Die Löschung des Nach­er­ben­ver­merks im Grund­buch

Ein Nach­er­ben­ver­merk ist zu löschen, wenn dem Grund­buch­amt nach­ge­wie­sen wird, dass das Grund­stück auf­grund einer mit Zustim­mung des Nach­er­ben vor­ge­nom­me­nen Ver­fü­gung des Vor­er­ben aus dem Nach­lass aus­ge­schie­den ist. Ist der Nach­er­be unbe­kannt, bedarf die Ver­fü­gung der Zustim­mung eines für ihn bestell­ten Pfle­gers. Ein nur abs­trakt bestimm­ter Nach­er­be ist im Zwei­fel eben­so bekannt wie ein nament­lich bezeich­ne­ter Erbe, wenn fest­steht, wer die abs­trak­te Bestim­mung erfüllt und sich dar­an bis zum Nach­erb­fall außer durch den Tod der bestimm­ten Per­son nichts mehr ändern kann.

Die Löschung des Nach­er­ben­ver­merks im Grund­buch

Ein Nach­er­ben­ver­merk (§ 51 GBO) kann nicht nur dann gelöscht wer­den, wenn die Löschung von den Nach­er­ben und den Ersatz­nach­er­ben bewil­ligt wird, son­dern nach § 22 GBO auch dann, wenn der Unrich­tig­keits­nach­weis geführt wird 1.

Hier ist die Löschung des Nach­er­ben­ver­merks wegen Unrich­tig­keit bean­tragt wor­den. Der Nach­er­ben­ver­merk ent­spricht nicht mehr der Rechts­la­ge, wenn der von ihm erfass­te Gegen­stand mit Wir­kung gegen­über dem Nach­er­ben aus dem Nach­lass aus­ge­schie­den ist. Ver­fügt – wie hier – ein nicht befrei­ter Vor­er­be über ein zum Nach­lass gehö­ren­des Grund­stück, so schei­det es dann aus dem Nach­lass aus, wenn alle Nach­er­ben, auch bedingt ein­ge­setz­te, dem Ver­fü­gungs­ge­schäft zustim­men; einer Zustim­mung etwai­ger vom Erb­las­ser bestimm­ter Ersatz­nach­er­ben, die nur für den Fall des Weg­falls des Nach­er­ben ein­ge­setzt sind (§ 2096 BGB), bedarf es hin­ge­gen nicht 2. Das gilt auch dann, wenn die Ver­fü­gung des Vor­er­ben – wie hier – in der Über­tra­gung des Grund­stücks auf den Nach­er­ben selbst besteht 3.

Ist der Nach­er­be noch unbe­kannt, bedarf es der Zustim­mung eines für ihn bestell­ten Pfle­gers und einer betreu­ungs­ge­richt­li­chen Geneh­mi­gung, § 1913 Satz 2, § 1915 Abs. 1 Satz 1 und 3, § 1821 Abs. 1 Nr. 1 BGB 4. Ein Nach­er­be ist aller­dings nicht schon des­halb unbe­kannt, weil unge­wiss ist, ob er den Nach­erb­fall erle­ben, also den Vor­er­ben über­le­ben wird (vgl. § 2108 Abs. 2 Satz 1 BGB). Auch steht der Annah­me, der Nach­er­be sei bekannt, nicht ent­ge­gen, dass die­ser in der letzt­wil­li­gen Ver­fü­gung nur abs­trakt bestimmt wor­den ist (z.B. erst­ge­bo­re­nes Kind). Ein nur abs­trakt bestimm­ter Nach­er­be ist im Zwei­fel eben­so bekannt wie ein nament­lich bezeich­ne­ter Erbe, wenn fest­steht, wer die abs­trak­te Bestim­mung erfüllt und sich dar­an bis zum Nach­erb­fall außer durch den Tod der bestimm­ten Per­son nichts mehr ändern kann 5. Unbe­kannt ist ein Nach­er­be hin­ge­gen ins­be­son­de­re, wenn er bzw. der Kreis der Nach­er­ben erst im Zeit­punkt des Ein­tritts des Nach­erb­falls bestimmt wer­den kann 6 oder wenn er nur für den Fall als Nach­er­be beru­fen sein soll, dass er den Vor­er­ben über­lebt 7.

Dass der Antrag­stel­ler – auf den im vor­lie­gen­den Fall das Grund­stück über­tra­gen wor­den war – hier­nach bekann­ter Nach­er­be ist und daher dem Ver­fü­gungs­ge­schäft des Vor­er­bens – mit der Fol­ge der Unrich­tig­keit des Grund­buchs – wirk­sam zustim­men konn­te, ist grund­sätz­lich durch öffent­li­che oder öffent­lich beglau­big­te Urkun­den nach­zu­wei­sen (§ 22 Abs. 1 Satz 1, § 29 GBO; vgl. Meikel/​Böhringer, GBO, 10. Aufl., § 51 Rn. 171). Ent­behr­lich ist ein sol­cher Nach­weis aller­dings bei sog. gerichts­kun­di­gen Tat­sa­chen, zu denen ins­be­son­de­re das aus dem Grund­buch Ersicht­li­che 8, wie der hier in Abt. – II ein­ge­tra­ge­ne Nach­er­ben­ver­merk, gehört.

