Die (noch) nicht all­ge­mein aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Behand­lungs­me­tho­de – und die Aufklärungspflicht

Bei der Anwen­dung einer (noch) nicht all­ge­mein aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Behand­lungs­me­tho­de sind zur Wah­rung des Selbst­be­stim­mungs­rechts des Pati­en­ten erhöh­te Anfor­de­run­gen an des­sen Auf­klä­rung zu stel­len. Dem Pati­en­ten müs­sen nicht nur das Für und Wider die­ser Metho­de erläu­tert wer­den, son­dern er ist auch dar­über auf­zu­klä­ren, dass der geplan­te Ein­griff nicht oder noch nicht medi­zi­ni­scher Stan­dard ist. Eine Neu­land­me­tho­de darf nur dann am Pati­en­ten ange­wandt wer­den, wenn die­sem zuvor unmiss­ver­ständ­lich ver­deut­licht wur­de, dass die neue Metho­de die Mög­lich­keit unbe­kann­ter Risi­ken birgt.

Die (noch) nicht all­ge­mein aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Behand­lungs­me­tho­de – und die Aufklärungspflicht

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Fall, in dem der Arzt sei­nem Pati­en­ten eine Kunst­stof­fen­do­pro­the­se des Sys­tems Cadisc‑L der Fa. R. implan­tiert hat­te, bei der es sich um eine noch nicht eta­blier­te Neu­land­me­tho­de han­delt, da die im Gegen­satz zu den her­kömm­li­chen Implan­ta­ten aus­schließ­lich aus Kunst­stoff bestehen­de Pro­the­se kli­nisch noch nicht hin­rei­chend erprobt war.

Bei der Anwen­dung einer (noch) nicht all­ge­mein aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Behand­lungs­me­tho­de sind zur Wah­rung des Selbst­be­stim­mungs­rechts des Pati­en­ten erhöh­te Anfor­de­run­gen an des­sen Auf­klä­rung zu stel­len. Dem Pati­en­ten müs­sen nicht nur das Für und Wider die­ser Metho­de erläu­tert wer­den, son­dern er ist auch dar­über auf­zu­klä­ren, dass der geplan­te Ein­griff nicht oder noch nicht medi­zi­ni­scher Stan­dard ist1. Will der Arzt eine neue und noch nicht all­ge­mein ein­ge­führ­te Metho­de mit noch nicht abschlie­ßend geklär­ten Risi­ken anwen­den, so hat er den Pati­en­ten wei­ter­hin dar­über auf­zu­klä­ren, dass unbe­kann­te Risi­ken der­zeit nicht aus­zu­schlie­ßen sind2. Eine Neu­land­me­tho­de darf nur dann am Pati­en­ten ange­wandt wer­den, wenn die­sem zuvor unmiss­ver­ständ­lich ver­deut­licht wur­de, dass die neue Metho­de die Mög­lich­keit unbe­kann­ter Risi­ken birgt3. Dies ist erfor­der­lich, um den Pati­en­ten in die Lage zu ver­set­zen, sorg­fäl­tig abzu­wä­gen, ob er sich nach der her­kömm­li­chen Metho­de mit bekann­ten Risi­ken behan­deln las­sen möch­te oder nach der neu­en Metho­de unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der in Aus­sicht gestell­ten Vor­tei­le und der noch nicht in jeder Hin­sicht bekann­ten Gefah­ren (eben­da).

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Die­sen Anfor­de­run­gen genüg­te im vor­lie­gen­den Fall die dem Pati­en­ten vor dem Ein­griff zuteil gewor­de­ne Auf­klä­rung nicht: Er ist weder dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass die geplan­te Implan­ta­ti­on der Kunst­stof­fen­do­pro­the­se noch nicht medi­zi­ni­scher Stan­dard war, noch dar­auf, dass sie die Mög­lich­keit unbe­kann­ter Risi­ken mit sich brachte.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall ver­warf der Bun­des­ge­richts­hof sodann das Argu­ment, der Pati­ent hät­te auch bei ord­nungs­ge­mä­ßer Auf­klä­rung in den streit­ge­gen­ständ­li­chen Ein­griff ein­ge­wil­ligt (hypo­the­ti­sche Ein­wil­li­gung, nun­mehr § 630h Abs. 2 Satz 2 BGB).

