Die Pro­dukt­haf­tung eines Land­wirts

Kommt es durch eine selbst her­ge­stell­te kon­ta­mi­nier­te Sila­ge zu einer Erkran­kung eines ein­ge­stell­ten Pfer­des, kann der Land­wirt dem Eigen­tü­mer des Pfer­des gegen­über ver­schul­dens­un­ab­hän­gig haf­ten.

Die Pro­dukt­haf­tung eines Land­wirts

So das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in dem hier­vor­lie­gen­den Fall eines Land­wirts, bei dem ein­ge­stell­te Pfer­de an Botu­lis­mus erkrankt sind.

Geklagt hat­ten die Eigen­tü­mer eines Pin­to-Wal­lachs und Wes­tern­pfer­des, das 1999 gebo­ren wor­den ist. Sie hat­ten das Pferd auf dem Hof des Land­wirts in Iser­lohn in der Pfer­de­pen­si­on ein­ge­stellt. Dort ist das Tier vom Land­wirt ver­sorgt und gefüt­tert wor­den. Ver­füt­tert wur­de auch Heu und selbst her­ge­stell­te Sila­ge. Durch die­se Sila­ge ist bei eini­gen Pfer­den – u.a. auch bei dem Pin­to-Wal­lach – eine Botu­lis­mus-Erkran­kung aus­ge­löst wor­den. Die Über­nah­me der Kos­ten der dadurch not­wen­di­gen Tier­arzt­be­hand­lung von ca. 15.700 Euro haben die Eigen­tü­mer des Pfer­des vom Land­wirt ver­langt und vor Gericht ein­ge­klagt. Nach­dem das Land­ge­richt Hagen den Land­wirt zur Zah­lung der Kos­ten ver­pflich­tet hat­te, hat die­ser sich gegen das Urteil mit der Beru­fung gewehrt.

In sei­nem Hin­weis­be­schluss hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm deut­lich zum Aus­druck gebracht, dass der Land­wirt nach dem Pro­dukt­haf­tungs­ge­setz auch ohne eige­nes Ver­schul­den für die Tier­arzt­kos­ten haf­ten muss. Danach trifft den Land­wirt eine ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­ge Gefähr­dungs­haf­tung für den Feh­ler eines von ihm her­ge­stell­ten Pro­dukts. Die vom Beklag­ten her­ge­stell­te Sila­ge ist ein Pro­dukt im Sin­ne die­ses Geset­zes, das durch die Kon­ta­mi­na­ti­on mit den Botu­lis­mus-Erre­gern einen bestim­mungs­wid­ri­gen Feh­ler auf­ge­wie­sen hat.

Der Beklag­te ist nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts der Her­stel­ler die­ses Pro­dukts, weil er das in sei­nem land­wirt­schaft­li­chen Betrieb ver­ar­bei­te­te Gras pro­du­ziert, gemäht und gesam­melt habe. Nach dem Pro­dukt­haf­tungs­ge­setz haf­te auch ein Grund­stoff­pro­du­zent. Nach dem Weg­fall des Haf­tungs­pri­vi­legs für Natur­pro­duk­te sind auch die von Land­wir­ten erzeug­ten Grund­stof­fe für Nah­rungs­mit­tel in die Pro­dukt­haf­tung ein­be­zo­gen. Dar­über hin­aus hat der Beklag­te das von ihm selbst pro­du­zier­te und geern­te­te Gras zwecks Her­stel­lung der Sila­ge wei­ter­ver­ar­bei­tet. Auch das macht ihn zum Her­stel­ler.

Zu Guns­ten des Beklag­ten greift kei­ner der im Pro­dukt­haf­tungs­ge­setz gere­gel­ten Aus­nah­me­tat­be­stän­de ein.

Er hat die Sila­ge her­ge­stellt und geschäft­lich in Ver­kehr gebracht, indem er sie ver­ein­ba­rungs­ge­mäß an das Pferd der Klä­ger ver­füt­tert hat. Wie das Ober­lan­des­ge­richt aus­ge­führt hat, ist zum dama­li­gen Zeit­punkt die Gefahr einer Kon­ta­mi­na­ti­on der Sila­ge, die zur Ent­ste­hung von Botulin­to­xin füh­ren kann, all­ge­mein bekannt und dem Land­wirt auch bewusst gewe­sen. Die Kon­ta­mi­na­ti­on stellt einen Fabri­ka­ti­ons­feh­ler dar, von dem sich der Her­stel­ler nicht ent­las­ten kann. Uner­heb­lich ist auch, ob er die Kon­ta­mi­na­ti­on mit ver­tret­ba­rem Auf­wand hat fest­stel­len kön­nen, weil der Her­stel­ler nach dem Pro­dukt­haf­tungs­ge­setz auch für sog. "Aus­rei­ßer" haf­tet.

Nach­dem das Ober­lan­des­ge­richts Hamm so auf die Erfolg­lo­sig­keit des Rechts­mit­tels hin­ge­wie­sen hat­te, hat der Land­wirt die Beru­fung zurück­ge­nom­men.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Beschluss vom 2. Novem­ber 2016 – 21 U 14/​16