Die dar­in ent­hal­te­nen zwin­gen­den 9 Anga­ben, wer Nach­er­be ist, sind aus­zu­le­gen. Dabei ist – wie bei der Aus­le­gung von Grund­buch­ein­tra­gun­gen all­ge­mein – auf den Wort­laut und Sinn abzu­stel­len, wie er sich aus unbe­fan­ge­ner Sicht als nächst­lie­gen­de Bedeu­tung der Ein­tra­gung ergibt. Umstän­de außer­halb der Ein­tra­gung kön­nen nur her­an­ge­zo­gen wer­den, wenn sie nach den beson­de­ren Ver­hält­nis­sen des Ein­zel­falls für jeder­mann ohne wei­te­res erkenn­bar sind 10.

Danach hält die Auf­fas­sung, dass der Nach­er­be erst mit dem Ein­tritt des Nach­erb­falls bestimmt wer­den kön­ne und bis dahin unbe­kannt sei, einer recht­li­chen Nach­prü­fung nicht stand.

Zwar ist der Wort­laut des Nach­er­ben­ver­merks, wonach Nach­er­be ist, wer nach § 49 der Erb- und Bru­de­r­ei­ni­gung der Fürst­lich- und Gräf­lich Solm­si­schen Häu­ser vom 18.03.1915 als Erbe des bis­he­ri­gen Eigen­tü­mers beru­fen ist, nicht ganz ein­deu­tig. Eine Aus­le­gung dahin­ge­hend, dass die Nach­er­ben­stel­lung an die Beer­bung des Vor­er­ben geknüpft ist, der Nacher­er­be damit erst nach des­sen Tod bestimmt wer­den kann, er also bis dahin unbe­kannt ist 11, liegt aber eher fern. Nächst­lie­gend ist die Annah­me, dass die Bezug­nah­me auf die Erb- und Bru­de­r­ei­ni­gung der abs­trak­ten Bestim­mung des Nach­er­ben die­nen und in glei­cher Wei­se wir­ken soll wie etwa die Ein­set­zung des "erst­ge­bo­re­nen Kin­des". Wer nach § 49 der Erb- und Bru­de­r­ei­ni­gung als Erbe beru­fen ist, lässt sich in der glei­chen Wei­se indi­vi­dua­li­sie­ren; sobald der Chef des fürst­li­chen Hau­ses einen männ­li­chen Nach­kom­men aus einer von der Erb- und Bru­de­r­ei­ni­gung aner­kann­ten Ver­bin­dung hat, ist die­ser sein nach dem Recht der Erst­ge­burt und der agna­ti­schen Line­ar­fol­ge bestimm­te Erbe. Hier­an kann sich nichts mehr ändern, denn die­ser Nach­kom­me ist und bleibt der erst­ge­bo­re­ne Sohn.

Es gibt kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass § 49 der Erb- und Bru­de­r­ei­ni­gung – abwei­chend von dem Grund­satz, dass ein abs­trakt bestimm­ter Nach­er­be im Zwei­fel bekannt ist, wenn fest­steht, wer die abs­trak­te Bestim­mung erfüllt und sich dar­an bis zum Nach­erb­fall außer durch den Tod der bestimm­ten Per­son nichts mehr ändern kann – dahin zu ver­ste­hen ist, dass die Per­son des Nach­er­ben erst im Zeit­punkt des Nach­erb­falls bestimmt wer­den soll. § 49 der Erb- und Bru­de­r­ei­ni­gung ord­net eine Ver­er­bung nach dem Recht der Erst­ge­burt und der agna­ti­schen Line­ar­fol­ge an, will also errei­chen, dass das Ver­mö­gen stets dem erst­ge­bo­re­nen männ­li­chen Nach­kom­men zufällt und des­sen erst­ge­bo­re­ner männ­li­cher Nach­kom­me der Nach­er­be wird. Dass der danach als Nach­er­be Beru­fe­ne den Nach­erb­fall mög­li­cher­wei­se nicht erlebt, stellt das Prin­zip nicht in Fra­ge. Denn unter der Gel­tung der Erb- und Bru­der­ver­ei­ni­gung kann sein Erbe wie­der­um nur sein erst­ge­bo­re­ner Sohn wer­den; gibt es einen sol­chen nicht, kommt wegen der Anord­nung der agna­ti­schen Line­ar­fol­ge der nächs­te männ­li­che Stamm zum Zuge. Vor allem kann nicht ange­nom­men wer­den, dass § 49 der Erb- und Bru­de­r­ei­ni­gung dem erst­ge­bo­re­nen Sohn des Fami­li­en­ober­haup­tes die Rech­te, die einem Nach­er­ben vor dem Ein­tritt des Nach­erb­falls zuste­hen, ent­zie­hen und statt­des­sen einem gericht­lich bestell­ten Pfle­ger über­tra­gen will. Das aber wäre die Kon­se­quenz, wenn zum Nach­er­ben nur ein im Zeit­punkt des Nach­erb­falls noch leben­der Nach­kom­me des Erb­las­sers beru­fen ist. Ver­fü­gun­gen über das Grund­ver­mö­gen müss­ten dann unter­blei­ben oder bedürf­ten der Zustim­mung fami­li­en­frem­der Drit­ter (Pfle­ger und Betreu­ungs­ge­richt). Eine sol­che Beschrän­kung des Fami­li­en­ober­haup­tes liegt ins­be­son­de­re bei einem Adels­ge­schlecht fern; nächst­lie­gend ist viel­mehr die Annah­me, dass Ent­schei­dun­gen über Grund­stücks­ver­fü­gun­gen in der Fami­lie blei­ben und mit Zustim­mung des (vor­aus­sicht­lich) künf­ti­gen Fami­li­en­ober­haup­tes mög­lich sein sol­len.

