Die Lea­sing­ge­sell­schaft und die Hal­ter­haf­tung

Der Lea­sing­ge­ber und Eigen­tü­mer des Kraft­fahr­zeugs hat gegen den Lea­sing­neh­mer und Hal­ter des Kraft­fahr­zeugs bei einer Beschä­di­gung die­ses Fahr­zeugs kei­nen Anspruch aus § 7 Abs. 1 StVG.

Die Lea­sing­ge­sell­schaft und die Hal­ter­haf­tung

Der Lea­sing­ge­ber und Eigen­tü­mer des Kraft­fahr­zeugs hat gegen den Lea­sing­neh­mer und Hal­ter eines Kraft­fahr­zeugs bei einer Beschä­di­gung die­ses Fahr­zeugs kei­nen Anspruch aus § 7 Abs. 1 StVG auf Ersatz des ent­stan­de­nen Scha­dens. Des­we­gen besteht auch kei­ne Gesamt­schuld zwi­schen der Lea­sing­ge­sell­schaft und dem Lea­sing­neh­mer, die nach § 426 BGB aus­ge­gli­chen wer­den könn­te.

Die Fra­ge, ob der Hal­ter eines Kraft­fahr­zeugs dem Eigen­tü­mer gegen­über aus § 7 Abs. 1 StVG auf Ersatz eines Scha­dens am Kraft­fahr­zeug haf­tet, wird in Lite­ra­tur und Recht­spre­chung nicht ein­heit­lich beant­wor­tet.

So wird unter Hin­weis auf ein Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 22. März 1983 und eine im Schrift­tum ver­tre­te­ne Auf­fas­sung ver­tre­ten, im Fall der Beschä­di­gung eines geleas­ten Fahr­zeugs kön­ne der vom Hal­ter ver­schie­de­ne Eigen­tü­mer des Kraft­fahr­zeugs den Lea­sing­neh­mer als des­sen Hal­ter aus § 7 StVG in Anspruch neh­men 1. Dass die Gefähr­dungs­haf­tung (anders als bei Mit­hal­tern) ein­grei­fe, obwohl das schä­di­gen­de Fahr­zeug zugleich die beschä­dig­te Sache sei, fin­de sei­nen Grund in der von den Betei­lig­ten vor­ge­nom­me­nen Auf­spal­tung von recht­li­cher und fak­ti­scher Herr­schafts­ge­walt 2. Die Haf­tung aus § 7 StVG erge­be sich näm­lich nicht aus Eigen­tum, son­dern aus der durch den Betrieb eines Kraft­fahr­zeugs her­vor­ge­ru­fe­nen Gefähr­dung ande­rer Rechts­gü­ter. Eine Ein­schrän­kung der Hal­ter­haf­tung dahin­ge­hend, dass Ansprü­che des Eigen­tü­mers der beschä­dig­ten Sache dann aus­ge­schlos­sen sein sol­len, wenn die Beschä­di­gung durch den Hal­ter des Fahr­zeugs beim Betrieb des­sel­ben her­vor­ge­ru­fen wor­den sei, erge­be sich aus § 7 StVG nicht.

Nach ande­rer Auf­fas­sung soll der Lea­sing­ge­ber den Lea­sing­neh­mer für Schä­den am geleas­ten Fahr­zeug nur dann in Anspruch neh­men kön­nen, wenn den Lea­sing­neh­mer ein Ver­schul­den trifft. Des­halb ste­he dem regu­lie­ren-den Schä­di­ger bzw. des­sen Haft­pflicht­ver­si­che­rer kein Gesamt­schuld­ner­aus­gleich gegen­über dem nur aus dem Gesichts­punkt der Gefähr­dungs­haf­tung mit­haf­ten­den Hal­ter und Lea­sing­neh­mer zu. Die Haf­tung des Hal­ters nach § 7 Abs. 1 StVG erstre­cke sich nicht auf das von ihm gehal­te­ne Fahr­zeug selbst. Unter der "Sache", für deren Beschä­di­gung er bei Vor­lie­gen der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 7 Abs. 1 StVG im Übri­gen haf­te, sei nur eine vom Fahr­zeug ver­schie­de­ne Sache zu ver­ste­hen, nicht dage­gen das Fahr­zeug selbst 3.

Die­se Auf­fas­sung ist rich­tig. Soweit sich aus dem BGH-Urteil vom 22. März 1983 etwas ande­res erge­ben soll­te, wird dar­an vom Bun­des­ge­richts­hof aus­drück­lich nicht mehr fest­ge­hal­ten.

