenn die Rechts­mit­tel­be­leh­rung nicht offen­kun­dig feh­ler­haft und der durch sie ver­ur­sach­te Irr­tum nach­voll­zieh­bar ist [4].

Nach die­sem Maß­stab wäre der Rechts­irr­tum der Beklag­ten zwar ver­meid­bar gewe­sen. Er war aber ent­schuld­bar. Der Hin­weis des Gerichts war ein­deu­tig. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin war er nicht offen­kun­dig falsch. Die For­mu­lie­rung, die Beru­fung sei an das Land­ge­richt Itze­hoe als zen­tra­les Beru­fungs­ge­richt für alle Schles­wig­Hol­stei­ni­schen Beru­fungs­ver­fah­ren zu rich­ten, war näm­lich erkenn­bar auf die in § 72 Abs. 2 GVG gere­gel­te beson­de­re Zustän­dig­keit in Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­chen bezo­gen. Für eine eigen­stän­di­ge Über­prü­fung der Rechts­mit­tel­zu­stän­dig­keit gab es aus Sicht der Par­tei­en kei­nen Anlass. Denn nach­dem zuvor die Zustän­dig­keit des mit Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­chen befass­ten Rich­ters erör­tert wor­den war, durf­ten die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten davon aus­ge­hen, dass der mit die­ser Spe­zi­al­ma­te­rie beson­ders ver­trau­te Rich­ter inso­weit zuver­läs­si­ge Aus­kunft gab. Das gilt – anders als das Beru­fungs­ge­richt meint – gera­de des­halb, weil der Hin­weis im Zusam­men­hang mit der Erör­te­rung der Zustän­dig­kei­ten in Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­chen erteilt wur­de.

Ver­fehlt ist die Annah­me, auch der Umstand, dass die Beklag­te die Beru­fung kurz vor Ablauf der Rechts­mit­tel­frist ein­ge­legt habe, begrün­de ihr Ver­schul­den. Rechts­mit­tel­fris­ten dür­fen grund­sätz­lich voll aus­ge­schöpft wer­den [5]. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts war die Rechts­mit­tel­zu­stän­dig­keit aus Sicht des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten nicht zwei­fel­haft, son­dern ein­deu­tig, weil er sich auf den rich­ter­li­chen Hin­weis ver­las­sen durf­te. Die Mög­lich­keit, dass der rich­ter­li­che Feh­ler bei einer früh­zei­ti­gen Rechts­mit­tel­ein­le­gung noch vor Frist­ab­lauf beho­ben wor­den wäre, führt des­halb nicht zu einem Ver­schul­den der Par­tei.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Janu­ar 2012 – V ZB 198/​11, V ZB 199/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 02.05.2002 – V ZB 36/​01, BGHZ 150, 390, 399; BGH, Beschluss vom 23.06.2010 – XII ZB 82/​10, NJW-RR 2010, 1297 Rn. 11 jeweils mwN[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 23.09.1993 – LwZR 10/​92, NJW 1993, 3206; vom 16.10.2003 – IX ZB 36/​03, NJW-RR 2004, 408; vom 25.11.2003 – VIII ZB 122/​02, NJW-RR 2004, 1714, 1715; Musielak/​Ball, ZPO, 8. Aufl., vor § 511 Rn. 36[]
  3. zutref­fend OLG Ros­tock, FamRZ 2011, 986 f.; miss­ver­ständ­lich inso­weit die Geset­zes­be­grün­dung zu § 17 FamFG, BT-Drucks. 16/​6308, S. 183, vgl. Keidel/​Sternal, FamFG, 17. Aufl., § 17 Rn. 37; zu einer unvoll­stän­di­gen Rechts­mit­tel­be­leh­rung BGH, Beschluss vom 23.06.2010 – XII ZB 82/​10, NJW-RR 2010, 1297 Rn. 11 f., 15[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.09.1993 – LwZR 10/​92, NJW 1993, 3206; vom 11.06.1996 – VI ZB 10/​96, VersR 1996, 1522, 1523; vom 16.10.2003 – IX ZB 36/​03, NJW-RR 2004, 408; OLG Ros­tock, FamRZ 2011, 986 f.; Zöller/​Greger, ZPO, 29. Aufl., § 233 Rn. 23 unter „Rechts­irr­tum“ aE; zu undif­fe­ren­ziert OLG Karls­ru­he, NJW-RR 2010, 1223 und OLG Koblenz, NJW 2010, 2594, 2595[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 18.09.2008 – V ZB 32/​08, NJW 2008, 3571 Rn. 7 mwN[]