Die Podi­ums­dis­kus­si­on zur Kom­mu­nal­wahl – und kein Teil­neh­mer­ho­no­rar

Ein Hono­rar­an­spruch wegen der Ver­öf­fent­li­chung der noch im Inter­net abruf­ba­ren Auf­zeich­nung einer Podi­ums­dis­kus­si­on besteht nicht, wenn es an einer ver­trag­li­chen oder urhe­ber­recht­li­chen Grund­la­ge fehlt. Han­delt es sich bei der Ver­öf­fent­li­chung um einen Bei­trag zu einer Dis­kus­si­on von all­ge­mei­nem Inter­es­se, ist sie von der Aus­nah­me des § 23 Abs. 1 Nr. 1 des Geset­zes betref­fend das Urhe­ber­recht an Wer­ken der bil­den­den Küns­te und der Pho­to­gra­phie (KUG) gedeckt.

Die Podi­ums­dis­kus­si­on zur Kom­mu­nal­wahl – und kein Teil­neh­mer­ho­no­rar

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Beru­fung eines Bür­ger­meis­ter­kan­di­da­ten zurück­ge­wie­sen, der für sei­ne Teil­nah­me an Podi­ums­dis­kus­sio­nen ein Hono­rar ver­langt hat. Im Früh­jahr 2018 hat­te er sich für das Amt des Bür­ger­meis­ters in den vier im Rems-Murr-Kreis gele­ge­nen Gemein­den Plü­der­hau­sen, Welz­heim, Urbach und Rems­hal­den bewor­ben. Gegen das beklag­ten Ver­lags­un­ter­neh­men, das im Rems-Murr-Kreis vier regio­na­le Zei­tun­gen ver­legt, erhebt er für sei­ne Teil­nah­me an Podi­ums­dis­kus­sio­nen in den genann­ten Gemein­den auf Ein­la­dung der Beklag­ten, Hono­rar­for­de­run­gen in einer Gesamt­hö­he von über 300.000 € – u.a. als „Gage“. In einem Fall hat­te der Mode­ra­tor der Dis­kus­si­on den Klä­ger aus­drück­lich auf die Unent­gelt­lich­keit sei­ner Teil­nah­me hin­ge­wie­sen, bei zwei ande­ren Podi­ums­dis­kus­sio­nen wur­de in der Ein­la­dung nicht mehr expli­zit auf die Unent­gelt­lich­keit der Teil­nah­me hin­ge­wie­sen.

Dane­ben hat­te die Beklag­te in ihren Ein­la­dun­gen an die Kan­di­da­ten dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Ver­an­stal­tun­gen mit­tels eines „Live­streams“ im Inter­net über­tra­gen wer­den, was auch geschah. So wur­de im Rah­men einer Inter­net-Live­sen­dung am Wahl­tag in Rems­hal­den der auf­ge­zeich­ne­te „Live­stream“ über die Podi­ums­dis­kus­si­on in Welz­heim unter Teil­nah­me des Klä­gers öffent­lich zugäng­lich gemacht. Auch für die­se „Ein­spie­lung der Welz­heim Show“ ver­langt der u.a. in einem Königs­man­tel auf­tre­ten­de Klä­ger ein ent­spre­chen­des Hono­rar: Für alle genann­ten Ver­an­stal­tun­gen sei mit der Beklag­ten ein Ver­trag über Dar­bie­tun­gen in sei­ner Rol­le als Lebens­be­ra­ter, Künst­ler, Unter­hal­ter zustan­de gekom­men.

