Die Insol­venz des Ver­si­che­rungs­neh­mers – und die Voll­stre­ckung in den Frei­stel­lungs­an­spruch

Wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens ist die Ein­zelzwangs­voll­stre­ckung wegen einer Insol­venz­for­de­rung in den Frei­stel­lungs­an­spruch des Schuld­ners gegen des­sen Haft­pflicht­ver­si­che­rer unzu­läs­sig, sofern der Gläu­bi­ger sei­ne per­sön­li­che For­de­rung und nicht das Recht auf abge­son­der­te Befrie­di­gung aus dem Frei­stel­lungs­an­spruch des Schuld­ners ver­folgt.

Die Insol­venz des Ver­si­che­rungs­neh­mers – und die Voll­stre­ckung in den Frei­stel­lungs­an­spruch

Der von der Gläu­bi­ge­rin betrie­be­nen Zwangs­voll­stre­ckung steht in einem sol­chen Fall das als Voll­stre­ckungs­hin­der­nis von Amts wegen zu beach­ten­de 1 Voll­stre­ckungs­ver­bot des § 89 Abs. 1 InsO ent­ge­gen. Hier­nach sind Zwangs­voll­stre­ckun­gen für ein­zel­ne Insol­venz­gläu­bi­ger wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens weder in die Insol­venz­mas­se noch in das sons­ti­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners zuläs­sig.

Die Gläu­bi­ge­rin gehört zu den von dem Voll­stre­ckungs­ver­bot betrof­fe­nen Gläu­bi­gern. Mit ihrem Antrag auf Erlass eines Pfän­dungs­be­schlus­ses betreibt sie die Siche­rungs­voll­stre­ckung eines vor Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ent­stan­de­nen und vor­läu­fig voll­streck­bar titu­lier­ten per­sön­li­chen Anspruchs. Hin­sicht­lich die­ses Anspruchs ist sie des­halb Insol­venz­gläu­bi­ge­rin (§ 38 InsO). Sie wäre nur dann nicht von § 89 Abs.1 InsO betrof­fen, wenn mit dem Pfän­dungs­an­trag nicht die per­sön­li­che For­de­rung voll­streckt, son­dern ein Abson­de­rungs­recht ver­wer­tet wer­den soll­te 2. So liegt der Fall jedoch nicht.

Die Gläu­bi­ge­rin kann aller­dings als Haf­tungs­gläu­bi­ge­rin wegen des ihr gegen die Schuld­ne­rin zuste­hen­den Haf­tungs­an­spruchs gemäß § 110 VVG abge­son­der­te Befrie­di­gung aus dem Frei­stel­lungs­an­spruch der Schuld­ne­rin gegen deren Haft­pflicht­ver­si­che­rer ver­lan­gen, nach­dem über das Ver­mö­gen der Schuld­ne­rin als Ver­si­che­rungs­neh­me­rin das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net ist.

Gemäß § 110 VVG kann der geschä­dig­te Drit­te wegen des ihm gegen den Ver­si­che­rungs­neh­mer zuste­hen­den Anspruchs abge­son­der­te Befrie­di­gung aus dem Frei­stel­lungs­an­spruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers ver­lan­gen, wenn über des­sen Ver­mö­gen das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net ist. Dies stellt sicher, dass die Ver­si­che­rungs­leis­tung dem geschä­dig­ten Drit­ten und nicht den Gläu­bi­gern des Ver­si­che­rungs­neh­mers zugu­te­kommt; letz­te­res wider­sprä­che der Sozi­al­bin­dung der Haft­pflicht­ver­si­che­rung zu Guns­ten des Drit­ten 3. Mate­ri­ell­recht­lich erlangt der Drit­te wegen § 110 VVG in der Insol­venz des Schä­di­gers ein gesetz­li­ches Pfand­recht am Frei­stel­lungs­an­spruch 4.

Das Abson­de­rungs­recht nach § 110 VVG ent­steht bei Vor­lie­gen eines Scha­dens­falls schon mit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen des ver­si­cher­ten Schä­di­gers, auch wenn der Haft­pflicht­an­spruch noch nicht mit bin­den­der Wir­kung für den Ver­si­che­rer (§ 106 Satz 1 VVG) fest­ge­stellt ist 5. Es bedarf des­halb kei­ner Ent­schei­dung, ob auch ein ledig­lich vor­läu­fig voll­streck­ba­res Urteil, das Grund­la­ge der von der Gläu­bi­ge­rin betrie­be­nen Siche­rungs­voll­stre­ckung ist, die Fäl­lig­keit des Deckungs­an­spruchs nach § 106 Satz 1 VVG aus­lö­sen kann 6.

