Die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on und die Gewähr­leis­tung des gesetz­li­chen Rich­ters

Die Ent­schei­dung eines Gerichts, die Revi­si­on nicht zuzu­las­sen, ver­stößt gegen die Gewähr­leis­tung des gesetz­li­chen Rich­ters in Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, wenn sie will­kür­lich ist [1]. Mit dem für den Bereich des Zivil­pro­zes­ses durch Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) gewähr­leis­te­ten Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes [2] ist es unver­ein­bar, wenn eine Aus­le­gung und Anwen­dung der Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen für ein Rechts­mit­tel sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen ist, sich damit als objek­tiv will­kür­lich erweist und den Zugang zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar erschwert [3].

Die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on und die Gewähr­leis­tung des gesetz­li­chen Rich­ters

Nach die­sen Maß­stä­ben ver­letzt die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on weder den Anspruch auf den gesetz­li­chen Rich­ter noch das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes. Das Ober­lan­des­ge­richt hat die Nicht­zu­las­sung damit begrün­det, dass die Ent­schei­dung auf einer Anwen­dung aner­kann­ter Rechts­sät­ze auf den kon­kre­ten Ein­zel­fall beru­he. Es ist nicht erkenn­bar, dass das Ober­lan­des­ge­richt mit die­ser Begrün­dung die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulas­sung der Revi­si­on in ver­fas­sungs­recht­lich nicht mehr ver­tret­ba­rer Wei­se ver­neint hat.

Im Fal­le einer Anwen­dung aner­kann­ter Rechts­sät­ze auf den kon­kre­ten Ein­zel­fall lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen des § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO nicht vor [4], weil die Sache kei­ne für eine Viel­zahl von Fäl­len bedeut­sa­me klä­rungs­be­dürf­ti­ge Rechts­fra­ge auf­wirft, eine höchst­rich­ter­li­che Ori­en­tie­rungs­hil­fe nicht mehr erfor­der­lich ist und es kei­ne in Diver­genz zu ande­rer Recht­spre­chung beant­wor­te­te Rechts­fra­ge gibt, die durch das Revi­si­ons­ge­richt zu kor­ri­gie­ren wäre.

Die Prü­fung, ob es sich bei der Habi­li­ta­ti­ons­schrift der Beschwer­de­füh­re­rin um ein urhe­ber­recht­lich geschütz­tes Sprach­werk han­delt, beruht auf einer Anwen­dung ein­schlä­gi­ger Rechts­sät­ze des Bun­des­ge­richts­hofs. Die Rechts­fra­ge, inwie­weit inhalt­li­che Ele­men­te den Urhe­ber­rechts­schutz eines wis­sen­schaft­li­chen Werks begrün­den kön­nen, ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs geklärt. Hier­nach kann die Samm­lung, Anord­nung und Dar­bie­tung wis­sen­schaft­li­chen Mate­ri­als schutz­fä­hig sein [5]. In Anwen­dung die­ser und wei­te­rer Maß­stä­be des Bun­des­ge­richts­hofs [6] hat das Ober­lan­des­ge­richt eine Schutz­fä­hig­keit des Sprach­werks der Beschwer­de­füh­re­rin auf­grund einer bestimm­ten Rei­hen­fol­ge in der Dar­stel­lung, der Bil­dung bestimm­ter Schwer­punk­te, der Ver­knüp­fung bestimm­ter Fak­ten, Aus­wer­tung und Zie­hung von Schluss­fol­ge­run­gen sowie der sprach­li­chen Dar­stel­lung ange­nom­men.

Das Ober­lan­des­ge­richt konn­te die Beur­tei­lung, ob eine freie (§ 24 UrhG) oder eine unfreie (§ 23 UrhG) Bear­bei­tung vor­liegt, eben­falls als Anwen­dung aner­kann­ter Rechts­sät­ze auf den kon­kre­ten Fall anse­hen. Die hier­für her­an­ge­zo­ge­nen Prü­fungs­maß­stä­be hat es der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ent­nom­men. Hier­nach kommt es ent­schei­dend auf den Abstand an, den das neue Werk zu den ent­lehn­ten eigen­per­sön­li­chen Zügen des benutz­ten Werks hält, wobei eine freie Benut­zung vor­aus­setzt, dass ange­sichts der Eigen­art des neu­en Werks die ent­lehn­ten eigen­per­sön­li­chen Züge des benutz­ten Werks ver­blas­sen [7]. Dabei ist durch Ver­gleich zu ermit­teln, ob und gege­be­nen­falls in wel­chem Umfang eigen­schöp­fe­ri­sche Züge des älte­ren Werks über­nom­men wor­den sind [8].

