Die Rechts­kennt­nis des Rich­ters – und war­um es der Anwalt bes­ser wis­sen muss

Die Ver­pflich­tung des Rechts­an­walts, die zuguns­ten sei­ner Par­tei spre­chen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gesichts­punk­te so umfas­send wie mög­lich dar­zu­stel­len, erfährt durch Grund­satz "iura novit curia" kei­ne Ein­schrän­kung.

Die Rechts­kennt­nis des Rich­ters – und war­um es der Anwalt bes­ser wis­sen muss

Es ist Auf­ga­be des Rechts­an­walts, der einen Anspruch sei­nes Man­dan­ten kla­ge­wei­se gel­tend machen soll, die zuguns­ten sei­ner Par­tei spre­chen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gesichts­punk­te so umfas­send wie mög­lich dar­zu­stel­len, damit sie das Gericht bei sei­ner Ent­schei­dung berück­sich­ti­gen kann 1.

Zwar weist die Zivil­pro­zess­ord­nung die Ent­schei­dung und damit die recht­li­che Beur­tei­lung des Streit­falls dem Gericht zu; die­ses trägt für sein Urteil die vol­le Ver­ant­wor­tung. Es wider­sprä­che jedoch der recht­li­chen und tat­säch­li­chen Stel­lung der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten in den Tat­sa­chen­in­stan­zen, wür­de man ihre Auf­ga­be allein in der Bei­brin­gung des Tat­sa­chen­ma­te­ri­als sehen. Der Mög­lich­keit, auf die recht­li­che Beur­tei­lung des Gerichts Ein­fluss zu neh­men, ent­spricht im Ver­hält­nis zum Man­dan­ten die Pflicht, die­se Mög­lich­keit zu nut­zen. Mit Rück­sicht auf das auch bei Rich­tern nur unvoll­kom­me­ne mensch­li­che Erkennt­nis­ver­mö­gen und die nie­mals aus­zu­schlie­ßen­de Mög­lich­keit eines Irr­tums ist es Pflicht des Rechts­an­walts, nach Kräf­ten dem Auf­kom­men von Irr­tü­mern und Ver­se­hen des Gerichts ent­ge­gen­zu­wir­ken. Dies ent­spricht auch dem in § 1 Abs. 3 BORA zum Aus­druck gekom­me­nen Selbst­ver­ständ­nis der Anwalt­schaft 2.

Im Zivil­pro­zess obliegt die Bei­brin­gung des Tat­sa­chen­stoffs in ers­ter Linie der Par­tei. Der für sie täti­ge Anwalt ist über den Tat­sa­chen­vor­trag hin­aus ver­pflich­tet, den Ver­such zu unter­neh­men, das Gericht davon zu über­zeu­gen, dass und war­um sei­ne Rechts­auf­fas­sung rich­tig ist 3. Daher muss der Rechts­an­walt alles – ein­schließ­lich Rechts­aus­füh­run­gen – vor­brin­gen, was die Ent­schei­dung güns­tig beein­flus­sen kann 4. Kann die Kla­ge auf ver­schie­de­ne recht­li­che Gesichts­punk­te gestützt wer­den, ist der Sach­vor­trag so zu gestal­ten, dass alle in Betracht kom­men­den Grün­de im Rah­men der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mög­lich­kei­ten kon­kret dar­ge­legt wer­den 5. Hat der Anwalt eine ihm über­tra­ge­ne Auf­ga­be nicht sach­ge­recht erle­digt und auf die­se Wei­se zusätz­li­che tat­säch­li­che oder recht­li­che Schwie­rig­kei­ten her­vor­ge­ru­fen, sind die dadurch aus­ge­lös­ten Wir­kun­gen ihm grund­sätz­lich zuzu­rech­nen. Folg­lich haf­tet er für die Fol­gen eines gericht­li­chen Feh­lers, sofern die­ser auf Pro­ble­men beruht, die der Anwalt durch eine Pflicht­ver­let­zung erst geschaf­fen hat oder bei ver­trags­ge­mä­ßem Arbei­ten hät­te ver­mei­den müs­sen 6. Etwai­ge Ver­säum­nis­se des Gerichts schlie­ßen die Mit­ver­ant­wor­tung des Rechts­an­walts für eige­nes Ver­se­hen grund­sätz­lich nicht aus 7. Der Ver­pflich­tung, "das Rechts­di­ckicht zu lich­ten", ist der Rechts­an­walt folg­lich nicht wegen der dem Gericht oblie­gen­den Rechts­prü­fung ("iura novit curia") ent­ho­ben 8.

Den Rechts­an­walt unter Beru­fung auf den Grund­satz "iura novit curia" von der gebo­te­nen umfas­sen­den Dar­le­gung des Rechts­stand­punkts sei­ner Par­tei frei­zu­stel­len, wird die­sen Maß­stä­ben nicht gerecht. Viel­mehr hat der Rechts­an­walt die Anfor­de­run­gen an die anwalt­li­che Sorg­falts­pflicht miss­ach­tet, wenn er in dem Vor­pro­zess den aus der Inter­es­sen­la­ge der von ihm ver­tre­te­nen Par­tei streit­ent­schei­den­den Gesichts­punkt nicht mit der gebo­te­nen Deut­lich­keit zum Gegen­stand des Rechts­streits gemacht hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Dezem­ber 2015 – IX ZR 272/​14

  1. BGH, Urteil vom 13.06.2013 – IX ZR 155/​11, WM 2013, 1754 Rn. 8[]
  2. BGH, Urteil vom 18.12 2008 – IX ZR 179/​07, WM 2009, 324 Rn. 8[]
  3. BGH, Urteil vom 28.06.1990 – IX ZR 209/​89, NJW-RR 1990, 1241, 1242; vom 20.01.1994 – IX ZR 46/​93, NJW 1994, 1211, 1213[]
  4. BGH, Urteil vom 25.06.1974 – VI ZR 18/​73, NJW 1974, 1865, 1866[]
  5. BGH, Urteil vom 07.02.2002 – IX ZR 209/​00, NJW 2002, 1413[]
  6. BGH, Urteil vom 02.04.1998 – IX ZR 107/​97, NJW 1998, 2048, 2050; vom 15.11.2007 – IX ZR 44/​04, BGHZ 174, 205 Rn. 15[]
  7. BGH, Urteil vom 28.06.1990, aaO[]
  8. Vill in G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 4. Aufl., § 2 Rn. 54[]