Die Orga­ni­sa­ti­on der Fris­ten­kon­trol­le

Besteht in einer Anwalts­kanz­lei die Mög­lich­keit, dass ein Rechts­an­walt selbst Fris­ten streicht und bleibt offen, wer eine Frist zu Unrecht gestri­chen hat, so muss der Rechts­an­walt ein eige­nes Ver­schul­den aus­räu­men und gege­be­nen­falls zu den orga­ni­sa­to­ri­schen Maß­nah­men, die er zur Ver­mei­dung von Feh­ler­quel­len durch die Kom­pe­tenz­über­schnei­dung getrof­fen hat, Stel­lung neh­men.

Die Orga­ni­sa­ti­on der Fris­ten­kon­trol­le

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs müs­sen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te in ihrem Büro eine Aus­gangs­kon­trol­le schaf­fen, durch die zuver­läs­sig gewähr­leis­tet wird, dass die im Fris­ten­ka­len­der ver­merk­ten Fris­ten erst dann gestri­chen oder ander­weit als erle­digt gekenn­zeich­net wer­den, wenn die fris­t­wah­ren­de Maß­nah­me tat­säch­lich durch­ge­führt, ein fris­t­wah­ren­der Schrift­satz also gefer­tigt und zumin­dest post­fer­tig gemacht wor­den ist. Zu einer wirk­sa­men Aus­gangs­kon­trol­le gehört eine Anord­nung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, die sicher­stellt, dass die Erle­di­gung der frist­ge­bun­de­nen Sachen am Abend eines jeden Arbeits­ta­ges anhand des Fris­ten­ka­len­ders über­prüft wird [1]. Von einem für die Frist­ver­säu­mung ursäch­li­chen anwalt­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aus­zu­ge­hen, wenn nach dem Wie­der­ein­set­zungs­vor­brin­gen nicht fest­ge­stellt wer­den kann, dass nur eine bestimm­te qua­li­fi­zier­te Fach­kraft für die Fris­ten­no­tie­rung im Kalen­der und die Fris­ten­über­wa­chung ver­ant­wort­lich ist, son­dern es mög­lich ist, dass meh­re­re Per­so­nen hier­für zustän­dig sind [2].

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat der Antrag­stel­ler vor­ge­tra­gen, im Büro sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten wer­de die Notie­rung und Über­wa­chung der Fris­ten von einer Rechts­fach­wir­tin aus­ge­führt. Die Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist sei auf ein Ver­schul­den einer Rechts­an­walts­fach­ge­hil­fin zurück­zu­füh­ren. Zur Glaub­haft­ma­chung hat er sich auf die eides­statt­li­chen Ver­si­che­run­gen der für die Fris­ten zustän­di­gen Rechts­fach­wir­tin L. und der eben­falls in sei­nem Büro täti­gen Rechts­an­walts­fach­ge­hil­fin W. beru­fen. Letz­te­re hat an Eides Statt ver­si­chert, im Büro nicht für die Fris­ten zustän­dig zu sein und sich auch nicht dar­an zu erin­nern, die Frist gestri­chen zu haben. Aus der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Rechts­fach­wir­tin L. ergibt sich, dass sie sich eben­falls nicht dar­an erin­nern kann, die Frist gestri­chen zu haben, viel­mehr am Abend des 23. Novem­ber 2009 bei der Kon­trol­le der Fris­ten wohl davon aus­ge­gan­gen sei, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Antrag­stel­lers die Frist gestri­chen habe.

Zu der sich aus die­ser Erklä­rung erge­ben­den Mög­lich­keit, dass im Büro des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Antrag­stel­lers nicht nur L., son­dern auch der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te selbst Fris­ten streicht, hat sich der Antrag­stel­ler nicht geäu­ßert. Gera­de im Hin­blick dar­auf, dass sich nach dem Vor­trag des Antrag­stel­lers nicht auf­klä­ren lässt, wer die Frist gestri­chen hat, hät­te der Antrag­stel­ler zu die­ser Mög­lich­keit und gege­be­nen­falls zu den orga­ni­sa­to­ri­schen Maß­nah­men, die er zur Ver­mei­dung von Feh­ler­quel­len durch die Kom­pe­tenz­über­schnei­dung ergrif­fen hat [3] Stel­lung neh­men müs­sen.

Dadurch, dass er dies unter­las­sen hat, hat er weder ein für die Frist­ver­säu­mung ursäch­li­ches eige­nes Ver­schul­den noch ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten aus­ge­räumt.

Da somit die Mög­lich­keit offen geblie­ben ist, dass die Ein­hal­tung der Frist durch ein Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Antrag­stel­lers ver­säumt wor­den ist, hat das Beru­fungs­ge­richt den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen der Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist zu Recht zurück­ge­wie­sen [4] und die Beru­fung somit zu Recht ver­wor­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Novem­ber 2010 – XII ZB 177/​10

  1. BGH, Beschluss vom 11.09.2007 – XII ZB 109/​04, NJW 2007, 3497, 3498 mwN[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 08.07.1992 – XII ZB 55/​92, NJW 1992, 3176 mwN; vom 17.01.2007 – XII ZB 166/​05, NJW 2007, 1453; vom 06.05.1999 – VII ZR 396/​98, VersR 2000, 515; und vom 06.02.2006 – II ZB 1/​05, NJW 2006, 1520, 1521[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 20.11.1980 – IVa ZB 12/​80, VersR 1981, 276[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 06.02.2006 – II ZB 1/​05, NJW 2006, 1520; vom 14.01.1993 – VII ZB 18/​92, VersR 1993, 772, 773; und vom 06.05.1999 – VII ZR 396/​98, VersR 2000, 515[]