Die noch­ma­li­ge Par­tei­an­hö­rung durch das Beru­fungs­ge­richt

Nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO ist das Beru­fungs­ge­richt grund­sätz­lich an die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des ers­ten Rechts­zu­ges gebun­den.

Die noch­ma­li­ge Par­tei­an­hö­rung durch das Beru­fungs­ge­richt

Bei Zwei­feln an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen sind aller­dings erneu­te Fest­stel­lun­gen gebo­ten. Auch wenn die erneu­te Ver­neh­mung von Zeu­gen grund­sätz­lich im Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts steht, ist es ver­pflich­tet, einen in ers­ter Instanz ver­nom­me­nen Zeu­gen erneut zu ver­neh­men, wenn es sei­ne Glaub­wür­dig­keit anders als der Erstrich­ter beur­tei­len oder die pro­to­kol­lier­te Aus­sa­ge anders als die Vor­in­stanz ver­ste­hen oder wür­di­gen will 1.

Die noch­ma­li­ge Ver­neh­mung eines Zeu­gen kann allen­falls dann unter­blei­ben, wenn sich das Beru­fungs­ge­richt auf sol­che Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit, das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit sei­ner Aus­sa­ge betref­fen 2.

Nichts ande­res gilt, wenn das Erst­ge­richt die Par­tei ledig­lich nach § 141 ZPO infor­ma­to­risch ange­hört hat. Jeden­falls soweit die Anga­ben der Par­tei­en in die Beweis­wür­di­gung des Erst­ge­richts nach § 286 Abs. 1 ZPO Ein­gang gefun­den haben 3 und dort in ihrer Glaub­haf­tig­keit bewer­tet wur­den, kann das Beru­fungs­ge­richt nicht ohne eige­ne Anhö­rung von die­ser Wür­di­gung abwei­chen 4.

Damit hat­te in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Beru­fungs­ge­richt 5 gegen die­se Pflicht zur neu­er­li­chen Anhö­rung der Par­tei ver­sto­ßen, denn es hat die pro­to­kol­lier­te Aus­sa­ge des Klä­gers anders gewer­tet als das Land­ge­richt.

Die­ses hat auf­grund sei­nes per­sön­li­chen Ein­drucks anläss­lich der Anhö­rung des Klä­gers und der drei von ihm ver­nom­me­nen Zeu­gen sowie der wei­te­ren im Ein­zel­nen gewür­dig­ten Umstän­de die Über­zeu­gung gewon­nen, dass der Klä­ger gegen­über der Beklag­ten mit Scha­den­an­zei­ge vom 20.04.2014 das Scha­den­er­eig­nis vor­sätz­lich falsch geschil­dert habe. Es hat nach Anhö­rung des Klä­gers die­sen für nicht glaub­wür­dig gehal­ten und war davon über­zeugt; vom Klä­ger belo­gen wor­den zu sein. Der Klä­ger habe sowohl bei sei­ner Anhö­rung als auch durch die schrift­li­chen Ein­las­sun­gen sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nicht den Ein­druck ver­mit­telt, zur Auf­klä­rung des Sach­ver­halts bei­tra­gen zu wol­len. Sei­ne Erklä­run­gen sei­en teils unklar, teils aus­wei­chend, teils wider­sprüch­lich gewe­sen. So habe er etwa die Dis­kre­panz sei­ner Unfall­schil­de­rung zur Dar­stel­lung des Unfall­sach­ver­halts in der Ver­kehrs­un­fall­an­zei­ge nicht befrie­di­gend erläu­tern kön­nen. Die gegen­über der Poli­zei abge­ge­be­ne Her­gangs­schil­de­rung habe er jeweils vari­ie­rend vor­ge­tra­gen. Zunächst habe er es als mög­lich dar­ge­stellt, nicht ver­stan­den wor­den zu sein, even­tu­ell über das "The­ma Reh" auch nicht gespro­chen zu haben. Dann habe er es in Abre­de gestellt, das in der Unfall­an­zei­ge Pro­to­kol­lier­te geäu­ßert zu haben. Schließ­lich habe er ange­ge­ben, der Poli­zei gegen­über von sei­nem Aus­weich­ma­nö­ver vor einem Reh berich­tet zu haben.

Das Beru­fungs­ge­richt meint dem­ge­gen­über, der Beklag­ten sei der Nach­weis nicht gelun­gen, dass die Ein­las­sung des Klä­gers im Scha­den­for­mu­lar zum Auf­tau­chen eines Rehs auf der Stra­ße falsch sei. Auch wenn das Land­ge­richt den Klä­ger nach dem per­sön­li­chen Ein­druck nicht für glaub­wür­dig gehal­ten habe, recht­fer­ti­ge dies "nicht zwin­gend" die Fest­stel­lung, dass sei­ne Anga­ben unwahr sei­en. Die­se Fol­ge­rung durf­te das Beru­fungs­ge­richt nicht ohne noch­ma­li­ge Anhö­rung des Klä­gers zum Unfall­her­gang tref­fen. Es durf­te kei­ne Beweis­last­ent­schei­dung zum Nach­teil der Beklag­ten tref­fen, ohne den Klä­ger selbst noch­mals zum Unfall­ge­sche­hen im Ein­zel­nen zu befra­gen 6.

Soweit das Beru­fungs­ge­richt den Klä­ger zu sei­nen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen ange­hört hat, genüg­te dies ent­ge­gen der Ansicht der Beschwer­de­er­wi­de­rung nicht. Es ist schon nicht ersicht­lich, dass sich das Beru­fungs­ge­richt auf­grund die­ser Anhö­rung eine eige­ne Über­zeu­gung von der Glaub­wür­dig­keit des Klä­gers gebil­det hat. Ins­be­son­de­re kann die­se Anhö­rung aber eine Anhö­rung zum Unfall­ge­sche­hen nicht erset­zen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. März 2018 – IV ZR 248/​17

  1. BGH, Beschluss vom 21.04.2010 – IV ZR 172/​09 5; BGH, Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/​09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 5; BGH, Urtei­le vom 08.12 1999 – VIII ZR 340/​98, NJW 2000, 1199 unter – II 2 a 22]; vom 10.03.1998 – VI ZR 30/​97, NJW 1998, 2222 unter – II A 1 b 12]; vom 30.09.1992 – VIII ZR 196/​91, BGHZ 119, 283, 292 unter – II 2 35]; jeweils m.w.N.[]
  2. BGH, Beschluss vom 14.07.2009 aaO Rn. 5; Urteil vom 10.03.1998 aaO; jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 16.07.1998 – I ZR 32/​96, NJW 1999, 363 unter – II 2 a 14][]
  4. BGH, Beschluss vom 25.07.2017 – VI ZR 103/​17, VersR 2018, 249 Rn. 10; Urteil vom 16.07.1998 aaO; BVerfG, NJW 2017, 3218 Rn. 58; jeweils m.w.N.[]
  5. KG, Urteil vom 22.08.2017 – 6 U 78/​15[]
  6. vgl. auch BGH, Beschluss vom 20.11.2014 – IX ZR 31/​13 6[]