Genügt die Auf­klä­rung nicht den an sie zu stel­len­den Anfor­de­run­gen, so kann sich der Behan­deln­de nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dar­auf beru­fen, dass der Pati­ent auch im Fal­le einer ord­nungs­ge­mä­ßen Auf­klä­rung in die Maß­nah­me ein­ge­wil­ligt hät­te4. An einen dahin­ge­hen­den Nach­weis sind aber schon bei einer all­ge­mein aner­kann­ten Behand­lung stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len, damit nicht auf die­sem Weg der Auf­klä­rungs­an­spruch des Pati­en­ten unter­lau­fen wird5. Bei der Anwen­dung eines nicht all­ge­mein aner­kann­ten, den Kor­ri­dor des medi­zi­ni­schen Stan­dards ver­las­sen­den Behand­lungs­kon­zepts gel­ten beson­ders stren­ge Maß­stä­be6.

Zwar trifft den Arzt für sei­ne Behaup­tung, der Pati­ent hät­te bei ord­nungs­ge­mä­ßer Auf­klä­rung in den Ein­griff ein­ge­wil­ligt, die Beweis­last erst dann, wenn der Pati­ent zur Über­zeu­gung des Tatrich­ters plau­si­bel macht, dass er – wäre er ord­nungs­ge­mäß auf­ge­klärt wor­den – vor einem ech­ten Ent­schei­dungs­kon­flikt gestan­den hät­te. Aller­dings dür­fen an die Sub­stan­ti­ie­rungs­pflicht des Pati­en­ten zur Dar­le­gung eines sol­chen Kon­flikts kei­ne zu hohen Anfor­de­run­gen gestellt wer­den7; dies gilt in beson­de­rem Maße, wenn der Arzt eine noch nicht all­ge­mein aner­kann­te Behand­lungs­me­tho­de ange­wandt hat8.

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Dabei hat das hier in der Vor­in­stanz täti­ge Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg9 bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob der Pati­ent einen Ent­schei­dungs­kon­flikt plau­si­bel gemacht hat, einen feh­ler­haf­ten recht­li­chen Maß­stab ange­legt. Das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg hat über­se­hen, dass gedank­li­che Vor­aus­set­zung der hypo­the­ti­schen Ein­wil­li­gung stets die Hypo­the­se einer ord­nungs­ge­mä­ßen, ins­be­son­de­re auch voll­stän­di­gen Auf­klä­rung ist10. Die­se Hypo­the­se ist auch der Beur­tei­lung der Fra­ge zugrun­de zu legen, ob der Pati­ent einen Ent­schei­dungs­kon­flikt plau­si­bel gemacht hat11. Dem­entspre­chend hat der Tatrich­ter dem Pati­en­ten vor sei­ner – zur Fest­stel­lung der Fra­ge, ob die­ser in einen Ent­schei­dungs­kon­flikt gera­ten wäre, grund­sätz­lich erfor­der­li­chen – Anhö­rung mit­zu­tei­len, wel­che Auf­klä­rung ihm vor dem maß­geb­li­chen Ein­griff rich­ti­ger­wei­se hät­te zuteil­wer­den müs­sen12. Denn Aus­gangs­punkt der Plau­si­bi­li­täts­prü­fung ist die hypo­the­ti­sche Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on des Pati­en­ten bei ord­nungs­ge­mä­ßer und voll­stän­di­ger Auf­klä­rung13. Anga­ben, die der Pati­ent in Unkennt­nis des Inhalts der ihm geschul­de­ten Auf­klä­rung macht, sind grund­sätz­lich nicht geeig­net, die Plau­si­bi­li­tät von spä­ter in Kennt­nis der geschul­de­ten Auf­klä­rung gemach­ten Anga­ben in Fra­ge zu stel­len. Dies gilt in beson­de­rem Maße, wenn der Arzt eine (noch) nicht all­ge­mein aner­kann­te Behand­lungs­me­tho­de ange­wandt hat. Ist dem Pati­en­ten weder bekannt, dass der Arzt bei ihm eine sol­che Metho­de ange­wandt hat, noch, dass die­se mit unbe­kann­ten Risi­ken ver­bun­den sein kann, ver­mag er die Dimen­si­on der von ihm vor der Behand­lung zu tref­fen­den Abwä­gungs­ent­schei­dung und damit auch die Mög­lich­keit eines Ent­schei­dungs­kon­flikts nicht zu erkennen.

