Die unbe­gli­che­ne Sach­vestän­di­gen­rech­nung – und die bestrit­te­ne Scha­dens­hö­he

Legt der Geschä­dig­te oder der an sei­ne Stel­le getre­te­ne Zes­sio­nar ledig­lich die unbe­gli­che­ne Rech­nung über die Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten vor, genügt ein ein­fa­ches Bestrei­ten der Scha­dens­hö­he durch den beklag­ten Schä­di­ger oder Haft­pflicht­ver­si­che­rer, wenn nicht der Geschä­dig­te oder der Zes­sio­nar ande­re kon­kre­te Anhalts­punk­te für den erfor­der­li­chen Her­stel­lungs­auf­wand unter Berück­sich­ti­gung der spe­zi­el­len Situa­ti­on des Geschä­dig­ten bei­bringt.

Die unbe­gli­che­ne Sach­vestän­di­gen­rech­nung – und die bestrit­te­ne Scha­dens­hö­he

Der Geschä­dig­ten steht dem Grun­de nach ein Anspruch gegen den Schä­di­ger (hier: und sei­nen Kfz-Haft­pflicht­ver­si­che­rung) auf Ersatz der Kos­ten des ein­ge­hol­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens aus §§ 7, 18 StVG, § 115 VVG zu. Denn die­se Kos­ten gehö­ren zu den mit dem Scha­den unmit­tel­bar ver­bun­de­nen und gemäß § 249 BGB aus­zu­glei­chen­den Ver­mö­gens­nach­tei­len, soweit die Begut­ach­tung zur Gel­tend­ma­chung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs erfor­der­lich und zweck­mä­ßig ist 1. Die Geschä­dig­te kann die­sen Anspruch auch wirk­sam an den Sach­ver­stän­di­gen abtre­ten.

Die Auf­fas­sung, die Höhe der vom Sach­ver­stän­di­gen­bü­ro in Rech­nung gestell­ten Hono­rar­sum­me nebst Neben­kos­ten sei als Indiz im vor­lie­gen­den Scha­dens­er­satz­pro­zess aus­rei­chend, ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs jedoch rechts­feh­ler­haft.

Aller­dings ist die Bemes­sung der Höhe des Scha­dens­er­satz­an­spruchs in ers­ter Linie Sache des nach § 287 ZPO beson­ders frei gestell­ten Tatrich­ters. Sie ist revi­si­ons­recht­lich nur dar­auf­hin über­prüf­bar, ob der Tatrich­ter erheb­li­ches Vor­brin­gen der Par­tei­en unbe­rück­sich­tigt gelas­sen, Rechts­grund­sät­ze der Scha­dens­be­mes­sung ver­kannt, wesent­li­che Bemes­sungs­fak­to­ren außer Betracht gelas­sen oder sei­ner Schät­zung unrich­ti­ge Maß­stä­be zugrun­de gelegt hat 2. Es ist ins­be­son­de­re nicht Auf­ga­be des Revi­si­ons­ge­richts, dem Tatrich­ter eine bestimm­te Berech­nungs­me­tho­de vor­zu­schrei­ben 3.

Ist wegen der Beschä­di­gung einer Sache Scha­dens­er­satz zu leis­ten, so kann der Geschä­dig­te gemäß § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB statt der Her­stel­lung den dazu erfor­der­li­chen Geld­be­trag ver­lan­gen. Sein Anspruch ist auf Befrie­di­gung sei­nes Finan­zie­rungs­be­darfs in Form des zur Wie­der­her­stel­lung objek­tiv erfor­der­li­chen Geld­be­trags und nicht etwa auf Aus­gleich von ihm bezahl­ter Rech­nungs­be­trä­ge gerich­tet 4. Der Geschä­dig­te ist nach scha­dens­recht­li­chen Grund­sät­zen in der Wahl der Mit­tel zur Scha­dens­be­he­bung frei. Er darf zur Scha­dens­be­sei­ti­gung grund­sätz­lich den Weg ein­schla­gen, der aus sei­ner Sicht sei­nen Inter­es­sen am bes­ten zu ent­spre­chen scheint 5. Denn Ziel der Scha­dens­re­sti­tu­ti­on ist es, den Zustand wie­der­her­zu­stel­len, der wirt­schaft­lich gese­hen der hypo­the­ti­schen Lage ohne das Scha­dens­er­eig­nis ent­spricht. Der Geschä­dig­te ist des­halb grund­sätz­lich berech­tigt, einen qua­li­fi­zier­ten Gut­ach­ter sei­ner Wahl mit der Erstel­lung des Scha­dens­gut­ach­tens zu beauf­tra­gen 6.

