Die ita­lie­ni­sche Sicher­heits­be­schlag­nah­me – und die deut­sche Voll­zie­hungs­frist

Die in § 929 Abs. 2 ZPO gere­gel­te Monats­frist erfasst auch die Voll­zie­hung eines Arrest­be­fehls, der in einem ande­ren Mit­glied­staat erlas­sen (hier: ita­lie­ni­sche Sicher­stel­lungs­be­schlag­nah­me) und in Deutsch­land für voll­streck­bar erklärt wor­den ist 1.

Die ita­lie­ni­sche Sicher­heits­be­schlag­nah­me – und die deut­sche Voll­zie­hungs­frist

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall erwirk­te eine ita­lie­ni­sche socie­tà a respon­si­bi­li­tà limi­ta­ta am 19.11.2013 vor dem ita­lie­ni­schen Tri­bu­na­le di Gori­zia eine Sicher­stel­lungs­be­schlag­nah­me ("seque­s­tro con­ser­va­tivo") gegen ihren Schuld­ner. Hier­durch wur­de sie ermäch­tigt, die Sicher­stel­lungs­be­schlag­nah­me bis zu einem Betrag von 1.000.000 € auf beweg­li­che und unbe­weg­li­che, mate­ri­el­le und imma­te­ri­el­le Wer­te sowie For­de­run­gen des Schuld­ners vor­zu­neh­men. Mit Beschluss vom 22.08.2014 erklär­te das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen die Ent­schei­dung in Deutsch­land für voll­streck­bar.

Am 23.04.2015 hat die Antrag­stel­le­rin bean­tragt, eine ver­teil­te Siche­rungs­hy­po­thek an dem im Rubrum genann­ten, in Deutsch­land bele­ge­nen Grund­be­sitz des Schuld­ners (einer Eigen­tums­woh­nung nebst zwei Tief­ga­ra­gen­stell­plät­zen) ein­zu­tra­gen. Das Amts­ge­richt Grund­buch­amt hat den Ein­tra­gungs­an­trag zurück­ge­wie­sen. Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat die dage­gen gerich­te­te Beschwer­de der Antrag­stel­le­rin zurück­ge­wie­sen, weil die Frist des § 929 Abs. 2 ZPO nicht ein­ge­hal­ten wor­den sei 2.

Auf die Rechts­be­schwer­de der Antrag­stel­le­rin hat dar­auf­hin der Bun­des­ge­richts­hof dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt 3:

"Ist es mit Art. 38 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 des Rates vom 22.12 2000 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivi­lund Han­dels­sa­chen ver­ein­bar, eine im Recht des Voll­stre­ckungs­staa­tes vor­ge­se­he­ne Frist, auf­grund derer aus einem Titel nach Ablauf einer bestimm­ten Zeit nicht mehr voll­streckt wer­den darf, auch auf einen funk­tio­nal ver­gleich­ba­ren Titel anzu­wen­den, der in einem ande­ren Mit­glieds­staat erlas­sen und in dem Voll­stre­ckungs­staat aner­kannt und für voll­streck­bar erklärt wor­den ist?"

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat die Vor­la­ge­fra­ge mit Urteil vom 04.10.2018 4 wie folgt beant­wor­tet:

"Art. 38 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 des Rates vom 22.12 2000 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivi­lund Han­dels­sa­chen ist dahin aus­zu­le­gen, dass er der Anwen­dung einer Rege­lung eines Mit­glied­staats wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hen­den, nach der für die Voll­zie­hung eines Arrest­be­fehls eine Frist gilt, nicht ent­ge­gen­steht, wenn es um einen Arrest­be­fehl geht, der in einem ande­ren Mit­glied­staat erlas­sen wur­de und dem im Voll­stre­ckungs­mit­glied­staat Voll­streck­bar­keit bei­gelegt wor­den ist."

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen 5 steht der bean­trag­ten Ein­tra­gung der Ablauf der in § 929 Abs. 2 ZPO gere­gel­ten Voll­zie­hungs­frist von einem Monat ent­ge­gen. Die dem aus­län­di­schen Titel nach Art. 38 der Ver­ord­nung Nr. 44/​2001 ver­lie­he­ne Voll­streck­bar­keit decke sich inhalt­lich mit der einem ent­spre­chen­den inlän­di­schen Titel zukom­men­den Voll­streck­bar­keit. Die Voll­stre­ckung als sol­che rich­te sich nach der lex fori. Da die Sicher­stel­lungs­be­schlag­nah­me nach ita­lie­ni­schem Recht mit einem deut­schen Arrest­be­schluss ver­gleich­bar sei, sei­en die hier­für maß­geb­li­chen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten und damit auch § 929 Abs. 2 ZPO ein­zu­hal­ten. In die Ent­schei­dungs­ho­heit des aus­län­di­schen Staa­tes wer­de hier­durch nicht ein­ge­grif­fen, da die Voll­zie­hungs­frist die zwangs­wei­se Durch­set­zung eines erstrit­te­nen Arrest­ti­tels, nicht aber des­sen Wirk­sam­keit als sol­che beschrän­ke.