Die Haf­tung nach § 7 Abs. 1 StVG umfasst alle durch den Kraft­fahr­zeug­ver­kehr beein­fluss­ten Scha­dens­ab­läu­fe. Es genügt, dass sich eine von dem Kraft­fahr­zeug aus­ge­hen­de Gefahr aus­ge­wirkt hat und das Scha­dens­ge­sche­hen in die­ser Wei­se durch das Kraft­fahr­zeug mit­ge­prägt wor­den ist 4. Ob dies der Fall ist, muss mit­tels einer am Schutz­zweck der Haf­tungs­norm ori­en­tier­ten wer­ten-den Betrach­tung beur­teilt wer­den 5. Die Haf­tung wird mit­hin nicht schon durch jede Ver­ur­sa­chung eines Scha­dens begrün­det, der im wei­tes­ten Sin­ne im Zusam­men­hang mit dem Betrieb eines Kraft­fahr­zeugs aus­ge­löst wor­den ist. Eine Haf­tung tritt viel­mehr erst dann ein, wenn das Scha­dens­er­eig­nis dem Betrieb eines Kraft­fahr­zeugs nach dem Schutz­zweck der Gefähr­dungs­haf­tung auch zuge­rech­net wer­den kann. An die­sem auch im Rah­men der Gefähr­dungs­haf­tung erfor­der­li­chen Zurech­nungs­zu­sam­men­hang fehlt es, wenn die Schä­di­gung nicht mehr eine spe­zi­fi­sche Aus­wir­kung der­je­ni­gen Gefah­ren ist, für die die Haf­tungs­vor­schrift den Ver­kehr schad­los hal­ten will 6.

Mit der ganz über­wie­gend im Schrift­tum ver­tre­te­nen Auf­fas­sung erstreckt sich nach dem Schutz­zweck die Haf­tung des Hal­ters nach § 7 Abs. 1 StVG nicht auf das von ihm gehal­te­ne Fahr­zeug selbst. Unter der "Sache", für deren Beschä­di­gung er bei Vor­lie­gen der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 7 Abs. 1 StVG im Übri­gen haf­tet, ist nur eine vom Fahr­zeug ver­schie­de­ne Sache zu ver­ste­hen, nicht dage­gen das Fahr­zeug selbst. Die ver­schärf­te Haf­tung des Kraft­fahr­zeug­hal­ters bezweckt nur, Drit­te vor den ihnen auf­ge­zwun­ge­nen Gefah­ren des Kraft­fahr­zeug­be­triebs zu schüt­zen 7. Damit wäre eine Haf­tung des Lea­sing­neh­mers gegen­über dem Lea­sing­ge­ber allei­ne auf­grund des­sen Eigen­tums nicht zu ver­ein­ba­ren. Anders als etwa in dem Fall, dass der Eigen­tü­mer und Lea­sing­ge­ber durch den Betrieb des Fahr­zeugs kör­per­lich ge-schä­digt wird 8, greift hier der Schutz­zweck des § 7 Abs. 1 StVG nicht ein, Drit­te vor den ihnen auf­ge­zwun­ge­nen Gefah­ren des Kraft­fahr­zeug­be­triebs zu schüt­zen.

