Die nament­li­che Bericht­erstat­tung über Rechts­ex­tre­mis­mus in der AfD

Ist es über­wie­gend wahr­schein­lich, dass eine Bericht­erstat­tung über rechts­ex­tre­me Äuße­run­gen eines Mit­ar­bei­ters zwei­er AfD Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter in Face­book-Chats der Wahr­heit ent­spricht, darf sie einst­wei­len wei­ter erfol­gen.

Die nament­li­che Bericht­erstat­tung über Rechts­ex­tre­mis­mus in der AfD

So hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in dem hier vor­lie­gen­den Fall den Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung abge­lehnt. Die Wochen­zei­tung „KONTEXT“ erstellt als ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein die Zeit­schrift „KONTEXT“, die sowohl im Inter­net als auch als Print­bei­la­ge der „taz“ ver­brei­tet wird. Im Mai 2018 berich­te­te „KONTEXT“ unter der Über­schrift „»Sieg Heil« mit Smi­ley“ über den beruf­li­chen und poli­ti­schen Wer­de­gang des Klä­gers. Unter ande­rem behaup­te­te „KONTEXT“, der nament­lich genann­te Klä­ger sei frü­her „NPD-Mit­glied“ gewe­sen. Der Bericht ent­hält eine grö­ße­re Anzahl dem Klä­ger zuge­schrie­be­ner Zita­te aus pri­va­ten Face­book-Chats mit Per­so­nen, die die Zeit­schrift der extre­men rech­ten Sze­ne zuord­net. Eini­ge Behaup­tun­gen über den Klä­ger wur­den in einem Ende Mai erschie­ne­nen Arti­kel „Gefähr­der im Land­tag“ wie­der­holt und ver­tieft.

Gegen die­se Bericht­erstat­tung ist der Klä­ger mit einem Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung vor­ge­gan­gen, mit der er begehrt hat, dem Beklag­ten zu unter­sa­gen, iden­ti­fi­zie­rend über ihn zu berich­ten und u.a. zu behaup­ten, er sei Mit­glied der NPD gewe­sen und habe sich in der zitier­ten Wei­se geäu­ßert. Er macht u.a. gel­tend, die angeb­li­chen Zita­te stamm­ten nicht von ihm, sie sei­en nach­träg­lich in die dem Beklag­ten vor­lie­gen­den Chat-Pro­to­kol­le hin­ein­ma­ni­pu­liert wor­den. Die Vor­in­stanz1 hat­te noch zuguns­ten des Klä­gers ent­schie­den und das bean­trag­te einst­wei­li­ge Ver­bot der Bericht­erstat­tung erlas­sen.

Das sah das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he anders: Nach sei­ner Auf­fas­sung ist es als hin­rei­chend glaub­haft gemacht anzu­se­hen, dass die im Rechts­streit vor­ge­leg­ten Chat-Pro­to­kol­le authen­tisch sind. Somit ist es für das Ober­lan­des­ge­richt über­wie­gend wahr­schein­lich, dass der Klä­ger sich in der zitier­ten Wei­se men­schen­ver­ach­tend, ras­sis­tisch und demo­kra­tie­feind­lich geäu­ßert hat und frü­her NPD-Mit­glied gewe­sen ist, wie er dies gegen­über ver­schie­de­nen Chat-Part­nern selbst ange­ge­ben hat­te.

Die Bericht­erstat­tung ist auch nicht des­halb ver­bo­ten, weil die Chat-Pro­to­kol­le mög­li­cher­wei­se wider­recht­lich „gele­akt“ wur­den. Der Klä­ger konn­te nicht glaub­haft machen, dass der Beklag­te den etwai­gen Rechts­bruch selbst began­gen oder in Auf­trag gege­ben hat. Des­halb über­wiegt das von dem Beklag­ten ver­folg­te Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit und sein Recht auf Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit das Inter­es­se des Klä­gers am Schutz sei­ner Ver­trau­lich­keits­sphä­re. Denn mit Rück­sicht auf die Dis­kus­si­on um rechts­ex­tre­me Bestre­bun­gen im Umfeld der AfD leis­ten die bean­stan­de­ten Pres­se­ar­ti­kel einen Bei­trag zum geis­ti­gen Mei­nungs­kampf in einer die Öffent­lich­keit wesent­lich berüh­ren­den Fra­ge. Aus die­sem Grund darf in die­sem Zusam­men­hang auch iden­ti­fi­zie­rend über den Klä­ger berich­tet wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 13. Febru­ar 2019 – 6 U 105/​18

  1. LG Mann­heim, Urteil vom 03.08.2018 – 3 O 58/​18 []