Die­se Aus­füh­run­gen hiel­ten recht­li­cher Nach­prü­fung durch den Bun­des­ge­richts­hof stand:

Die ita­lie­ni­sche Ent­schei­dung vom 19.11.2013 ist nach der Ver­ord­nung Nr. 44/​2001 in Deutsch­land für voll­streck­bar erklärt wor­den; die­se Ver­ord­nung ist auch wei­ter­hin anzu­wen­den, weil die Ent­schei­dung über die Voll­streck­bar­er­klä­rung vor dem 10.01.2015 ergan­gen ist (Art. 66 Abs. 2 der Ver­ord­nung [EU] Nr. 1215/​2012 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12.12 2012 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivi­lund Han­dels­sa­chen; vgl. EuGH, Urteil vom 04.10.2018, Socie­tà Immo­bi­lia­re Al Bosco Srl, C379/​17, EU:C:2018:806 Rn. 22). Grund­la­ge der Zwangs­voll­stre­ckung in Deutsch­land ist die inlän­di­sche Ent­schei­dung über die Voll­streck­bar­er­klä­rung 6. Wird wie hier die Ein­tra­gung einer Siche­rungs­hy­po­thek bean­tragt, hat das Grund­buch­amt die Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­voll­stre­ckung selb­stän­dig zu prü­fen 7.

Rechts­feh­ler­frei ord­net das OLG Mün­chen die ita­lie­ni­sche Sicher­stel­lungs­be­schlag­nah­me funk­tio­nal wie einen Arrest­be­fehl nach deut­schem Recht ein. Infol­ge­des­sen rich­tet sich die Zwangs­voll­stre­ckung aus der inlän­di­schen Ent­schei­dung über die Voll­streck­bar­er­klä­rung nach den deut­schen Vor­schrif­ten über die Voll­zie­hung des Arrest­be­fehls.

Zu den maß­geb­li­chen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten gehört auch § 929 Abs. 2 ZPO. Die dort gere­gel­te Monats­frist erfasst auch die Voll­zie­hung eines Arrest­be­fehls, der in einem ande­ren Mit­glied­staat erlas­sen und in Deutsch­land für voll­streck­bar erklärt wor­den ist. Nach der auf Vor­la­ge des Bun­des­ge­richts­hofs ergan­ge­nen Ent­schei­dung des Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on steht Art. 38 der Ver­ord­nung Nr. 44/​2001 der Anwen­dung einer sol­chen, im Recht des Voll­stre­ckungs­staats vor­ge­se­he­nen Frist nicht ent­ge­gen 8. An die­se Aus­le­gung des Uni­ons­rechts sind die natio­na­len Gerich­te gebun­den 9.

Danach ist der Arrest­be­fehl nicht mehr voll­zieh­bar. Der Lauf der Monats­frist des § 929 Abs. 2 ZPO wird im Anwen­dungs­be­reich von Art. 38 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 44/​2001 durch den Zugang (vgl. § 10 Abs. 3 AVAG) der Voll­streck­bar­er­klä­rung an den Gläu­bi­ger in Gang gesetzt 10. Nach den Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts war mehr als ein Monat seit dem Zugang der Voll­streck­bar­er­klä­rung an die Gläu­bi­ge­rin ver­stri­chen, als die Ein­tra­gung der Siche­rungs­hy­po­thek bean­tragt wur­de. Da gemäß § 932 Abs. 3 ZPO der Ein­tra­gungs­an­trag maß­geb­lich ist, ist die Voll­zie­hungs­frist nicht ein­ge­hal­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Dezem­ber 2018 – V ZB 175/​15

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 04.10.2018, Socie­tà Immo­bi­lia­re Al Bosco Srl, C379/​17, EU:C:2018:806[]
  2. OLG Mün­chen, Beschluss vom 16.11.2015 34 Wx 3114/​15[]
  3. BGH, Beschluss vom 11.05.2017 – V ZB 175/​15, RIW 2018, 305[]
  4. EuGH, Urteil "Socie­tà Immo­bi­lia­re Al Bosco Srl" vom 04.10.2018 C379/​17, EU:C:2018:806, RIW 2018, 756[]
  5. OLG Mün­chen, FGPrax 2016, 68 ff.[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 04.03.1993 – IX ZB 55/​92, BGHZ 122, 16, 18 mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 04.07.2013 – V ZB 151/​12, ZfIR 2013, 779 Rn. 7 mwN[]
  8. EuGH, Urteil vom 04.10.2018, Socie­tà Immo­bi­lia­re Al Bosco Srl, C379/​17, EU:C:2018:806 Rn. 51[]
  9. vgl. nur BGH, Urteil vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, BGHZ 207, 209 Rn. 33[]
  10. vgl. EuGH, Urteil vom 04.10.2018, Socie­tà Immo­bi­lia­re Al Bosco Srl, C379/​17, EU:C:2018:806 Rn. 50[]