Die Siche­rungs­ab­tre­tung für schwan­ken­de For­de­run­gen

Die Abtre­tung einer For­de­rung ist man­gels Bestimmt­heit unwirk­sam, wenn sie zur Siche­rung meh­re­rer lau­fen­den Schwan­kun­gen unter­wor­fe­ner For­de­run­gen erfolgt und der Dritt­schuld­ner nicht in zumut­ba­rer Wei­se erken­nen kann, wie hoch sich die gesi­cher­ten For­de­run­gen belau­fen.

Die Siche­rungs­ab­tre­tung für schwan­ken­de For­de­run­gen

Eine Abtre­tung ist nur wirk­sam, wenn die For­de­rung, die Gegen­stand der Abtre­tung ist, bestimmt oder wenigs­tens bestimm­bar ist. Die­ses Erfor­der­nis ergibt sich aus der Rechts­na­tur der Abtre­tung, die ein ding­li­ches Rechts­ge­schäft ist. Die Abtre­tung bewirkt, dass das Gläu­bi­ger­recht an einer For­de­rung von dem bis­he­ri­gen Gläu­bi­ger auf eine ande­re Per­son als neu­en Gläu­bi­ger über­geht (§ 398 BGB). Wie ein Gläu­bi­ger­recht nur an einer bestimm­ten oder min­des­tens bestimm­ba­ren For­de­rung bestehen kann, so kann auch nur das Gläu­bi­ger­recht an einer bestimm­ten oder bestimm­ba­ren For­de­rung Gegen­stand der Abtre­tung sein. An dem Erfor­der­nis der Bestimmt­heit oder Bestimm­bar­keit fehlt es, wenn von meh­re­ren selb­stän­di­gen For­de­run­gen ein Teil abge­tre­ten wird, ohne dass erkenn­bar ist, von wel­cher oder von wel­chen For­de­run­gen ein Teil abge­tre­ten wer­den soll1.

In die­ser Wei­se ver­hält es sich im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall:

Die m. oHG hat­te „alle gegen die Fir­ma K. GmbH in dem Rechts­streit vor dem Land­ge­richt Köln gel­tend gemach­ten und ihnen zuste­hen­den Ansprü­che” an die Zes­sio­na­rin „in Höhe ihrer fort­lau­fen­den For­de­run­gen” abge­tre­ten. Dabei betraf die Abtre­tung nicht eine Ein­zel­for­de­rung, son­dern eine sich aus einer Viel­zahl von For­de­run­gen zusam­men­set­zen­de Gesamt­for­de­rung über zunächst 519.397, 72 €. Die beklag­te K. GmbH hat­te inso­weit auf der Grund­la­ge eines den Bestand der ein­zel­nen For­de­run­gen nicht berüh­ren­den dekla­ra­to­ri­schen Schuld­an­er­kennt­nis­ses2 Pro­vi­si­ons­for­de­run­gen über 50.000 € unstrei­tig gestellt. Nach­dem das Land­ge­richt Köln selbst Pro­vi­si­ons­for­de­run­gen über 41.553, 11 € als berech­tigt ansah, ver­ur­teil­te es die K. GmbH ent­spre­chend dem Aner­kennt­nis zur Zah­lung von ins­ge­samt 50.000 €, wobei die Ver­zin­sung nach Maß­ga­be der Höhe der sie­ben Ein­zel­for­de­run­gen gestaf­felt wur­de. Bei die­ser Sach­la­ge betrifft die Abtre­tung, soweit es um die „gel­tend gemach­ten und zuste­hen­den Ansprü­che” geht, eine Mehr­zahl von For­de­run­gen.

Der Bestimmt­heits­grund­satz ver­bie­tet, aus der Gesamt­sum­me meh­re­rer For­de­run­gen nur einen sum­men­mä­ßig bestimm­ten Teil abzu­tre­ten3. In die­ser Wei­se sind indes­sen die Zes­sio­na­rin und die m. oHG ver­fah­ren, indem sie alle der m. oHG gegen die K. GmbH zuste­hen­den For­de­run­gen an die Zes­sio­na­rin abge­tre­ten und die­se Abtre­tung im Umfang auf die „Höhe ihrer fort­lau­fen­den For­de­run­gen” ein­ge­schränkt haben. Abge­tre­ten wur­den sämt­li­che For­de­run­gen der m. oHG gegen die K. GmbH, zugleich wur­de das Abtre­tungs­vo­lu­men durch die offe­nen For­de­run­gen aus der Geschäfts­be­zie­hung zwi­schen der Zes­sio­na­rin und der m. oHG beschränkt. Vor die­sem Hin­ter­grund bleibt unge­klärt, wel­che Ein­zel­for­de­run­gen von der Abtre­tung betrof­fen sind. Es ist nicht erkenn­bar, auf wel­chen Teil der For­de­run­gen der m. oHG sich die Abtre­tung bezieht, weil die abge­tre­te­nen For­de­run­gen über 50.000 € den gesi­cher­ten Betrag von 38.250 € über­stei­gen4.

Die Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung genügt zum ande­ren nicht dem Bestimmt­heits­er­for­der­nis, weil sie auf die Höhe der „fort­lau­fen­den For­de­run­gen” der Zes­sio­na­rin gegen die m. oHG beschränkt ist und dar­um für die K. GmbH als Dritt­schuld­ne­rin der abge­tre­te­nen For­de­run­gen der Umfang des For­de­rungs­über­gangs nicht erkenn­bar war.