Mit dem Antrag auf Pfän­dung des Frei­stel­lungs­an­spruchs macht die Gläu­bi­ge­rin jedoch nicht ihr Abson­de­rungs­recht gel­tend.

Auf­grund der Rege­lung in § 110 VVG ver­fügt die Gläu­bi­ge­rin bereits über ein Pfand­recht, min­des­tens über ein pfand­rechts­ähn­li­ches Recht an dem Frei­stel­lungs­an­spruch der Schuld­ne­rin. Gemäß dem hier­nach anwend­ba­ren § 50 Abs. 1 InsO sind Gläu­bi­ger, die an einem Gegen­stand der Insol­venz­mas­se ein Pfand­recht haben, nach Maß­ga­be der §§ 166 bis 173 InsO für Haupt­for­de­rung, Zin­sen und Kos­ten zur abge­son­der­ten Befrie­di­gung an dem Pfand­ge­gen­stand berech­tigt. Ein Ver­wer­tungs­recht des Insol­venz­ver­wal­ters nach § 166 Abs. 2 InsO besteht nicht 7. Der des­halb gemäß § 173 Abs. 1 InsO selbst zur Ver­wer­tung berech­tig­te Gläu­bi­ger kann sein Abson­de­rungs­recht ent­spre­chend den auf sein Siche­rungs­recht anwend­ba­ren gesetz­li­chen Bestim­mun­gen außer­halb des Insol­venz­ver­fah­rens durch­set­zen 8. Als Inha­be­rin eines Pfand­rechts könn­te die Gläu­bi­ge­rin ent­we­der die For­de­rung der Schuld­ne­rin gegen ihren Haft­pflicht­ver­si­che­rer unmit­tel­bar ein­zie­hen (§ 1282 Abs. 1, § 1228 Abs. 2 BGB), nach Fest­stel­lung des Haf­tungs­an­spruchs somit unmit­tel­bar vom Ver­si­che­rer Zah­lung ver­lan­gen 9. Einer vor­he­ri­gen Pfän­dung bedarf es in die­sem Fall nicht. Alter­na­tiv könn­te die Gläu­bi­ge­rin nach § 1282 Abs. 2, § 1277 BGB Befrie­di­gung aus dem mit dem Pfand­recht belas­te­ten Recht suchen. Erfor­der­lich wäre hier­für ein ding­li­cher Titel auf Dul­dung der Zwangs­voll­stre­ckung oder auf Gestat­tung der Befrie­di­gung aus dem ver­pfän­de­ten Recht 10. Aus einem sol­chen Titel geht die Gläu­bi­ge­rin nicht vor. Sie betreibt viel­mehr die Siche­rungs­voll­stre­ckung aus einem per­sön­li­chen Zah­lungs­ti­tel. Mit ihrem Abson­de­rungs­recht aus § 110 VVG hat dies nichts zu tun.

Nichts ande­res gilt, wenn der Insol­venz­ver­wal­ter den Frei­stel­lungs­an­spruch der Schuld­ne­rin gegen ihren Haft­pflicht­ver­si­che­rer frei­ge­ge­ben hat. Das nach § 110 VVG mate­ri­ell­recht­lich ent­stan­de­ne Pfand­recht am Deckungs­an­spruch erlischt durch die Frei­ga­be nicht 11. Sei­ne Ver­wer­tung erfolgt auch in die­sem Fall nach den vor­ste­hend ange­führ­ten gesetz­li­chen Bestim­mun­gen. Der Antrag auf Pfän­dung dient die­ser Ver­wer­tung nicht.

Voll­streckt die Gläu­bi­ge­rin mit­hin als Insol­venz­gläu­bi­ge­rin ihre per­sön­li­che For­de­rung, greift das Voll­stre­ckungs­ver­bot des § 89 Abs. 1 InsO. Die­ses gilt für Voll­stre­ckun­gen in die Insol­venz­mas­se wie auch in das sons­ti­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners. Auf die von der Gläu­bi­ge­rin behaup­te­te Frei­ga­be des Deckungs­an­spruchs kommt es auch in die­sem Zusam­men­hang nicht an. Denn die vom Insol­venz­ver­wal­ter aus der Mas­se frei­ge­ge­be­nen Gegen­stän­de gehö­ren zu dem sons­ti­gen Ver­mö­gen des Schuld­ners im Sin­ne von § 89 Abs. 1 InsO 12. Die Zuord­nung frei­ge­ge­be­ner Gegen­stän­de zum sons­ti­gen Ver­mö­gen des Schuld­ners und damit deren Ein­be­zie­hung in den Voll­stre­ckungs­schutz des § 89 Abs. 1 InsO soll es dem Schuld­ner ermög­li­chen, noch wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens eine neue wirt­schaft­li­che Exis­tenz zu begrün­den 13. Soweit ein­ge­wen­det wird, der Frei­stel­lungs­an­spruch des insol­ven­ten Ver­si­che­rungs­neh­mers sei hier­von aus­zu­neh­men, weil er für des­sen neue wirt­schaft­li­che Exis­tenz nicht erfor­der­lich sei und ein Aus­schluss der Ein­zelzwangs­voll­stre­ckung ledig­lich dem Haft­pflicht­ver­si­che­rer zugu­te­kom­me, recht­fer­tigt dies kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Unbil­li­ge Ergeb­nis­se sind nicht zu befürch­ten. Dem Haf­tungs­gläu­bi­ger bleibt es unbe­nom­men, sei­ne Rech­te aus § 110 VVG ent­spre­chend den auf­ge­zeig­ten gesetz­li­chen Ver­fah­rens­wei­sen zu ver­fol­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Sep­tem­ber 2014 – IX ZB 117/​12

