Die nicht getrof­fe­nen Maß­nah­men der Rück­ge­win­nungs­hil­fe – und die Amts­haf­tung

Die Ent­schei­dung der Staats­an­walt­schaft über Maß­nah­men der Rück­ge­win­nungs­hil­fe (hier: Sicher­stel­lung durch Arrest gemäß § 111b Abs. 2, 5 i.V.m. § 111d StPO) steht im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­de.

Die nicht getrof­fe­nen Maß­nah­men der Rück­ge­win­nungs­hil­fe – und die Amts­haf­tung

In die gebo­te­ne Prü­fung des Sicher­stel­lungs­be­dürf­nis­ses des Geschä­dig­ten sind ins­be­son­de­re ein­zu­stel­len die Belan­ge des Opfer­schut­zes, die tat­säch­li­chen und recht­li­chen Mög­lich­kei­ten des Ver­letz­ten, sei­ne Rech­te selbst durch­zu­set­zen, die Schwe­re des Ein­griffs in das Eigen­tums­rechts des Betrof­fe­nen, der Ver­dachts­grad, die Scha­dens­hö­he und der die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den tref­fen­de Auf­wand 1.

Dabei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass das Straf­ver­fah­ren nicht der Durch­set­zung zivil­recht­li­cher For­de­run­gen dient 2 und durch die Mög­lich­keit eines ding­li­chen Arres­tes zuguns­ten des Ver­letz­ten die­sem nicht eige­ne Arbeit und Mühen abge­nom­men wer­den sol­len. Es geht viel­mehr nur dar­um, den Ver­letz­ten zu unter­stüt­zen, soweit dies erfor­der­lich ist 3.

Dem­entspre­chend ist ein aus­schließ­lich zuguns­ten des Ver­letz­ten wir­ken­der ding­li­cher Arrest nur dann ange­zeigt, wenn allein die Maß­nah­me nach § 111d StPO den Geschä­dig­ten davor bewahrt, sei­ner Ersatz­an­sprü­che ver­lus­tig zu gehen 4.

Bei der Beur­tei­lung staats­an­walt­schaft­li­cher Ermitt­lungs­hand­lun­gen im Amts­haf­tungs­pro­zess ist fer­ner zu berück­sich­ti­gen, dass die­se nicht auf ihre "Rich­tig­keit", son­dern allein dar­auf zu über­prü­fen sind, ob sie ver­tret­bar sind. Die Ver­tret­bar­keit darf nur dann ver­neint wer­den, wenn bei vol­ler Wür­di­gung auch der Belan­ge einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen Straf­rechts­pfle­ge die betref­fen­de Ent­schei­dung nicht mehr ver­ständ­lich ist 5.

Nach die­sen Maß­ga­ben war in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Ent­schei­dung der Staats­an­walt­schaft, zunächst kei­ne Siche­rungs­maß­nah­men nach § 111b Abs. 2, 5 i.V.m. §111d StPO zu ergrei­fen und erst auf eine ent­spre­chen­de Anre­gung des Klä­gers tätig zu wer­den, nicht amts­pflicht­wid­rig:

Die Vor­in­stan­zen haben fest­ge­stellt, dass es dem Klä­ger ohne wei­te­res mög­lich und zumut­bar war, die zivil­recht­li­chen Ansprü­che sei­ner Mut­ter gegen den Beschul­dig­ten E. recht­zei­tig vor den Über­wei­sun­gen vom 20.12 2010 und 14.01.2011 durch Erwir­kung eines ding­li­chen Arres­tes zu sichern. Der Klä­ger hat­te das Ermitt­lungs­ver­fah­ren durch sei­ne Straf­an­zei­ge im Mai 2009 initi­iert, nahm auf den Gang der Ermitt­lun­gen per­sön­lich Ein­fluss und sag­te im April und Novem­ber 2010 umfas­send als Zeu­ge aus. Spä­tes­tens im Som­mer 2010 wuss­te er, dass der Beschul­dig­te über erheb­li­ches Ver­mö­gen auf Bank­kon­ten ver­füg­te. Nach der Ver­neh­mung vom 05.11.2010 war ihm bekannt, dass der Beschul­dig­te ein­ge­räumt hat­te, von dem (geschäfts­un­fä­hi­gen) Vater des Klä­gers ein Kuvert mit 200.000 € Bar­geld erhal­ten zu haben. Der inzwi­schen anwalt­lich ver­tre­te­ne Klä­ger unter­nahm in der unmit­tel­ba­ren Fol­ge den­noch nichts zur Anspruchs­si­che­rung. Akten­ein­sicht bean­trag­te er erst am 14.12 2010. Erst­mals mit Anwalts­schrift­satz vom 21.02.2011 unter­rich­te­te er die Staats­an­walt­schaft dar­über, bis­lang nichts zur Anspruchs­si­che­rung getan zu haben. Bei die­ser Sach­la­ge durf­te die Staats­an­walt­schaft – jeden­falls bis Febru­ar 2011 – davon aus­ge­hen, dass der Klä­ger der staat­li­chen Rück­ge­win­nungs­hil­fe nicht bedurf­te und vor­läu­fi­ge Siche­rungs­maß­nah­men nach § 111b Abs. 2, 5 i.V.m. § 111d StPO nicht ange­zeigt waren. Da die Rück­ge­win­nungs­hil­fe im Inter­es­se des Geschä­dig­ten vor­ge­nom­men wird, begrün­det die Untä­tig­keit des über Anspruch und Geg­ner infor­mier­ten Ver­letz­ten regel­mä­ßig kei­ne Hand­lungs­pflicht der Staats­an­walt­schaft 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Novem­ber 2016 – III ZR 209/​15

  1. BVerfG, Beschluss vom 07.06.2005 – 2 BvR 1822/​04, Stra­Fo 2005, 338 45 f, 51, 55; OLG Karls­ru­he, NJW 2008, 162, 164; BeckRS 2004, 09009; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 59. Aufl., § 111d Rn. 4; KK-StPO/S­pil­le­cke, 7. Aufl., § 111b Rn. 18[]
  2. KK-StPO/S­pil­le­cke aaO[]
  3. BVerfG aaO Rn. 51; OLG Düs­sel­dorf, NStZ-RR 2002, 173; OLG Karls­ru­he, BeckRS aaO[]
  4. OLG Karls­ru­he aaO; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt aaO § 111b Rn. 6; KK-StPO/S­pil­le­cke aaO[]
  5. z.B. BGH, Urteil vom 18.05.2000 – III ZR 180/​99, NJW 2000, 2672, 2673; BeckOGK/​Dörr, BGB, § 839 Rn. 158 [Stand: 1.07.2016] jew. mwN[]
  6. vgl. BVerfG aaO Rn. 59; OLG Karls­ru­he, NJW 2008, 162, 164[]