Die Wit­ten­ber­ger "Juden­sau" darf hän­gen blei­ben

Das Ober­lan­des­ge­richt Naum­burg hat die Beru­fung im Ver­fah­ren über die Ent­fer­nung einer Sand­stein­plas­tik von der Stadt­kir­che der Luther­stadt Wit­ten­berg zurück­ge­wie­sen, die Figur ‑eine soge­nann­te "Juden­sau"- braucht daher nicht aus der Kir­chen­fas­sa­de ent­fernt zu wer­den.

Die Wit­ten­ber­ger "Juden­sau" darf hän­gen blei­ben

Der Klä­ger hat die beklag­te Kir­chen­ge­mein­de auf die Besei­ti­gung der Skulp­tur von der Fas­sa­de der Kir­che in Anspruch genom­men. Er hat die Ansicht vertreten,die Besei­ti­gung ver­lan­gen zu kön­nen, weil die Skulp­tur eine Belei­di­gung der Ange­hö­ri­gen des jüdi­schen Glau­bens und damit auch des Klä­gers selbst dar­stel­le. Zusätz­lich hat er den gel­tend gemach­ten Besei­ti­gungs­an­spruch auf die Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts gestützt.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Des­sau-Roß­lau hat die Kla­ge abge­wie­sen. Das Ober­lan­des­ge­richt Naum­burg hat das kla­ge­ab­wei­sen­de land­ge­richt­li­che Urteil bestä­tigt:

Dem Klä­ger ste­he ein Besei­ti­gungs­an­spruch nicht zu, weil die Skulp­tur in ihrem aktu­el­len Kon­text weder belei­di­gen­den Cha­rak­ter auf­wei­se noch das Per­sön­lich­keits­recht des Klä­gers ver­let­ze. Aller­dings habe das Reli­ef ursprüng­lich unstrei­tig den Zweck ver­folgt, die Juden ver­ächt­lich zu machen. Gleich­wohl ver­let­ze die Kir­chen­gem­nein­de mit sei­ner Aus­stel­lung an der Fas­sa­de der Stadt­kir­che die Ehre der Juden und des Klä­gers nicht.

Das Reli­ef sei Teil eines Ensem­bles, das eine ande­re Ziel­rich­tung der Kir­chen­ge­mein­de erken­nen las­se. Eine Infor­ma­ti­ons­ta­fel brin­ge unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck, dass die Beklag­te sich von den Juden­ver­fol­gun­gen, den anti­ju­da­is­ti­schen Schrif­ten Mar­tin Luthers und der ver­höh­nen­den Ziel­rich­tung der Schmäh­plas­tik distan­zie­re. Dies wer­de durch das im Jahr 1988 ent­hüll­te Mahn­mal unter­halb der Schmäh­plas­tik bekräf­tigt.

Der vom Klä­ger zur Unter­stüt­zung sei­ner Argu­men­ta­ti­on her­an­ge­zo­ge­ne Gedan­ke, wonach eine Belei­di­gung auch dann eine Belei­di­gung blei­be, wenn man sie kom­men­tie­re, kön­ne nicht all­ge­mein und aus­nahms­los Gel­tung bean­spru­chen. Kon­se­quent ange­wen­det stün­de die­ser Gedan­ke auch der vom Klä­ger befür­wor­te­ten Aus­stel­lung der Schmäh­plas­tik in einem Muse­um ent­ge­gen. Auch der Gefahr, die Plas­tik kön­ne als Ele­ment der reli­giö­sen Ver­kün­di­gung wahr­ge­nom­men wer­den, sei durch ihre Ein­bin­dung in das Ensem­ble aus Mahn­mal, Infor­ma­ti­ons­ta­fel und Reli­ef ent­ge­gen­ge­wirkt.

Die Prä­sen­ta­ti­on eines ursprüng­lich belei­di­gend gemein­ten Gebäu­de­tei­les im ori­gi­na­len Bau­zu­stand sei nicht not­wen­di­ger­wei­se belei­di­gend. Viel­mehr kön­ne eine Kom­men­tie­rung des his­to­ri­schen Kon­tex­tes die ursprüng­li­che Wir­kung neu­tra­li­sie­ren. Dies sei bei der Wit­ten­ber­ger Schmäh­plas­tik der Fall.

Ober­lan­des­ge­richt Naum­burg, Urteil vom 4. Febru­ar 2020 – 9 U 54/​19