Nach­dem das Land­ge­richt Stutt­gart [1] die Kla­ge abge­wie­sen hat­te mit der Begrün­dung, dem Klä­ger ste­he aus kei­nem recht­li­chen Grund ein Zah­lungs­an­spruch gegen die Beklag­te zu, hat der Klä­ger sein Ziel mit der Beru­fung wei­ter ver­folgt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart dar­ge­legt, dass es bei allen drei Podi­ums­dis­kus­sio­nen in Welz­heim, Urbach und Rems­hal­den an einem den Zah­lungs­an­spruch begrün­den­den Ver­trags­schluss der Par­tei­en feh­le. Ins­be­son­de­re bei der Ver­an­stal­tung in Welz­heim habe der Klä­ger dem Hin­weis des Mode­ra­tors auf die Unent­gelt­lich­keit sei­ner Teil­nah­me noch beim Betre­ten der Büh­ne zuge­stimmt. Die von der Beklag­ten wie­der­holt in ver­schie­de­nen Gemein­den orga­ni­sier­ten Podi­ums­dis­kus­sio­nen dien­ten der Bür­ger­infor­ma­ti­on über die Vor­stel­lun­gen der jewei­li­gen Kan­di­da­ten. Die Behaup­tung des Klä­gers, er sei als Show­ta­lent enga­giert und nicht als Bür­ger­meis­ter­kan­di­dat ein­ge­la­den wor­den, wider­spre­che öffent­li­chen Äuße­run­gen des Klä­gers über sei­ne Bewer­bung. Er habe es gera­de abge­strit­ten, als „Spaß­kan­di­dat“ ange­tre­ten zu sein. Ins­be­son­de­re füh­re ein auf­fäl­li­ges, womög­lich auch lau­ni­ges und humor­vol­les Auf­tre­ten eines Kan­di­da­ten nicht zu der Schluss­fol­ge­rung, die Beklag­te habe einen ver­gü­tungs­pflich­ti­gen Auf­trag ertei­len wol­len.

Dar­über hin­aus hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart u.a. auch einen Hono­rar­an­spruch aus § 32 Abs.1 und 3 Urhe­ber­rechts­ge­setz (UrhG) abge­lehnt. Die­se Vor­schrift set­ze eine ver­trag­li­che Nut­zungs­ver­ein­ba­rung über ein künst­le­ri­sches, im Sin­ne des § 2 UrhG geschütz­tes Werk vor­aus, an dem es hier gera­de feh­le.

Wei­ter­hin feh­le es eben­falls an einer ver­trag­li­chen oder urhe­ber­recht­li­chen Grund­la­ge, soweit der Klä­ger einen Hono­rar­an­spruch wegen der Ver­öf­fent­li­chung der noch im Inter­net abruf­ba­ren Auf­zeich­nung der Podi­ums­dis­kus­si­on in Welz­heim gel­tend macht. Auch sei ein Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen einer Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts des Klä­gers in sei­ner beson­de­ren Aus­prä­gung als Recht am eige­nen Bild nicht ersicht­lich. Bei der Abwä­gung zwi­schen all­ge­mei­nem Per­sön­lich­keits­recht und Pres­se­frei­heit sei zu berück­sich­ti­gen, dass es sich bei der Ver­öf­fent­li­chung um einen Bei­trag zu einer Dis­kus­si­on von all­ge­mei­nem Inter­es­se han­delt, die von der Aus­nah­me des § 23 Abs. 1 Nr. 1 des Geset­zes betref­fend das Urhe­ber­recht an Wer­ken der bil­den­den Küns­te und der Foto­gra­fie (KUG) gedeckt sei. Nach sei­nem eige­nen Vor­trag hal­te der Klä­ger sich für eine Per­son der Zeit­ge­schich­te. Zudem sei der vom Klä­ger bean­stan­de­te Bei­trag nicht auf sei­ne Per­son zuge­schnit­ten, son­dern zei­ge eine Prä­sen­ta­ti­on aller Kan­di­da­ten für das Bür­ger­meis­ter­amt.

Im Hin­blick auf den Klä­ger sei dabei zu berück­sich­ti­gen, dass die­ser selbst durch sein prä­gnan­tes Auf­tre­ten ("im Königs­man­tel") die Öffent­lich­keit gesucht und für sei­ne Pro­fi­lie­rung genutzt habe. Somit hat der Klä­ger auch kei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen Ver­let­zung des Rechts am eige­nen Bild.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 24. Juni 2020 – 4 U 561/​19

  1. LG Stutt­gart, Urteil vom 17.09.2019 – 17 O 221/​19[]