Die kla­gen­den Woh­nungs­ei­gen­tü­mer – und die Bemes­sung des Streit­werts

Die Wert­gren­ze des § 49a Abs. 1 Satz 2 GKG bestimmt sich bei einer sub­jek­ti­ven Kla­ge­häu­fung nach der Sum­me der Ein­zel­in­ter­es­sen aller Klä­ger und der auf ihrer Sei­te Bei­getre­te­nen. Bei meh­re­ren Klä­gern ent­spricht der Ver­kehrs­wert des Woh­nungs­ei­gen­tums, der nach § 49a Abs. 1 Satz 3 GKG die abso­lu­te Ober­gren­ze des Geschäfts­werts bil­det, der Sum­me der Ein­zel­ver­kehrs­wer­te der Woh­nungs­ei­gen­tums­rech­te aller kla­gen­den Woh­nungs­ei­gen­tü­mer.

Die kla­gen­den Woh­nungs­ei­gen­tü­mer – und die Bemes­sung des Streit­werts

Gemäß § 49a Abs. 1 Satz 3 GKG, der auch für das Beschwer­de­ver­fah­ren gilt 1, darf der Wert "in kei­nem Fall den Ver­kehrs­wert des Woh­nungs­ei­gen­tums des Klä­gers und der auf sei­ner Sei­te Bei­getre­te­nen über­stei­gen".

Die Fra­ge, wie die Ober­gren­ze des § 49a Abs. 1 Satz 3 GKG bei meh­re­ren Klä­gern zu bestim­men ist, wird unter­schied­lich beant­wor­tet:

  • Nach einer Ansicht ist der höchs­te Ein­zel­ver­kehrs­wert her­an­zu­zie­hen 2,
  • wäh­rend ande­re den nied­rigs­ten Ein­zel­ver­kehrs­wert für maß­ge­bend hal­ten 3.
  • Nach einer drit­ten Ansicht sind in einem sol­chen Fall die Ein­zel­ver­kehrs­wer­te der Woh­nungs­ei­gen­tums­rech­te aller Klä­ger zu addie­ren 4.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Fra­ge bis­lang offen­ge­las­sen 5. Er beant­wor­tet sie im Sin­ne der zuletzt genann­ten Ansicht. Bei meh­re­ren Klä­gern ent­spricht der Ver­kehrs­wert des Woh­nungs­ei­gen­tums, der nach § 49a Abs. 1 Satz 3 GKG die abso­lu­te Ober­gren­ze des Geschäfts­werts bil­det, der Sum­me der Ein­zel­ver­kehrs­wer­te der Woh­nungs­ei­gen­tums­rech­te aller kla­gen­den Woh­nungs­ei­gen­tü­mer.

Hier­für spricht schon der Wort­laut. Das Gerichts­kos­ten­ge­setz ver­wen­det den Begriff "des Klä­gers" auch außer­halb von § 49a GKG nicht zur Bezeich­nung eines spe­zi­el­len indi­vi­du­el­len Klä­gers, son­dern im Sin­ne von "Kla­ge­par­tei" (vgl. z.B. §§ 51, 52 GKG). Die­ser Sprach­ge­brauch liegt auch dem ursprüng­li­chen Vor­schlag der Bun­des­re­gie­rung für einen nicht Gesetz gewor­de­nen § 50 Abs. 2 WEGE ("Ver­kehrs­wert ihres Woh­nungs­ei­gen­tums") und den aus die­sem Vor­schlag auf Anre­gung des Bun­des­rats ent­wi­ckel­ten heu­ti­gen § 49a GKG zugrun­de 6.

