Die nicht erreich­te Beru­fungs­sum­me – und der Ver­wer­fungs­be­schluss

Der Beschluss, mit dem die Beru­fung ver­wor­fen wird, weil die Beru­fungs­sum­me nicht erreicht ist, muss die Fest­stel­lun­gen ent­hal­ten, die das Rechts­be­schwer­de­ge­richt in die Lage ver­set­zen zu über­prü­fen, ob das Beru­fungs­ge­richt die Gren­zen des ihm von § 3 ZPO ein­ge­räum­ten Ermes­sens über­schrit­ten oder rechts­feh­ler­haft von ihm Gebrauch gemacht hat; andern­falls ist er nicht mit den nach dem Gesetz erfor­der­li­chen Grün­den ver­se­hen und im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren schon des­halb auf­zu­he­ben.

Die nicht erreich­te Beru­fungs­sum­me – und der Ver­wer­fungs­be­schluss

Beschlüs­se, die der Rechts­be­schwer­de unter­lie­gen, müs­sen den maß­geb­li­chen Sach­ver­halt, über den ent­schie­den wird, wie­der­ge­ben sowie den Streit­ge­gen­stand und die Anträ­ge in bei­den Instan­zen erken­nen las­sen; andern­falls sind sie nach stän­di­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung nicht mit den nach dem Gesetz erfor­der­li­chen Grün­den ver­se­hen und schon des­halb auf­zu­he­ben. Denn das Rechts­be­schwer­de­ge­richt hat nach § 577 Abs. 2 Satz 4, § 559 ZPO grund­sätz­lich von dem Sach­ver­halt aus­zu­ge­hen, den das Beru­fungs­ge­richt fest­ge­stellt hat. Ent­hält der ange­foch­te­ne Beschluss kei­ne tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen, ist es zu einer recht­li­chen Über­prü­fung nicht in der Lage 1. Dies gilt gera­de auch dann, wenn das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fung ver­wirft, weil die Beru­fungs­sum­me nicht erreicht ist. Denn die Wert­fest­set­zung kann vom Rechts­be­schwer­de­ge­richt nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob das Beru­fungs­ge­richt die Gren­zen des ihm von § 3 ZPO ein­ge­räum­ten Ermes­sens über­schrit­ten oder rechts­feh­ler­haft von ihm Gebrauch gemacht hat 2.

Die­sen Maß­stä­ben wird der ange­foch­te­ne Beschluss im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht gerecht: Weder ent­hält er eine geson­der­te Sach­dar­stel­lung, noch erge­ben sich der maß­geb­li­che Sach­ver­halt und das Rechts­schutz­ziel – was aus­rei­chend wäre 3 – hin­rei­chend klar aus den Beschluss­grün­den. Der ange­foch­te­ne Beschluss selbst ent­hält über­haupt kei­ne tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen, dem Hin­weis vom 18.10.2012 lässt sich in tat­säch­li­cher Hin­sicht allein – und als Grund­la­ge für die erfor­der­li­che Ermes­sens­ent­schei­dung völ­lig unzu­rei­chend – ent­neh­men, dass der Beklag­te nach den Fest­stel­lun­gen des Amts­ge­richts Koblenz aus dem Jahr 2006 "unge­lernt und lang­zeit­ar­beits­los" war. Infor­ma­tio­nen über den Streit­ge­gen­stand des zugrun­de­lie­gen­den Rechts­streits fin­den sich weder im ange­foch­te­nen Beschluss noch im Hin­weis vom 18.10.2012. Eben­so wenig ent­hal­ten Beschluss und Hin­weis Anga­ben zu den von den Par­tei­en gestell­ten Anträ­gen oder sons­ti­ge Infor­ma­tio­nen zum mit der Kla­ge ver­folg­ten Rechts­schutz­ziel.

Nach § 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO ist die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Der vom Beklag­ten wei­ter begehr­te Aus­spruch des Rechts­be­schwer­de­ge­richts dahin­ge­hend, dass die ein­ge­leg­te Beru­fung zuläs­sig ist, kommt jeden­falls im vor­lie­gen­den Fall nicht in Betracht.