  1. BGH, Beschluss vom 17.04.2013 – IX ZB 300/​11, WM 2013, 939 Rn. 8 mwN
  2. BGH, Beschluss vom 12.02.2009 – IX ZB 112/​06, WM 2009, 807 Rn. 4; Münch­Komm-InsO/Breu­er, 3. Aufl., § 89 Rn. 11, 18, 21; HK-InsO/­Kay­ser, 7. Aufl., § 89 Rn. 7; Uhlen­bruck, InsO, 13. Aufl., § 89 Rn.20; FK-InsO/App, 7. Aufl., § 89 Rn. 6
  3. Münch­Komm-VVG/­Litt­bar­ski, § 110 Rn. 5 f; Bruck/​Möller/​Koch, VVG, 9. Aufl., § 110 Rn. 3; Schwintowski/​Brömmelmeyer/​Retter, VVG, 2. Aufl., § 110 Rn. 1; vgl. auch BGH, Urteil vom 15.11.2000 – IV ZR 223/​99, VersR 2001, 90, 91
  4. BGH, Urteil vom 28.03.1996 – IX ZR 77/​95, VersR 1997, 61, 62 mwN; vom 02.04.2009 – IX ZR 23/​08, WM 2009, 960 Rn. 7; vgl. auch Münch­Komm-InsO/Gan­ter, 3. Aufl., § 50 Rn. 115; aA – im Sin­ne eines dem gesetz­li­chen Pfand­recht ledig­lich ähn­li­chen Rechts – etwa Jaeger/​Henckel, InsO, Vor §§ 4952 Rn.20, 22
  5. vgl. Bruck/​Möller/​Koch, aaO § 110 Rn. 5; Prölss/​Martin/​Lücke, VVG, 28. Aufl., § 110 Rn. 3; Tho­le, NZI 2013, 665, 667
  6. so Prölss/​Martin/​Lücke, aaO § 106 Rn. 4; Schwintowski/​Brömmelmeyer/​Retter, aaO § 106 Rn. 4; aA Münch­Komm-VVG/­Litt­bar­ski, aaO § 106 Rn. 17; Bruck/​Möller/​Koch, aaO § 106 Rn. 9; jeweils mwN
  7. vgl. BGH, Urteil vom 11.04.2013 – IX ZR 176/​11, WM 2013, 935 Rn. 15 mwN
  8. vgl. HK-InsO/­Land­fer­mann, 7. Aufl., § 173 Rn. 2; Uhlenbruck/​Brinkmann, InsO, 13. Aufl., § 173 Rn. 3; Flö­ther in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2009, § 173 Rn. 7
  9. vgl. BGH, Urteil vom 17.03.2004 – IV ZR 268/​03, VersR 2004, 634, 635 mwN; Bruck/​Möller/​Koch, aaO § 110 Rn. 9 ff; Münch­Komm-InsO/Gan­ter, 3. Aufl., § 51 Rn. 236; HK-InsO/­Loh­mann, 7. Aufl., § 51 Rn. 53; Tho­le, NZI 2013, 665, 667
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 19.03.2004 – IXa ZB 199/​03, BGH­Re­port 2004, 1323; RGZ 103, 137, 139; Staudinger/​Wiegand, BGB, 2009, § 1277 Rn. 2
  11. BGH, Urteil vom 28.03.1996 – IX ZR 77/​95, WM 1996, 835, 837 mwN; vom 02.04.2009 – IX ZR 23/​08, WM 2009, 960 Rn. 7
  12. BGH, Urteil vom 19.01.2006 – IX ZR 232/​04, BGHZ 166, 74 Rn. 26; Beschluss vom 12.02.2009 – IX ZB 112/​06, WM 2009, 807 Rn. 12
  13. vgl. BGH, Beschluss vom 12.02.2009, aaO Rn. 11 mwN