Für die­ses Ver­ständ­nis der Norm spre­chen auch sys­te­ma­ti­sche Erwä­gun­gen. In der Vor­schrift selbst wird aus­drück­lich in kumu­la­ti­ver Form auch das Woh­nungs­ei­gen­tum der auf sei­ner Sei­te Bei­getre­te­nen genannt. Wenn aber im Fall des Bei­tritts auch die Ver­kehrs­wer­te des Woh­nungs­ei­gen­tums der Bei­getre­te­nen hin­zu­zu­rech­nen sind, muss Ent­spre­chen­des erst recht für den Fall gel­ten, dass auf der Klä­ger­sei­te meh­re­re Klä­ger ste­hen. Nur das ent­spricht dem in § 39 Abs. 1 GKG gere­gel­ten all­ge­mei­nen Grund­satz, wonach meh­re­re Streit­ge­gen­stän­de in einem Ver­fah­ren zusam­men­ge­rech­net wer­den, soweit nicht ein ande­res bestimmt ist. Dass letz­te­res für den Fall der sub­jek­ti­ven Kla­ge­häu­fung von dem Gesetz­ge­ber beab­sich­tigt gewe­sen sein könn­te, lässt sich dem Wort­laut des § 49a Abs. 1 Sät­ze 2 und 3 GKG nicht ent­neh­men 7. Zu berück­sich­ti­gen ist fer­ner, dass auch bei der Ermitt­lung der Beschwer im Rah­men einer Anfech­tungs­kla­ge die Ein­zel­be­las­tun­gen der Rechts­mit­tel­füh­rer zusam­men­ge­rech­net wer­den, wenn die­se nicht wirt­schaft­lich iden­tisch sind 8.

Die Zusam­men­rech­nung der Ein­zel­ver­kehrs­wer­te der Woh­nungs­ei­gen­tums­rech­te der kla­gen­den Woh­nungs­ei­gen­tü­mer bei § 49a Abs. 1 Satz 3 GKG ent­spricht auch dem Ver­ständ­nis, das über­wie­gend zu § 49a Abs. 1 Satz 2 GKG ver­tre­ten wird. Danach darf der Streit­wert das Inter­es­se des Klä­gers und der auf sei­ner Sei­te Bei­getre­te­nen das Fünf­fa­che des Wer­tes ihres Inter­es­ses nicht über­schrei­ten. Die Wert­gren­ze des § 49a Abs. 1 Satz 2 GKG bestimmt sich bei einer sub­jek­ti­ven Kla­ge­häu­fung nach der Sum­me der Ein­zel­in­ter­es­sen aller Klä­ger und der auf ihrer Sei­te Bei­getre­te­nen 9. Zwar wird inso­weit ver­tre­ten, dass bei einer Beschluss­an­fech­tung durch meh­re­re Eigen­tü­mer als Streit­ge­nos­sen (§ 47 Satz 1 WEG) zur Ermitt­lung des Min­dest­in­ter­es­ses auf den­je­ni­gen Streit­ge­nos­sen mit dem höchs­ten Ein­zel­in­ter­es­se und zur Ermitt­lung des Höchst­be­tra­ges auf jenen mit dem gerings­ten Ein­zel­in­ter­es­se abzu­stel­len sei 10. Die­se Auf­fas­sung fin­det aber im Wort­laut des Geset­zes kei­ne Grund­la­ge. Nach der aus­drück­li­chen Anord­nung in § 49a Abs. 1 Satz 2 GKG sind bei der Bestim­mung des Ein­zel­in­ter­es­ses die Inter­es­sen des Klä­gers und der auf sei­ner Bei­getre­te­nen zu berück­sich­ti­gen. Mit die­ser gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tung ist es nicht ver­ein­bar, von einer Addi­ti­on der Inter­es­sen aller Klä­ger abzu­se­hen. Dies gilt im glei­chem Maße für die in § 49a Abs. 1 Satz 3 WEG bestimm­te Ober­gren­ze.