Die Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung ver­knüpft den Umfang der For­de­rungs­ab­tre­tung mit der zu sichern­den For­de­rung, indem sie die Abtre­tung auf die „fort­lau­fen­den For­de­run­gen” der Zes­sio­na­rin begrenzt. Dadurch wird die Höhe der Abtre­tung unge­wiss. Wie hoch die For­de­rung der Zes­sio­na­rin gegen die m. oHG war, ließ sich aus der Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung allein weder erse­hen noch errech­nen, son­dern nur mit Hil­fe sons­ti­ger Unter­la­gen jeweils für den maß­geb­li­chen Stich­tag fest­stel­len. Inso­weit war die abge­tre­te­ne For­de­rung ihrer Höhe nach ledig­lich zwi­schen den Par­tei­en des Abtre­tungs­ver­trags bestimm­bar. Die Wir­kun­gen eines sol­chen Abtre­tungs­ver­trags erstre­cken sich jedoch not­wen­dig auf den Schuld­ner der abge­tre­te­nen For­de­rung. Es kann des­we­gen nicht genü­gen, dass sich auf­grund des Ver­trags nur im Ver­hält­nis zwi­schen Zeden­ten und Abtre­tungs­emp­fän­ger ermit­teln lässt, wer von ihnen wie viel vom Schuld­ner for­dern kann. Viel­mehr muss auch der Schuld­ner, min­des­tens in gewis­sen Gren­zen, aus dem Abtre­tungs­ver­trag oder sons­ti­gen ihm erkenn­ba­ren Umstän­den ent­neh­men kön­nen, wie eine nur teil­wei­se abge­tre­te­ne For­de­rung sich auf den Zeden­ten und Abtre­tungs­emp­fän­ger auf­teilt und wie viel er des­halb an jeden von bei­den zu leis­ten hat5.

Die­sen Min­dest­an­for­de­run­gen ist im Streit­fall nicht genügt, weil die K. GmbH als Dritt­schuld­ne­rin weder aus der Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung noch sonst in zumut­ba­rer Wei­se erken­nen konn­te, in wel­cher Höhe die abge­tre­te­nen For­de­run­gen der Zes­sio­na­rin und der m. oHG zustan­den. Ins­be­son­de­re war die K. GmbH völ­lig im Unkla­ren dar­über, wie hoch sich die „fort­lau­fen­den For­de­run­gen” der Zes­sio­na­rin gegen die m. oHG belie­fen. Es fehl­te dabei jede Ein­gren­zung, wel­che ein­zel­nen For­de­run­gen der Zes­sio­na­rin die Höhe der abge­tre­te­nen For­de­run­gen bestim­men soll­ten. Dar­um konn­te die K. GmbH nicht ermes­sen, in wel­chem Umfang die Zes­sio­na­rin und die m. oHG ihre Gläu­bi­ge­rin war. Die­se Unsi­cher­heit wur­de nicht durch die von der Zes­sio­na­rin der m. oHG erteil­te Ein­zugs­er­mäch­ti­gung besei­tigt. Die Ein­zugs­er­mäch­ti­gung gab ihrem Inhalt nach der K. GmbH kei­nen Auf­schluss über die auf bei­de Gläu­bi­ger ent­fal­len­den For­de­rungs­an­tei­le. Der Schuld­ner muss unab­hän­gig von einer zudem wider­ruf­li­chen Ein­zugs­er­mäch­ti­gung wis­sen, wer in wel­cher Höhe Gläu­bi­ger einer gegen ihn gerich­te­ten For­de­rung ist. Ins­be­son­de­re bestand die Unsi­cher­heit unge­ach­tet der Ein­zugs­er­mäch­ti­gung fort, sofern sich die K. GmbH von der Ver­bind­lich­keit gegen­über einer der Gläu­bi­ge­rin­nen auf­grund einer nach Kennt­nis der Abtre­tung erlang­ten For­de­rung im Wege der Auf­rech­nung befrei­en konn­te. In die­sel­be Rich­tung weist die Rück­sicht­nah­me auf die Inter­es­sen kon­kur­rie­ren­der Gläu­bi­ger. Wür­de einem sol­chen die Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung vor­ge­legt, so blie­be er in völ­li­ger Unge­wiss­heit, in wel­cher Höhe die For­de­rung etwa noch sei­nem Zugriff unter­liegt6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Mai 2017 – IX ZR 238/​15

  1. BGH, Urteil vom 07.06.2011 – VI ZR 260/​10, NJW 2011, 2713 Rn. 6 mwN
  2. vgl. BGH, Urteil vom 11.12 2015 – V ZR 26/​15, WM 2016, 1748 Rn. 13
  3. BGH, Urteil vom 07.06.2011 – VI ZR 260/​10, NJW 2011, 2713 Rn. 7
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 15.10.2009 – IX ZR 170/​07, nv Rn. 2
  5. BGH, Urteil vom 22.09.1965 – VIII ZR 265/​63, NJW 1965, 2197 f; vom 12.10.1999 – XI ZR 24/​99, ZIP 1999, 2058, 2059 f; OLG Dres­den, NJW-RR 1997, 1070, 1071
  6. BGH, Urteil vom 22.09.1965, aaO S. 2198