Die nicht zuge­las­se­ne Revi­si­on – und das Will­kür­ver­bot

Wird in einer Ent­schei­dung ent­ge­gen den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen die Revi­si­on nicht zuge­las­sen, so ver­stößt dies gegen die Gewähr­leis­tung des gesetz­li­chen Rich­ters gemäß Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, wenn sich die Ent­schei­dung inso­weit als objek­tiv will­kür­lich erweist und den Zugang zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar erschwert 1.

Die nicht zuge­las­se­ne Revi­si­on – und das Will­kür­ver­bot

Hier­für genügt die feh­ler­haf­te Hand­ha­bung der maß­geb­li­chen Zulas­sungs­vor­schrif­ten allein nicht 2.

Will­kür­lich ist eine Ent­schei­dung viel­mehr erst dann, wenn sie unter kei­nem denk­ba­ren Aspekt recht­lich ver­tret­bar ist 3. Der Annah­me einer will­kür­li­chen Ent­schei­dung steht es ent­ge­gen, wenn sich das Gericht mit der Rechts­la­ge ein­ge­hend aus­ein­an­der­setzt und sei­ne Rechts­auf­fas­sung nicht jedes sach­li­chen Grun­des ent­behrt 4.

Die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genügt ein Urteil nicht, dass die inso­weit maß­geb­li­che Vor­schrift des § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO in unhalt­ba­rer Wei­se gehand­habt hat.

Die Annah­me, ein Revi­si­ons­zu­las­sungs­grund lie­ge nicht vor, da die Sache weder grund­sätz­li­che Bedeu­tung habe, noch eine Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts zur Fort­bil­dung des Rechts oder zur Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung erfor­der­lich sei, weil die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Rechts­fra­ge – der Umfang der sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last des Anschlus­s­in­ha­bers – in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bereits umfas­send und ein­deu­tig geklärt sei und die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung ledig­lich die­se Recht­spre­chung anwen­de, ist, bezo­gen auf den Zeit­punkt der Ent­schei­dung des Land­ge­richts Mün­chen I, nicht halt­bar.

Der Umfang der sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last des Anschlus­s­in­ha­bers war zu die­sem Zeit­punkt viel­mehr offen­kun­dig grund­sätz­lich klä­rungs­be­dürf­tig 5 und klä­rungs­fä­hig 6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Sep­tem­ber 2016 – 2 BvR 2193/​15

  1. vgl. BVerfGE 42, 237, 241; 67, 90, 94 f.; 87, 282, 284 f.[]
  2. vgl. BVerfGE 67, 90, 95; 87, 282, 284 f.; BVerfGK 2, 202, 204[]
  3. vgl. BVerfGE 4, 1, 7; 80, 48, 51[]
  4. vgl. BVerfGE 89, 1, 13 f.; 96, 189, 203[]
  5. vgl. einer­seits LG Braun­schweig, Urteil vom 01.07.2015 – 9 S 433/​14, 9 S 433/​14, 59 38; AG Bie­le­feld, Urteil vom 06.03.2014 – 42 C 368/​13 12 f.; AG Koblenz, Urteil vom 18.06.2014 – 161 C 145/​1420; LG Han­no­ver, Urteil vom 15.08.2014 – 18 S 13/​14 6 ff.; AG Char­lot­ten­burg, Urteil vom 30.09.2014 – 225 C 112/​14 14 f.; LG Fran­ken­thal, Urteil vom 30.09.2014 – 6 O 518/​13 28 f.; AG Düs­sel­dorf, Urteil vom 25.11.2014 – 57 C 1312/​14 14; LG Pots­dam, Urteil vom 08.01.2015 – 2 O 252/​14 27 ff.; OLG Ham­burg, Beschluss vom 02.02.2015 – 5 W 47/​13 9 f.; vgl. ande­rer­seits LG Mün­chen I, Urteil vom 09.07.2014 – 21 S 26548/​13 15; LG Mün­chen I, Urteil vom 05.09.2014 – 21 S 24208/​13 30 f.; AG Düs­sel­dorf, Urteil vom 24.07.2014 – 57 C 15659/​13 23[]
  6. vgl. zur Eröff­nung des Schutz­be­reichs von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG: BVerfGK 2, 202, 204; 19, 364, 366 f.; BVerfG, Beschluss vom 26.06.2012 – 2 BvR 1013/​11 40; BVerfG, Beschluss vom 23.04.2014 – 1 BvR 2851/​13 22[]