Die Scheu­ne und das Feu­er­zeug – oder: Anscheins­be­weis bei Brand­ur­sa­chen

Zu den Vor­aus­set­zun­gen eines Anscheins­be­wei­ses bei der
Die Fest­stel­lung von Brand­ur­sa­chen ist nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs einem Anscheins­be­weis zugäng­lich, ins­be­son­de­re beim Brand einer Scheu­ne nach dem Han­tie­ren mit einem Feu­er­zeug.

Die Scheu­ne und das Feu­er­zeug – oder: Anscheins­be­weis bei Brand­ur­sa­chen

Der Beweis des ers­ten Anscheins greift bei typi­schen Gesche­hens­ab­läu­fen ein, also in Fäl­len, in denen ein bestimm­ter Tat­be­stand nach der Lebens­er­fah­rung auf eine bestimm­te Ursa­che für den Ein­tritt eines bestimm­ten Erfolgs hin­weist 1. Der Beweis des ers­ten Anscheins kann grund­sätz­lich auch bei der Fest­stel­lung von Brand­ur­sa­chen in Betracht kom­men 2. Im Wege des Anscheins­be­wei­ses kann gege­be­nen­falls von einem bestimm­ten ein­ge­tre­te­nen Erfolg auf die Ursa­che geschlos­sen wer­den 3. Die­ser Schluss setzt einen typi­schen Gesche­hens­ab­lauf vor­aus 4. Typi­zi­tät bedeu­tet in die­sem Zusam­men­hang aller­dings nur, dass der Kau­sal­ver­lauf so häu­fig vor­kom­men muss, dass die Wahr­schein­lich­keit, einen sol­chen Fall vor sich zu haben, sehr groß ist 5.

In Fäl­len, in denen – wie hier – dar­um gestrit­ten wird, ob ein an sich scha­dens­träch­ti­ges Ver­hal­ten einen ent­stan­de­nen Scha­den tat­säch­lich aus­ge­löst hat, soll der Anscheins­be­weis dem Geschä­dig­ten den Kau­sa­li­täts­be­weis erleich­tern. Steht das zur Her­bei­füh­rung des Scha­dens geeig­ne­te Ver­hal­ten des in Anspruch genom­me­nen fest und ist der ent­stan­de­ne Scha­den eine typi­sche Fol­ge eines sol­chen Ver­hal­tens, greift zunächst der Anscheins­be­weis und es ist Sache des in Anspruch genom­me­nen, den Anschein durch die Behaup­tung und den Beweis kon­kre­ter Tat­sa­chen zu ent­kräf­ten. Die Funk­ti­on die­ser Beweis­erleich­te­rung, den Anspruch­stel­ler vom Vor­trag kon­kre­ter – ihm zumeist unbe­kann­ter – Ein­zel­hei­ten des Kau­sal­ver­laufs zu ent­las­ten, wür­de nicht unbe­trächt­lich ent­wer­tet, wenn dem Anspruch­stel­ler abver­langt wür­de, als Teil des typi­schen Lebens­sach­ver­halts vor­zu­tra­gen und zu bewei­sen, dass bestimm­te Ein­zel­hei­ten, wel­che die Gegen­sei­te zum Kau­sal­ver­lauf vor­trägt, unrich­tig sei­en. Der Anscheins­be­weis unter­schei­det sich von Fest­stel­lun­gen nach all­ge­mei­nen Beweis­re­geln gera­de dadurch, dass der kon­kre­te Gesche­hens­ab­lauf nicht fest­ge­stellt zu wer­den braucht, weil von einem typi­schen Her­gang aus­ge­gan­gen wer­den kann, solan­ge nicht von dem Geg­ner Tat­sa­chen bewie­sen wer­den, die den Anschein ent­kräf­ten 6.

Bezo­gen auf den Streit­fall nimmt das Beru­fungs­ge­richt zu Recht an, das Han­tie­ren mit offe­nem Feu­er in einer mit Stroh, Heu etc. gefüll­ten Feld­scheu­ne stel­le unzwei­fel­haft ein gefahr­träch­ti­ges Tun dar und sei nach der all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung geeig­net, die Ent­ste­hung eines Bran­des her­bei­zu­füh­ren. Zwi­schen den Par­tei­en besteht kein Streit dar­über, dass die Beklag­ten sei­ner­zeit mit dem Feu­er­zeug in der Scheu­ne han­tier­ten, dass dabei eine offe­ne Flam­me erzeugt wur­de und dass in unmit­tel­ba­rer zeit­li­cher Fol­ge die Scheu­ne in Brand stand. Anhalts­punk­te für ande­re Brand­ur­sa­chen sind nach den Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­ge­richts ent­we­der nicht sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­gen oder jeden­falls nicht beweis­bar.

