Die rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung – und nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ne Tatsachen

Ist über einen Streit­ge­gen­stand rechts­kräf­tig ent­schie­den wor­den, ermög­licht eine nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ne Tat­sa­che eine neue abwei­chen­de Ent­schei­dung nur dann, wenn sie den­je­ni­gen Sach­ver­halt ver­än­dert hat, der in dem frü­he­ren Urteil als für die aus­ge­spro­che­ne Rechts­fol­ge maß­ge­bend ange­se­hen wor­den ist1.

Die rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung – und nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ne Tatsachen

Ein ande­res Ver­ständ­nis lie­ße die Wir­kun­gen der Rechts­kraft außer Acht.

Die Prü­fung, ob der (neu­en) Kla­ge die mate­ri­el­le Rechts­kraft (§ 322 Abs. 1, § 325 Abs. 1 ZPO) des frü­he­ren Urteils ent­ge­gen­steht, ist von Amts wegen vor­zu­neh­men, da die Rechts­kraft ein unab­ding­ba­res, in jeder Ver­fah­rens­la­ge zu beach­ten­des Pro­zess­hin­der­nis für eine erneu­te gericht­li­che Nach­prü­fung des schon beschie­de­nen Anspruchs schafft2.

Die mate­ri­el­le Rechts­kraft wird auf den unmit­tel­ba­ren Streit­ge­gen­stand des Urteils, d. h. auf die Rechts­fol­ge beschränkt, die auf­grund eines bestimm­ten Sach­ver­hal­tes am Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung den Gegen­stand der Ent­schei­dung bil­det3. Sie hin­dert daher eine neue abwei­chen­de Ent­schei­dung grund­sätz­lich dann nicht, wenn dies durch eine nach­träg­li­che Ände­rung des Sach­ver­halts ver­an­lasst wird.

Eine Fol­ge die­ser zeit­li­chen Gren­ze der Rechts­kraft ist es, dass § 767 Abs. 2 ZPO Ein­wen­dun­gen gegen den durch das Urteil fest­ge­stell­ten Anspruch selbst zulässt, sofern die Grün­de, auf denen sie beru­hen, erst nach dem Schluss der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung ent­stan­den sind. Dass ein Anspruch nur als „nach den der­zei­ti­gen Ver­hält­nis­sen“ zuge­spro­chen bzw. aberkannt wird, braucht in dem Urteil nicht beson­ders zum Aus­druck gebracht wer­den4.

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Ist über einen Streit­ge­gen­stand rechts­kräf­tig ent­schie­den wor­den, ermög­licht eine nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ne Tat­sa­che eine neue abwei­chen­de Ent­schei­dung nur dann, wenn sie den­je­ni­gen Sach­ver­halt ver­än­dert hat, der in dem frü­he­ren Urteil als für die aus­ge­spro­che­ne Rechts­fol­ge maß­ge­bend ange­se­hen wor­den ist; bei die­ser Beur­tei­lung ist von den Ent­schei­dungs­grün­den des rechts­kräf­ti­gen Urteils aus­zu­ge­hen und zu prü­fen, ob die neu ent­stan­de­ne Tat­sa­che die dort bejah­ten oder ver­nein­ten Tat­be­stands­merk­ma­le beein­flusst5. Aller­dings wird ver­tre­ten, dass es bei kla­ge­ab­wei­sen­den Urtei­len aus­rei­chend sei, wenn die neue Tat­sa­che nach den Ent­schei­dungs­grün­den des im Vor­pro­zess ergan­ge­nen Urteils zwar uner­heb­lich ist, aber rele­vant wäre, wenn die Kla­ge aus einem ande­ren, nach dem gesetz­li­chen Tat­be­stand denk­ba­ren und von dem Beklag­ten auch gel­tend gemach­ten Grund abge­wie­sen wor­den wäre6. Die­ser Ansicht steht indes­sen ent­ge­gen, dass bei einer kla­ge­ab­wei­sen­den Ent­schei­dung der aus der Begrün­dung zu ermit­teln­de, die Rechts­fol­ge bestim­men­de, aus­schlag­ge­ben­de Abwei­sungs­grund Teil des in Rechts­kraft erwach­sen­den Ent­schei­dungs­sat­zes und nicht allein ein Ele­ment der Ent­schei­dungs­be­grün­dung ist7. Die­se Rechts­kraft­bin­dung darf nicht nach­träg­lich durch hypo­the­ti­sche Erwä­gun­gen unter­lau­fen wer­den8.

Der Streit­ge­gen­stand des Vor­pro­zes­ses wird durch den gesam­ten his­to­ri­schen Lebens­vor­gang bestimmt, auf den sich das dama­li­ge Rechts­schutz­be­geh­ren der Kla­ge­par­tei bezieht, unab­hän­gig davon, ob ein­zel­ne Tat­sa­chen – hier das Vor­lie­gen All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen – die­ses Lebens­sach­ver­halts von den Par­tei­en vor­ge­tra­gen wor­den sind oder nicht, und auch unab­hän­gig davon, ob die Par­tei­en die nicht vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen des Lebens­vor­gangs kann­ten und hät­ten vor­tra­gen kön­nen9.

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Auch ein Wan­del der Recht­spre­chung lässt die Rechts­kraft­wir­kung frü­he­rer Urtei­le unbe­rührt10.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Okto­ber 2020 – V ZR 98/​19

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 11.03.1983 – V ZR 287/​81, NJW 1984, 126, 127[]
  2. st. Rspr., vgl. BGH, Urteil vom 11.03.1983 – V ZR 287/​81, NJW 1984, 126, 127; BGH, Urteil vom 16.01.2008 – XII ZR 216/​05, NJW 2008, 1227 Rn. 9; Urteil vom 07.04.2011 – I ZR 34/​09, NJW 2011, 2787 Rn. 13 jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 29.09.2017 – V ZR 19/​16, BGHZ 216, 83 Rn. 15; BGH, Urteil vom 25.02.1985 – VIII ZR 116/​84, BGHZ 94, 29, 33; Urteil vom 28.07.2011 – VII ZR 180/​10, NJW-RR 2011, 1528 Rn. 13[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 11.03.1983 – V ZR 287/​81, NJW 1984, 126, 127; Urteil vom 29.09.2017 – V ZR 19/​16, BGHZ 216, 83 Rn. 15 jeweils mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 11.03.1983 – V ZR 287/​81, NJW 1984, 126, 127 mwN; Münch­Komm-ZPO/­Gott­wald, 6. Aufl., § 322 Rn. 154[]
  6. Henckel, Pro­zess­recht und mate­ri­el­les Recht, 1970, S. 152 ff., 170; Rim­mels­pa­cher, Mate­ri­ell­recht­li­cher Anspruch und Streit­ge­gen­stands­pro­ble­me im Zivil­pro­zess, 1970, S. 255 ff.[]
  7. BGH, Urteil vom 24.06.1993 – III ZR 43/​92, NJW 1993, 3204, 3205[]
  8. Münch­Komm-ZPO/­Gott­wald, 6. Aufl., § 322 Rn. 155[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 13.09.2012 – I ZR 230/​11, BGHZ 194, 314 Rn.19 mwN[]
  10. BAG, NZA 1996, 1058, 1060; RGZ 125, 159, 161 f.; vgl. auch BGH, Beschluss vom 23.11.1983 – IVb ZB 6/​82, BGHZ 89, 114, 121 zum Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren; Münch­Komm-ZPO/­Gott­wald, 6. Aufl., § 322 Rn. 159; Stein/​Jonas/​Althammer, 23. Aufl., ZPO § 322 Rn. 255[]

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