Statt­des­sen auf den nied­rigs­ten oder höchs­ten Ein­zel­ver­kehrs­wert abzu­stel­len, lässt sich auch nicht unter Rück­griff auf Sinn und Zweck der Ober­gren­ze recht­fer­ti­gen. Die Vor­schrift dient der Durch­set­zung des Jus­tiz­ge­währ­leis­tungs­an­spruchs. Sie soll zwar ver­mei­den, dass ein bezo­gen auf das wirt­schaft­li­che Inter­es­se des Klä­gers unver­hält­nis­mä­ßig hohes Kos­ten­ri­si­ko ent­steht 11. Der ein­zel­ne Klä­ger wird bei einer Addi­ti­on der Ein­zel­in­ter­es­sen wie auch bei der Addi­ti­on der Ver­kehrs­wer­te des Woh­nungs­ei­gen­tums aller kla­gen­den Woh­nungs­ei­gen­tü­mer nach der gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tung aber nicht mit einem Kos­ten­ri­si­ko belas­tet, das außer Ver­hält­nis zu sei­nem Inter­es­se an dem Ver­fah­ren steht. Das bestehen­de Kos­ten­ri­si­ko wird durch die Gebüh­ren­de­gres­si­on bei einem stei­gen­den Streit­wert, die Mög­lich­keit einer Mehr­fach­ver­tre­tung durch einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten sowie durch die Ver­tei­lung der Kos­ten im Innen­ver­hält­nis der Klä­ger 12 abge­fe­dert.

Das Gericht muss den gemäß § 49a Abs. 1 Satz 3 GKG für die Ober­gren­ze maß­geb­li­chen Ver­kehrs­wert schät­zen. Da eine sach­ver­stän­di­ge Begut­ach­tung im Rah­men der Streit­wert­fest­set­zung nicht in Betracht kommt, ist es Sache der Par­tei, dem Gericht die für die Schät­zung erfor­der­li­che Tat­sa­chen­grund­la­ge zu unter­brei­ten 13.

ine Schät­zung kann und darf nur vor­ge­nom­men wer­den, wenn und soweit die fest­ge­stell­ten Umstän­de hier­für eine genü­gen­de Grund­la­ge abge­ben. Sie hat zu unter­blei­ben, wenn greif­ba­re Anhalts­punk­te feh­len 14.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. März 2019 – V ZR 120/​17

  1. BGH, Beschluss vom 06.12 2018 – V ZR 239/​17, MDR 2019, 282 Rn. 4[]
  2. LG Frank­furt, ZWE 2015, 284, 285; Nie­den­führ in Niedenführ/​Vandenhouten, WEG, 12. Aufl., § 49a GKG Rn. 9; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 48. Aufl., § 49a Rn. 6[]
  3. AG Leip­zig, ZMR 2017, 102, 105; Suil­mann in Jen­ni­ßen, WEG, 5. Aufl., § 49a GKG Rn. 6; Ein­sied­ler, ZMR 2008, 765, 766[]
  4. Riecke/​Schmid/​Abramenko, WEG, 4. Aufl., Anhang zu § 50 Rn. 9; Beck­OK Kostenrecht/​Toussaint [1.12.2018], § 49a GKG Rn. 22[]
  5. BGH, Beschluss vom 06.12 2018 – V ZR 239/​17, MDR 2019, 282 Rn. 5[]
  6. vgl. BT-Drs. 16/​887 S. 41 f., 53, 76[]
  7. vgl. auch KG, ZMR 2014, 230, 232[]
  8. BGH, Urteil vom 02.10.2015 – V ZR 5/​15, WuM 2015, 754 Rn. 6[]
  9. vgl. KG, ZMR 2014, 230, 232; OLG Bam­berg, ZMR 2011, 887 f.; LG Mün­chen I, ZMR 2012, 995; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 48. Auf­la­ge, § 49a GKG, Rn. 5; Riecke, MDR 2019, 266, 272 f.[]
  10. Suil­mann in Jen­ni­ßen, WEG, 5. Aufl., § 49a GKG Rn. 17[]
  11. BT-Drs. 16/​887, S. 42; BGH, Beschluss vom 06.12 2018 – V ZR 239/​17, MDR 2019, 282 Rn. 5[]
  12. vgl. hier­zu Fölsch, MDR 2016, 335, 336[]
  13. BGH, Beschluss vom 06.12 2018 – V ZR 239/​17, MDR 2019, 282 Rn. 6[]
  14. st. Rspr., z.B. BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 11.03.2004 – VII ZR 339/​02, MDR 2004, 960; Urteil vom 22.10.1987 – III ZR 197/​86, NJW-RR 1988, 410[]