Der Geschä­dig­te kann jedoch vom Schä­di­ger nach § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB als erfor­der­li­chen Her­stel­lungs­auf­wand nur die Kos­ten erstat­tet ver­lan­gen, die vom Stand­punkt eines ver­stän­di­gen, wirt­schaft­lich den­ken­den Men­schen in der Lage des Geschä­dig­ten zur Behe­bung des Scha­dens zweck­mä­ßig und not­wen­dig erschei­nen. Er ist nach dem Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot gehal­ten, im Rah­men des ihm Zumut­ba­ren den wirt­schaft­li­che­ren Weg der Scha­dens­be­he­bung zu wäh­len, sofern er die Höhe der für die Scha­dens­be­sei­ti­gung auf­zu­wen­den­den Kos­ten beein­flus­sen kann. Aller­dings ist bei der Beur­tei­lung, wel­cher Her­stel­lungs­auf­wand erfor­der­lich ist, auch Rück­sicht auf die spe­zi­el­le Situa­ti­on des Geschä­dig­ten, ins­be­son­de­re auf sei­ne Erkennt­nis- und Ein­fluss­mög­lich­kei­ten sowie auf die mög­li­cher­wei­se gera­de für ihn bestehen­den Schwie­rig­kei­ten zu neh­men (sog. sub­jekt­be­zo­ge­ne Scha­dens­be­trach­tung) 7. Auch ist der Geschä­dig­te grund­sätz­lich nicht zu einer Erfor­schung des ihm zugäng­li­chen Markts ver­pflich­tet, um einen mög­lichst preis­güns­ti­gen Sach­ver­stän­di­gen aus­fin­dig zu machen 8.

Den Geschä­dig­ten trifft gemäß § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB grund­sätz­lich die Dar­le­gungs­last hin­sicht­lich des oben beschrie­be­nen erfor­der­li­chen Her­stel­lungs­auf­wan­des. Die­ser Dar­le­gungs­last genügt der Geschä­dig­te regel­mä­ßig durch Vor­la­ge einer – von ihm begli­che­nen – Rech­nung des mit der Begut­ach­tung sei­nes Fahr­zeugs beauf­trag­ten Sach­ver­stän­di­gen. Ein ein­fa­ches Bestrei­ten der Erfor­der­lich­keit des aus­ge­wie­se­nen Rech­nungs­be­tra­ges zur Scha­dens­be­he­bung reicht dann grund­sätz­lich nicht aus, um die gel­tend gemach­te Scha­dens­hö­he in Fra­ge zu stel­len 9.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall hat­te das Land­ge­richt Wup­per­tal in der Vor­in­stanz die von der Geschä­dig­ten nicht begli­che­ne Rech­nung als Indiz aus­rei­chen las­sen, um einen Scha­dens­er­satz­an­spruch in Höhe des vom Sach­ver­stän­di­gen in Rech­nung gestell­ten Betra­ges zuzu­spre­chen, und ohne nähe­re Begrün­dung aus­ge­führt, die Abrech­nung einer über­höh­ten Gut­acht­er­for­de­rung sei für die Geschä­dig­te jeden­falls nicht erkenn­bar gewe­sen 10. Damit hat es nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs die Anfor­de­run­gen an die nach den obi­gen Grund­sät­zen zu bestim­men­de Dar­le­gungs­last ver­kannt:

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts Wup­per­tal bil­det nicht der vom Sach­ver­stän­di­gen in Rech­nung gestell­te Betrag als sol­cher, son­dern allein der von der Geschä­dig­ten in Über­ein­stim­mung mit der Rech­nung und der ihr zugrun­de lie­gen­den – vom Beru­fungs­ge­richt nicht fest­ge­stell­ten – Preis­ver­ein­ba­rung tat­säch­lich erbrach­te Auf­wand einen Anhalt zur Bestim­mung des zur Her­stel­lung erfor­der­li­chen Betra­ges im Sin­ne von § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB. Der Grund für die Annah­me einer Indi­zwir­kung des von einem Geschä­dig­ten tat­säch­lich erbrach­ten Auf­wands bei der Scha­dens­schät­zung liegt dar­in, dass bei der Bestim­mung des erfor­der­li­chen Betra­ges im Sin­ne von § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB die beson­de­ren Umstän­de des Geschä­dig­ten, mit­un­ter auch sei­ne mög­li­cher­wei­se beschränk­ten Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten zu berück­sich­ti­gen sind. Die­se schla­gen sich regel­mä­ßig im tat­säch­lich auf­ge­wen­de­ten Betrag nie­der, nicht hin­ge­gen in der Höhe der vom Sach­ver­stän­di­gen erstell­ten Rech­nung als sol­cher 11.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch bei einer Abtre­tung der For­de­rung auf Ersatz der Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten. Legt der an die Stel­le des Geschä­dig­ten getre­te­ne Zes­sio­nar ledig­lich die unbe­gli­che­ne Rech­nung vor, genügt danach ein ein­fa­ches Bestrei­ten der Scha­dens­hö­he durch den beklag­ten Schä­di­ger oder Haft­pflicht­ver­si­che­rer, wenn nicht der Zes­sio­nar ande­re kon­kre­te Anhalts­punk­te für den erfor­der­li­chen Her­stel­lungs­auf­wand unter Berück­sich­ti­gung der spe­zi­el­len Situa­ti­on des Geschä­dig­ten bei­bringt. Bei der dann vom Tatrich­ter zu leis­ten­den Bemes­sung der Scha­dens­hö­he ist zu beach­ten, dass der Schät­zung nach § 287 Abs. 1 ZPO trag­fä­hi­ge Anknüp­fungs­punk­te zugrun­de lie­gen müs­sen. Im Rah­men der Schät­zung der Höhe die­ses Scha­dens­er­satz­an­spruchs gem. § 287 ZPO kann bei Feh­len einer Preis­ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Geschä­dig­ten und dem Sach­ver­stän­di­gen – eine sol­che war hier nicht gel­tend gemacht wor­den – an die übli­che Ver­gü­tung gem. § 632 Abs. 2 BGB ange­knüpft wer­den, denn der ver­stän­di­ge Geschä­dig­te wird unter die­sen Umstän­den im Regel­fall davon aus­ge­hen, dass dem Sach­ver­stän­di­gen die übli­che Ver­gü­tung zusteht 12. Die­se ist dann regel­mä­ßig scha­dens­recht­lich erfor­der­lich im Sin­ne des § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB.

Dabei genügt schließ­lich nach den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen ein ein­fa­ches Bestrei­ten der Erfor­der­lich­keit der Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten ins­ge­samt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Juni 2018 – VI ZR 171/​16

  1. vgl. nur BGH, Urteil vom 19.07.2016 – VI ZR 491/​15, VersR 2016, 1387 Rn. 10[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 19.07.2016 – VI ZR 491/​15, VersR 2016, 1387 Rn. 13; vom 05.03.2013 – VI ZR 245/​11, VersR 2013, 730 Rn. 14; vom 08.05.2012 – VI ZR 37/​11, VersR 2012, 917 Rn. 9 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.2004 – VI ZR 357/​03, BGHZ 161, 151, 154[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.11.1973 – VI ZR 27/​73, BGHZ 61, 346, 347 f.; vom 23.01.2007 – VI ZR 67/​06, VersR 2007, 560 Rn. 13; vom 11.02.2014 – VI ZR 225/​13, VersR 2014, 474 Rn. 7[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 18.01.2005 – VI ZR 73/​04, VersR 2005, 558, 559[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 15.10.2013 – VI ZR 528/​12, VersR 2013, 1590 Rn. 18 mwN[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.11.1973 – VI ZR 27/​73, BGHZ 61, 346, 348; vom 15.10.2013 – VI ZR 528/​12, VersR 2013, 1590 Rn.19; vom 11.02.2014 – VI ZR 225/​13, aaO Rn. 7 f., jeweils mwN[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 23.01.2007 – VI ZR 67/​06, aaO Rn. 17; vom 11.02.2014 – VI ZR 225/​13, aaO Rn. 7[]
  9. BGH, Urtei­le vom 24.10.2017 – VI ZR 61/​17, VersR 2018, 240 Rn.19; vom 19.07.2016 – VI ZR 491/​15, VersR 2016, 1387 Rn.20; vom 22.07.2014 – VI ZR 357/​13, VersR 2014, 1141 Rn. 16[]
  10. LG Wup­per­tal, Urteil vom 26.04.2016 – 16 S 82/​15[]
  11. vgl. BGH, Urtei­le vom 24.10.2017 – VI ZR 61/​17, VersR 2018, 240 Rn.19; vom 28.02.2017 – VI ZR 76/​16, VersR 2017, 636 Rn. 13; vom 19.07.2016 – VI ZR 491/​15, VersR 2016, 1387 Rn.19; vom 26.04.2016 – VI ZR 50/​15, VersR 2016, 1133 Rn. 12; vom 22.07.2014 – VI ZR 357/​13, VersR 2014, 1141 Rn. 16, 19; und vom 06.11.1973 – VI ZR 27/​73, BGHZ 61, 346, 347 f.[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 28.02.2017 – VI ZR 76/​16, VersR 2017, 636 Rn. 14; zur Fra­ge der Üblich­keit der werk­ver­trag­li­chen Ver­gü­tung von Kfz-Sach­ver­stän­di­gen vgl. BGH, Urteil vom 04.04.2006 – X ZR 122/​05, BGHZ 167, 139 Rn. 10 ff.[]