Dabei kann offen­blei­ben, ob die Zwi­schen­ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit einer Beru­fung Gegen­stand einer dem Rechts­be­schwer­de­ge­richt nach § 577 Abs. 5 ZPO mög­li­chen Ent­schei­dung in der Sache sein kann 4. Denn eine abschlie­ßen­de Beur­tei­lung, ob der Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des vor­lie­gend 600 € über­steigt, ist dem Rechts­be­schwer­de­ge­richt auf der Grund­la­ge der im ange­foch­te­nen Beschluss getrof­fe­nen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen – wie dar­ge­legt – nicht mög­lich.

Gelangt das Beru­fungs­ge­richt zum Ergeb­nis, dass die Beru­fungs­sum­me nicht erreicht ist, wird es sich vor der Ver­wer­fung der Beru­fung mit der Fra­ge zu befas­sen haben, ob die Beru­fung des Beklag­ten nach § 511 Abs. 2 Nr. 2, Abs. 4 Satz 1 ZPO zuzu­las­sen ist.

Hat das erst­in­stanz­li­che Gericht kei­ne Ver­an­las­sung gese­hen, die Beru­fung nach § 511 Abs. 4 Satz 1 ZPO zuzu­las­sen, weil es von einer Beschwer der unter­le­ge­nen Par­tei aus­ge­gan­gen ist, die 600 € über­steigt, muss das Beru­fungs­ge­richt, wenn es von einer gerin­ge­ren Beschwer aus­geht, die Ent­schei­dung dar­über nach­ho­len, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulas­sung der Beru­fung nach § 511 Abs. 4 Satz 1 ZPO erfüllt sind 5. Nach­dem im amts­ge­richt­li­chen Urteil der Streit­wert auf "bis zu 5.000,00 Euro" fest­ge­setzt wur­de, spricht vie­les dafür, dass das Amts­ge­richt auch von einer Beschwer des Beklag­ten von über 600 € aus­ge­gan­gen ist und sich ihm die Fra­ge der Beru­fungs­zu­las­sung des­halb nicht gestellt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Okto­ber 2013 – VI ZB 2/​13

  1. vgl. z.B. BGH, Beschlüs­se vom 16.04.2013 – VI ZB 50/​12, NJW-RR 2013, 1077 Rn. 4; vom 08.05.2012 – VI ZB 1/​11, – VI ZB 2/​11, VersR 2012, 1272 Rn. 3; vom 12.04.2011 – VI ZB 31/​10, VersR 2011, 1199 Rn. 8; vom 17.11.2009 – VI ZB 58/​08, VersR 2010, 687 Rn. 4; BGH, Beschlüs­se vom 15.05.2012 – V ZB 282/​11, WM 2012, 404 Rn. 3; vom 14.06.2010 – II ZB 20/​09, NJW-RR 2010, 1582 Rn. 5; vom 26.01.2009 – II ZB 6/​08, NJW 2009, 1083 Rn. 10; vom 28.04.2008 – II ZB 27/​07, NJW-RR 2008, 1455 Rn. 4; vom 20.06.2002 – IX ZB 56/​01, VersR 2003, 926[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 12.04.2011 – VI ZB 31/​10, aaO; BGH, Beschlüs­se vom 15.05.2012 – V ZB 282/​11, aaO; vom 14.06.2010 – II ZB 20/​09, aaO; vom 28.04.2008 – II ZB 27/​07, aaO[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 16.04.2013 – VI ZB 50/​12, aaO Rn. 5; vom 08.05.2012 – VI ZB 1/​11, – VI ZB 2/​11, aaO; BGH, Beschluss vom 26.01.2009 – II ZB 6/​08, aaO[]
  4. so wohl für § 563 Abs. 3 ZPO: Stein/​Jonas/​Jacobs, 22. Aufl., § 563 Rn. 27; sie­he auch zu § 522 Abs. 1 Satz 3 ZPO: Fell­ner, MDR 2003, 69; HkZPO/​Wöstmann, 5. Aufl., § 522 Rn. 4; dage­gen MüKoZPO/​Rimmelspacher, 4. Aufl., § 522 Rn. 13[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 12.04.2011 – VI ZB 31/​10, aaO Rn. 11[]