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Nach die­sen Grund­sät­zen hät­te das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg bei sei­ner Beur­tei­lung in den Blick neh­men müs­sen, dass das Land­ge­richt den Inhalt der dem Pati­en­ten geschul­de­ten Auf­klä­rung vor des­sen Anhö­rung am 4.05.2018 noch nicht zutref­fend bestimmt und dem Pati­en­ten nicht mit­ge­teilt hat­te, wel­che Auf­klä­rung ihm vor dem maß­geb­li­chen Ein­griff rich­ti­ger­wei­se hät­te zuteil­wer­den müs­sen. Es hat­te den Pati­en­ten weder dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich bei dem geplan­ten Ein­griff um eine vom medi­zi­ni­schen Stan­dard abwei­chen­de Neu­land­me­tho­de han­del­te, noch ihm in der gebo­te­nen Wei­se ver­deut­licht, dass die neue Metho­de die Mög­lich­keit unbe­kann­ter Risi­ken in sich trug. Das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg hät­te die Plau­si­bi­li­tät der Anga­ben, die der Pati­ent nach Erläu­te­rung der ihm geschul­de­ten Auf­klä­rung bei sei­ner Anhö­rung vom 29.01.2019 gemacht hat, des­halb nicht mit der Begrün­dung ver­nei­nen dür­fen, sie wichen von den Anga­ben ab, die er am 4.05.2018 in Unkennt­nis der maß­geb­li­chen Ent­schei­dungs­pa­ra­me­ter gemacht hatte.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Mai 2021 – VI ZR 401/​19

  1. vgl. BGH, Urteil vom 15.10.2019 – VI ZR 105/​18, MedR 2020, 379 Rn.19 mwN zur sog. Außen­sei­ter­me­tho­de[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.06.2006 – VI ZR 323/​04, BGHZ 168, 103 Rn. 14; vom 27.03.2007 – VI ZR 55/​05, BGHZ 172, 1 Rn. 31[]
  3. BGH, Urteil vom 13.06.2006 – VI ZR 323/​04, BGHZ 168, 103 Rn. 14[]
  4. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urtei­le vom 05.02.1991 – VI ZR 108/​90, VersR 1991, 547 8 f.; vom 14.06.1994 – VI ZR 260/​93, VersR 1994, 1302 11; vom 22.05.2007 – VI ZR 35/​06, BGHZ 172, 254 Rn. 30 f., jeweils mwN; vgl. nun­mehr § 630h Abs. 2 Satz 2 BGB[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.05.2019 – VI ZR 119/​18, VersR 2019, 1369 Rn. 17; vom 27.03.2007 – VI ZR 55/​05, BGHZ 172, 1 Rn. 36[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 15.10.2019 – VI ZR 105/​18, MedR 2020, 379 Rn.19; vom 22.05.2007 – VI ZR 35/​06, BGHZ 172, 254 Rn. 31; vom 27.03.2007 – VI ZR 55/​05, BGHZ 172, 1 Rn. 36[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 30.09.2014 – VI ZR 443/​13, VersR 2015, 196 17[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 22.05.2007 – VI ZR 35/​06, BGHZ 172, 254 Rn. 31[]
  9. OLG Olden­burg, Urteil vom 11.09.2019 – 5 U 81/​19[]
  10. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.05.2019 – VI ZR 119/​18, VersR 2019, 1369 Rn. 18, 22; vom 05.02.1991 – VI ZR 108/​90, VersR 1991, 547 9[]
  11. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.05.2019 – VI ZR 119/​18, VersR 2019, 1369, Rn. 18, 22; vom 17.04.2007 – VI ZR 108/​06, VersR 2007, 999 24[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 21.05.2019 – VI ZR 119/​18, VersR 2019, 1369, Rn. 18 und 22[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 17.04.2007 – VI ZR 108/​06, VersR 2007, 999 24[]