Die­ses Ergeb­nis ist nicht unbil­lig, ins­be­son­de­re auch nicht im Hin­blick auf das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 10. Juli 2007 9. In die­sem Urteil hat der Bun­des­ge­richts­hof nur ent­schie­den, dass sich ein Lea­sing­ge­ber, der Eigen­tü­mer aber nicht Hal­ter des Lea­sing-Kraft­fahr­zeugs ist, im Rah­men der Gel­tend­ma­chung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs nach § 823 BGB wegen Ver­let­zung sei­nes Eigen­tums am Lea­sing­fahr­zeug bei einem Ver­kehrs­un­fall weder ein Mit­ver­schul­den des Lea­sing­neh­mers oder des Fah­rers des Lea­sing­fahr­zeugs noch des­sen Betriebs­ge­fahr anspruchs­min­dernd zurech­nen las­sen muss. Die­se Ent­schei­dung betrifft mit­hin nur den Scha­dens­er­satz­an­spruch des Eigen­tü­mers aus § 823 BGB. In die­sem Fall des vom Fah­rer des Lea­sing­fahr­zeugs oder dem Hal­ter mit­ver­schul­de­ten Unfalls besteht zwi­schen die­sen und dem "geg­ne­ri­schen" Fah­rer, Hal­ter oder Kraft­fahr­zeug­haft­pflicht­ver­si­che­rer im Ver­hält­nis zum Lea­sing­ge­ber ein Gesamt­schuld­ver­hält­nis, so dass dann nach – unge­kürz­ter – Regu­lie­rung der Ansprü­che des Lea­sing­ge­bers aus § 823 BGB der Gesamt­schuld­ner­aus­gleich gemäß § 426 BGB vor­ge­nom­men wer­den kann. Bestehen hin­ge­gen wegen nicht nach­weis­ba­ren Ver­schul­dens nur Ansprü­che des Lea­sing­ge­bers aus Gefähr­dungs­haf­tung im Sin­ne des § 7 StVG, muss er sich im Haf­tungs­sys­tem des Stra­ßen­ver­kehrs­ge­set­zes das Ver­schul­den des Fah­rers des Lea­sing­fahr­zeugs bereits bei der Gel­tend­ma­chung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs gegen den Unfall­geg­ner nach §§ 9, 17 StVG, § 254 BGB anspruchs­min­dernd zurech­nen las­sen. In die­sem Fall sind näm­lich anders als im Fall des BGH-Urteils vom 10. Juli 2007 die Son­der­vor­schrif­ten des Stra­ßen­ver­kehrs­ge­set­zes für die Gefähr­dungs­haf­tung anwend­bar 10. Wird der Anspruchs­geg­ner bzw. sein Haft­pflicht­ver­si­che­rer nur aus § 7 Abs. 1 StVG in Anspruch genom­men, ist mit­hin kei­ne Not­wen­dig­keit für den Gesamt­schuld­ner­aus­gleich gege­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Dezem­ber 2010 – VI ZR 288/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 22.03.1983 – VI ZR 108/​81, BGHZ 87, 133, 138; Gre­ger, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 3. Aufl., § 7 StVG Rn. 218; Wussow/​Baur, Unfall­haft­pflicht­recht, 15. Aufl., Kap. 17 Rn. 31, 95[]
  2. Gre­ger, aaO[]
  3. vgl. Gey­er, NZV 2005, 565, 568; Gre­ger, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 4. Aufl., § 3 Rn. 252; Heß, NZV 2007, 610, 611 f.; Hoh­loch, NZV 1992, 1, 5; König in Hentschel/​König/​Dauer, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 40. Aufl., § 7 StVG Rn. 16a; van Bühren/​Lemcke, Anwalts-Hand­buch Ver­kehrs­recht, 2003, Teil 2 Rn. 237, 250 f. und ZfS 2002, 327; Mül­ler in Himmelreich/​Halm, Hand­buch des Fach­an­walts Ver­kehrs­recht, 3. Aufl., Kap. 6 Rn. 338; Nugel, NZV 2009, 313, 315; Schmitz, NJW 1994, 301[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 18.01.2005 – VI ZR 115/​04, VersR 2005, 566, 567; vom 26.04.2005 – VI ZR 168/​04, VersR 2005, 992, 993, jeweils m.w.N.[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 23.05.1978 – VI ZR 150/​76, BGHZ 71, 212, 214; vom 02.07.1991 – VI ZR 6/​91, BGHZ 115, 84, 86; vom 18.01.2005 – VI ZR 115/​04, aaO; vom 26.04.2005 – VI ZR 168/​04, aaO; vom 05.10.2010 – VI ZR 286/​09, juris Rn. 24[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 27.01.1981 – VI ZR 204/​79, BGHZ 79, 259, 263; vom 06.06.1989 – VI ZR 241/​88, BGHZ 107, 359, 367; vom 02.07.1991 – VI ZR 6/​91, aaO, 86 f.; vom 01.12.1981 – VI ZR 111/​80, VersR 1982, 243, 244; und vom 26.04.2005 – VI ZR 168/​04, aaO[]
  7. vgl. Amt­li­che Begrün­dung zu § 3 des Geset­zes­ent­wurfs über den Ver­kehr mit Kraft­fahr­zeu­gen, Ver­hand­lun­gen des Reichs­ta­ges 1909 Bd. 248, 5599; BGH, Urteil vom 13.07.1971 – VI ZR 245/​69, VersR 1971, 1043; Gre­ger, aaO, 4. Aufl., § 3 Rn. 4[]
  8. vgl. Gre­ger, aaO, Rn. 252[]
  9. BGH, Urteil vom 10.07.2007 – VI ZR 199/​06, BGHZ 173, 182[]
  10. vgl. Heß, aaO, 611; van Bühren/​Lemcke, Anwalts-Hand­buch Ver­kehrs­recht, Teil 2, Rn. 223; Mül­ler, aaO, Rn. 306[]