Das Beru­fungs­ge­richt meint, dies spie­le nur inso­weit eine Rol­le, als es um die von den Beklag­ten dar­zu­le­gen­de und zu be-wei­sen­de Ent­kräf­tung des Anscheins­be­wei­ses gehe. Das ist indes unrich­tig.

Bereits bei der Bestim­mung des typi­schen Lebens­sach­ver­halts darf nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben, dass für ande­re Ursa­chen als die, die der Geschä­dig­te vor­ge­tra­gen hat, kei­ne Anhalts­punk­te bestehen. Dem­entspre­chend hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass dann, wenn bei einem bestimm­ten Erfolg für eine Ursa­che fes­te Anhalts­punk­te bestehen, die die­se Ursa­che als mög­lich erschei­nen las­sen, wäh­rend für ande­re in Fra­ge kom­men­de Ursa­chen sol­che Anhalts­punk­te tat­säch­li­cher Art völ­lig feh­len, der Beweis des ers­ten Anscheins für die ers­te Ursa­che spricht 7. Kommt der in Anspruch Genom­me­ne als Ver­ur­sa­cher eines schä­di­gen­den Erfolgs in Betracht, ist von dem fest­ge­stell­ten Erfolg aus rück­bli­ckend auch zu fra­gen, wel­che Anhalts­punk­te für das Vor­han­den­sein etwai­ger ande­rer mög­li­cher Ursa­chen bestehen 8. Denn wenn eine gefähr­li­che Hand­lung in Fra­ge steht, die all­ge­mein geeig­net sein kann, den schä­di­gen­den Erfolg her­bei­zu­füh­ren, und wenn die­ser Erfolg in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der Vor­nah­me der gefähr­li­chen Hand­lung ein­ge­tre­ten ist, kann bei der Beant­wor­tung der Fra­ge, ob eine den Anscheins­be­weis recht­fer­ti­gen­de typi­sche Situa­ti­on vor­lag, nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben, ob kon­kre­te Anhalts­punk­te für eine ande­re Ursa­che ersicht­lich sind.

Der vom Anspruch­stel­ler vor­zu­tra­gen­de typi­sche Lebens­sach­ver­halt beschränkt sich danach in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art dar­auf, dass es nach dem Han­tie­ren mit einem feu­er­ge­fähr­li­chen Gegen­stand in einer extrem brand­ge­fähr­de­ten Umge­bung zur Ent­wick­lung offe­nen Feu­ers gekom­men ist, in unmit­tel­ba­rer zeit­li­cher Fol­ge ein Brand aus­ge­bro­chen ist und kon­kre­te Anhalts-punk­te für eine ande­re Brand­ur­sa­che feh­len. Es obliegt dann dem in Anspruch Genom­me­nen, Umstän­de vor­zu­tra­gen und zu bewei­sen, die den Anschein ent­kräf­ten. Dies ist im Streit­fall den Beklag­ten nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht gelun­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Teil­ver­säum­nis- und Schlus­sur­teil vom 19. Janu­ar 2010 – VI ZR 33/​09

  1. BGHZ 163, 209, 212[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.01.1974 – VI ZR 53/​71, VersR 1974, 750; vom 18.10.1983 – VI ZR 55/​82, VersR 1984, 63 f.; BGH, Urtei­le vom 09.11.1977 – IV ZR 160/​76, VersR 1978, 74, 75; vom 28.02.1980 – VII ZR 104/​79, VersR 1980, 532; vom 12.05.1993 – IV ZR 120/​92, VersR 1993, 1351; vom 06.03.1991 – IV ZR 82/​90, VersR 1991, 460, 461; OLG Düs­sel­dorf, r+s 1993, 138 f.; OLG Hamm, VersR 2000, 55, 56 f.; OLG Köln, VersR 1994, 1420; OLG Ros­tock, OLGR 2008, 736 f.[]
  3. BGH, Urtei­le vom 22.05.1979 – VI ZR 97/​78, VersR 1979, 822, 823; vom 03.07.1990 – VI ZR 239/​89, VersR 1991, 195; vom 05.11.1996 – VI ZR 343/​95, VersR 1997, 205, 206[]
  4. BGH, Urteil vom 05.11.1996 – VI ZR 343/​95, aaO, m.w.N.[]
  5. BGH, Urteil vom 05.11.1996 – VI ZR 343/​95, aaO; BGH, Urteil vom 06.03.1991 – IV ZR 82/​90, aaO, S. 461 f.[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 29.01.1974 – VI ZR 53/​71 – aaO[]
  7. vgl. BGHZ 11, 227, 230; BGHZ 172, 1, 6[]
  8. vgl. BGHZ 11, 227, 230; BGHZ 114, 284, 290; 163, 209, 212 f.[]