Für den Nach­weis der Unrich­tig­keit des Nach­er­ben­ver­merks auf­grund einer Über­tra­gung der in den Nach­lass fal­len­den Grund­stü­cke an den Nach­er­ben reicht es daher aus, dass der Nach­er­be belegt (§ 29 GBO), dass er die in § 49 der Erb- und Bru­de­r­ei­ni­gung der Fürst­lich- und Gräf­lich Solm­si­schen Häu­ser vom 18.03.1915 ent­hal­te­nen Kri­te­ri­en erfüllt. Dass er der erst­ge­bo­re­ne Sohn des Antrag­stel­lers zu 1 ist, kann er gege­be­nen­falls durch eides­statt­li­che Ver­si­che­rung bele­gen 12.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Dezem­ber 2013 – V ZB 209/​12

  1. Dem­har­ter, GBO, 29. Aufl., § 51 Rn. 40 ff. mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 25.09.1963 – V ZR 130/​61, BGHZ 40, 115, 119; BayO­bLG, DNotZ 1993, 404, 406; Münch­Komm-BGB/Grun­sky, 6. Aufl., § 2102 Rn. 12; Staudinger/​Avenarius, BGB [2013], § 2113 Rn. 17; Lemke/​Bött­cher, Immo­bi­li­en­recht, § 51 GBO Rn. 23[]
  3. BayO­bLG, NJW-RR 2005, 956; Münch­Komm-BGB/Grun­sky, 6. Aufl., § 2113 Rn. 17; Dem­har­ter, GBO, 29. Aufl., § 51 Rn. 42; Meikel/​Böhringer, GBO, 10. Aufl., § 51 Rn. 41[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 20.02.1968 – V BLw 34/​67, LM Nr. 16 zu § 9 LwVG; BayO­bLG, NJW-RR 1997, 1239; Münch­Komm-BGB/Grun­sky, 6. Aufl., § 2113 Rn. 16 f.; BGB-RGRK/Jo­hann­sen, 12. Aufl., § 2113 Rn. 41[]
  5. vgl. Soergel/​Zimmermann, BGB, 13. Aufl., § 1913 Rn. 3; BGB-RGRK/­Di­cke­scheid, 12. Aufl., § 1913 Rn. 2[]
  6. vgl. BayO­bLG, Fam­RZ 2001, 1561, 1562[]
  7. vgl. RG WarnR 10 [1917], 434, 436; sie­he aber auch Kanz­lei­ter, DNotZ 1070, 326, 332 f.[]
  8. vgl. Bauer/​v. Oefele/​Knothe, GBO, 3. Aufl. § 29 Rn. 162[]
  9. vgl. BayO­bLG, DNotZ 1984, 502; OLG Schles­wig, SchlHA 1958, 178; OLG Zwei­brü­cken, Rpfle­ger 1977, 305; Meikel/​Böhringer, GBO, 10. Aufl., § 51 Rn. 101[]
  10. st. Rspr., vgl. BGH, Urteil vom 07.07.2000 – V ZR 435/​98, BGHZ 145, 16, 20 f.; Beschluss vom 07.10.2004 – V ZB 22/​04, BGHZ 160, 354, 362[]
  11. so OLG Frank­furt, FGPrax 2010, 175[]
  12. OLG Frank­furt aM, OLGZ 1985, 411, 412; KEHE-Eick­mann, Grund­buch­recht, 6. Aufl., § 35 GBO Rn. 17[]