Die nicht kopier­fä­hi­ge Notar­ur­kun­de

Der Notar ist nicht ver­pflich­tet, eine aus meh­re­ren Tei­len bestehen­de Urkun­de so zu hef­ten, dass die Foto­ko­pier­fä­hig­keit der ver­bun­de­nen Schrift­stü­cke erhal­ten bleibt. Sind Tei­le der Urkun­de les­bar, aber auf Grund der Hef­tung nicht kopier­fä­hig, muss er die Urkun­de nicht neu hef­ten.

Die nicht kopier­fä­hi­ge Notar­ur­kun­de

Im Grund­satz ist der Notar zu Urkunds­tä­tig­kei­ten ver­pflich­tet. Ein aus­rei­chen­der Grund für die Ver­wei­ge­rung im Sin­ne von § 15 Abs. 1 Satz 1 BNo­tO besteht sowohl, wenn das Beur­kun­dungs­ge­setz die Amts­aus­übung unter­sagt, als auch dann, wenn der Beur­kun­dung Soll-Vor­schrif­ten ent­ge­gen­ste­hen, die der Notar bei sei­ner Amts­füh­rung zu beach­ten hat 1.

Gemäß § 44 BeurkG sol­len Urkun­den, die aus meh­re­ren Blät­tern bestehen, eben­so wie der Nie­der­schrift bei­gefüg­te Schrift­stü­cke, Kar­ten, Zeich­nun­gen und Abbil­dun­gen mit Schnur und Prä­ge­sie­gel ver­bun­den wer­den. Unter Ver­weis hier­auf sieht § 30 DONot vor, dass jede Urschrift, Aus­fer­ti­gung oder beglau­big­te Abschrift, die mehr als einen Bogen oder ein Blatt umfasst, zu hef­ten und der Heft­fa­den anzu­sie­geln ist. Fer­ner sind gemäß § 29 Abs. 1 DONot Urschrif­ten, Aus­fer­ti­gun­gen und beglau­big­te Abschrif­ten nota­ri­el­ler Urkun­den so her­zu­stel­len, dass sie gut les­bar, dau­er­haft und fäl­schungs­si­cher sind.

Die Hef­tung und Sie­ge­lung soll unter Erhal­tung der Les­bar­keit sowohl gewähr­leis­ten, dass die Urkun­de voll­stän­dig bleibt, als auch ver­hin­dern, dass ande­re Schrift­stü­cke nach­träg­lich ein­ge­fügt wer­den. Wird die Soll­vor­schrift des § 44 BeurkG nicht ein­ge­hal­ten, kann dies unter Umstän­den den Beweis­wert der Urkun­de min­dern 2.

Weil die Hef­tung einer Gesamt­ur­kun­de eine dau­er­haf­te Ver­bin­dung der Urkun­den schaf­fen soll, kann eine Ent­hef­tung nur in engen Aus­nah­me­fäl­len in Betracht kom­men. Aller­dings wird eine Pflicht des Notars ange­nom­men, die Ver­bin­dung einer feh­ler­haft gebun­de­nen Urkun­de zu lösen und sie neu zu ver­bin­den. Ange­führt wird dabei eine feh­ler­haf­te Urkun­de, bei der ent­we­der die Rei­hen­fol­ge der Blät­ter nicht zutrifft oder ein­zel­ne Blät­ter feh­len 3.

Ein sol­cher Fall liegt hier nicht vor. Auch wenn unter­stellt wird, dass die Kopier­fä­hig­keit ein­zel­ner Urkunds­tei­le auf­grund der Hef­tung nicht mehr besteht, ist die Hef­tung des­halb nicht feh­ler­haft.

Dass bei der fes­ten Ver­bin­dung die Foto­ko­pier­fä­hig­keit ein­zel­ner Schrift­stü­cke erhal­ten blei­ben muss, ergibt sich aus kei­ner der genann­ten Vor­schrif­ten. Dies ist auch nach Sinn und Zweck von § 44 BeurkG und §§ 29 Abs. 1, 30 DONot nicht gebo­ten. Nach § 29 Abs. 1 DONot müs­sen Aus­fer­ti­gun­gen nur so her­ge­stellt wer­den, dass sie unter ande­rem gut les­bar sind.

Die Kopier­fä­hig­keit muss dage­gen nicht zwin­gend erhal­ten blei­ben. Bei Gesamt­ur­kun­den kann die dau­er­haf­te Ver­bin­dung durch Schnur und Prä­ge­sie­gel näm­lich leicht dazu füh­ren, dass ein­zel­ne Tei­le der Urkun­de zwar les­bar, nicht aber kopier­fä­hig blei­ben. Der Notar soll die Ösung sogar so im obe­ren Drit­tel des Sei­ten­ran­des anbrin­gen, dass der Heft­fa­den durch eine Lochung nicht beschä­digt wer­den kann 4. Wür­de ihm gleich­zei­tig die Pflicht auf­er­legt, die Kopier­fä­hig­keit der ein­zel­nen Tei­le der Gesamt­ur­kun­de zu erhal­ten, könn­te die dau­er­haf­te Zusam­men­fü­gung häu­fig nicht sicher­ge­stellt wer­den. Letz­te­re hat aber Vor­rang gegen­über der Kopier­fä­hig­keit ein­zel­ner Tei­le, weil der Beweis­wert der Gesamt­ur­kun­de erhal­ten blei­ben muss.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Novem­ber 2010 – V ZB 143/​10

  1. Sand­küh­ler in Arndt/​Lerch/​Sand­küh­ler, BNo­tO, 6. Aufl., § 15 Rn. 63 ff.; Eylmann/​Vaasen/​Frenz, BNo­tO – BeurkG, 2. Aufl., § 15 BNo­tO Rn. 24[]
  2. Preuß in Armbrüster/​Preuß/​Renner, BeurkG – DONot, 5. Aufl., § 44 BeurkG Rn. 6; Wink­ler, BeurkG, 16. Aufl., § 44 Rn. 11[]
  3. Preuß in Armbrüster/​Preuß/​Renner aaO, § 44 BeurkG Rn. 6; Ren­ner in Armbrüster/​Preuß/​Ren­ner aaO, § 30 DONot Rn. 4; Wald­ner, Beur­kun­dungs­recht für die nota­ri­el­le Pra­xis (2007) Rn. 211; Weingärtner/​Ehrlich, DONot, 10. Aufl., Rn. 463; Wink­ler aaO, § 44 Rn. 11[]
  4. Weingärtner/​Ehrlich aaO, Rn. 470 mwN[]