Die Räu­mungs­kla­ge und die neu­er­li­che Kün­di­gung im Beru­fungs­ver­fah­ren

Bei einer neu­er­li­chen, erst in der Beru­fungs­in­stanz in den Pro­zess ein­ge­führ­ten, Kün­di­gung han­delt es sich nicht um ein neu­es Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel im Sin­ne des § 531 Abs. 2 ZPO. Viel­mehr hat der Klä­ger mit die­ser Kün­di­gung einen neu­en Streit­ge­gen­stand in den Pro­zess ein­ge­führt, näm­lich ein Räu­mungs­be­geh­ren, das auf die­se erneu­te Kün­di­gung gestützt ist. Die dar­in lie­gen­de Kla­ge­än­de­rung beur­teilt sich nicht nach § 531 Abs. 2 ZPO, son­dern nach § 533 ZPO.

Die Räu­mungs­kla­ge und die neu­er­li­che Kün­di­gung im Beru­fungs­ver­fah­ren

Die Vor­aus­set­zun­gen der letzt­ge­nann­ten Vor­schrift lie­gen vor, wenn die Kla­ge­än­de­rung sach­dien­lich und auf Tat­sa­chen gestützt ist, die das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über die Beru­fung ohne­hin zugrun­de zu legen hat.

Im hier ent­schie­de­nen Fall haben die Par­tei­en haben in ihren Schrift­sät­zen von Beginn des Rechts­streits an um die (mate­ri­el­le) Berech­ti­gung der Klä­ge­rin zur Kün­di­gung wegen Zah­lungs­ver­zugs gestrit­ten, ins­be­son­de­re dar­um, ob die Beklag­ten, die unstrei­tig seit Janu­ar 2011 kei­ne Mie­te mehr gezahlt haben, inso­weit in Zah­lungs­ver­zug gera­ten sind oder ob die Mie­te wegen der von ihnen gerüg­ten Män­gel gemin­dert ist und ihnen im Übri­gen ein Zurück­be­hal­tungs­recht zusteht; zu die­sen Streit­punk­ten haben bei­de Par­tei­en bereits erst­in­stanz­lich umfang­reich vor­ge­tra­gen.

Zu den Tat­sa­chen, auf die gemäß § 533 Nr. 2 ZPO eine Kla­ge­än­de­rung gestützt wer­den kann, weil sie das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über die Beru­fung ohne­hin nach § 529 ZPO zugrun­de zu legen hat, gehö­ren nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auch sol­che, die bereits in ers­ter Instanz vor­ge­tra­gen waren, von dem erst­in­stanz­li­chen Gericht aber als uner­heb­lich beur­teilt wor­den sind und des­halb im Urteils­tat­be­stand kei­ne Erwäh­nung gefun­den haben. Kommt es aus der allein maß­geb­li­chen objek­ti­ven Sicht des Beru­fungs­ge­richts auf­grund der Kla­ge­än­de­rung auf die­se Tat­sa­chen an, bestehen erheb­li­che Zwei­fel an der Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen, die das Beru­fungs­ge­richt nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 2 ZPO zu eige­nen Fest­stel­lun­gen berech­ti­gen und ver­pflich­ten 1. So liegt es hier bezüg­lich des Streits der Par­tei­en über die mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen­den Fra­gen der Miet­min­de­rung, des Zurück­be­hal­tungs­rechts und des Zah­lungs­ver­zu­ges. Jeden­falls mit der neu­er­li­chen Kün­di­gung vom 01.02.2012 hat die Klä­ge­rin gegen­über bei­den Beklag­ten eine for­mell ord­nungs­ge­mä­ße Kün­di­gung aus­ge­spro­chen, so dass es nun­mehr auf die mate­ri­el­len Kün­di­gungs­grün­de und in die­sem Zusam­men­hang auf die von den Beklag­ten schon erst­in­stanz­lich behaup­te­ten Miet­män­gel ankommt. Hier­aus ergibt sich zugleich die Sach­dien­lich­keit der Kla­ge­än­de­rung, denn die Ent­schei­dung über die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung vom 01.02.2012 ist geeig­net, den gesam­ten Streit­stoff der Par­tei­en zu erle­di­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Novem­ber 2012 – VIII ZR 157/​12

  1. BGH, Urtei­le vom 19.03.2004 – V ZR 104/​03, BGHZ 158, 295, 309 f.; vom 27.09.2006 – VIII ZR 19/​04, NJW 2007, 2414 Rn. 16; vom 22.05.2012 – II ZR 35/​10, WM 2012, 1692 Rn. 29; vom 04.07.2012 – VIII ZR 109/​11, NJW 2012, 2663 Rn. 16[]