Bei der Prü­fung, ob das Werk des Beklag­ten einen aus­rei­chen­den Abstand zum Werk der Beschwer­de­füh­re­rin hält, hat das Ober­lan­des­ge­richt die bereits bei der Prü­fung der Schutz­fä­hig­keit des wis­sen­schaft­li­chen Werks der Beschwer­de­füh­re­rin her­an­ge­zo­ge­nen Rechts­sät­ze zugrun­de gelegt [9]. Soweit es die inhalt­li­chen Ent­leh­nun­gen des Beklag­ten hin­sicht­lich des aus­ge­wähl­ten Mate­ri­als nicht als unfreie Benut­zung im Sin­ne des § 23 UrhG ange­se­hen hat, han­delt es sich eben­falls um die Anwen­dung höchst­rich­ter­li­cher Rechts­sät­ze, auch wenn es dabei zu einem ande­ren Ergeb­nis als eine wei­te­re Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs [10] gelangt sein mag.

Die Anwen­dung der eta­blier­ten Maß­stä­be des Bun­des­ge­richts­hofs durch das Ober­lan­des­ge­richt begeg­net aller­dings Beden­ken. Das Ober­lan­des­ge­richt lehnt die grund­sätz­lich aner­kann­te Schutz­fä­hig­keit der Mate­ri­al­aus­wahl der Beschwer­de­füh­re­rin wegen ihrer erschöp­fen­den Behand­lung des The­mas ab und sieht einen aus­rei­chen­den Abstand ihres Werks zu dem des Beklag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens dar­in, dass letz­te­rer aus den Bei­spie­len der Beschwer­de­füh­re­rin eine Aus­wahl getrof­fen und eine ande­re Gewich­tung gewählt habe. Das Ober­lan­des­ge­richt prüft aber nicht, inwie­weit die­ses par­ti­el­le Kopie­ren des Ertra­ges der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit der Beschwer­de­füh­re­rin eine eige­ne Schöp­fungs­hö­he auf­weist und damit eine Ver­let­zung von Urhe­ber­rech­ten der Beschwer­de­füh­re­rin aus­schließt. Die­se Beden­ken betref­fen jedoch ledig­lich die ein­fach­recht­li­che Anwen­dung aner­kann­ter Rechts­sät­ze auf den Ein­zel­fall und erfül­len damit nicht die Vor­aus­set­zun­gen eines Revi­si­ons­zu­las­sungs­grun­des, des­sen Miss­ach­tung von Ver­fas­sungs wegen zu bean­stan­den wäre.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 1. August 2013 – 1 BvR 2515/​12

  1. vgl. BVerfGE 19, 38, 42 f.; 87, 282, 284 f.; BVerfGK 2, 202, 204; BVerfG, Beschluss vom 21.03.2012 – 1 BvR 2365/​11, NJW 2012, 1715[]
  2. vgl. BVerfGE 93, 99, 107[]
  3. vgl. BVerfGE 125, 104, 137; BVerfG, Beschluss vom 16.07.2013 – 1 BvR 3057/​11[]
  4. vgl. dazu BGHZ 154, 288, 291 ff.[]
  5. vgl. etwa BGH, Urteil vom 07.12.1979 – I ZR 157/​77, GRUR 1980, S. 227, 230 „Monu­men­ta Ger­ma­niae His­to­ri­ca“[]
  6. vgl. ins­be­son­de­re BGH, Urteil vom 21.11.1980 – I ZR 106/​78, GRUR 1981, S. 352 „Staats­examens­ar­beit“ und BGH, Urteil vom 01.12.2010 – I ZR 12/​08, GRUR 2011, S. 134 „Per­len­tau­cher“[]
  7. BGH, Urteil vom 01.12.2010 – I ZR 12/​08, GRUR 2011, S. 134, 137 „Per­len­tau­cher“[]
  8. BGH, Urteil vom 08.07.2004 – I ZR 25/​02, GRUR 2004, S. 855 „Hun­de­fi­gur“[]
  9. vgl. ins­be­son­de­re BGH, Urteil vom 07.12.1979 – I ZR 157/​77, GRUR 1980, S. 227, 230 „Monu­men­ta Ger­ma­niae His­to­ri­ca“[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 12.06.1981 – I ZR 95/​79, GRUR 1982, S. 37, 39 f. „WK-Doku­men­ta­ti­on“[]