Die Streu­pflicht auf dem Park­platz eines Lebens­mit­tel­mark­tes

Mit dem Umfang der Streu­pflicht auf dem Park­platz eines Lebens­mit­tel­mark­tes hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen. Es ist grund­sätz­lich nicht erfor­der­lich, dass ein Park­platz so bestreut wird, dass bereits beim Aus­stei­gen aus jedem Fahr­zeug abge­stumpf­ter Boden betre­ten wer­den kann.

Die Streu­pflicht auf dem Park­platz eines Lebens­mit­tel­mark­tes

Grund­vor­aus­set­zung für die Ver­let­zung der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht wegen Ver­sto­ßes gegen Räu­mund Streu­pflich­ten ist ent­we­der das Vor­lie­gen einer all­ge­mei­nen Glät­te oder von erkenn­ba­ren Anhalts­punk­ten für eine ernst­haft dro­hen­de Gefahr auf­grund ver­ein­zel­ter Glät­te­stel­len ist1, wobei auch bei all­ge­mei­ner Glät­te­bil­dung kei­ne unein­ge­schränk­te Räu­mund Streu­pflicht besteht.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs rich­ten sich Inhalt und Umfang der win­ter­li­chen Räu­mund Streu­pflicht unter dem Gesichts­punkt der Ver­kehrs­si­che­rung nach den Umstän­den des Ein­zel­falls2. Eine für alle Park­flä­chen gleich­mä­ßig gel­ten­de Regel lässt sich dabei nicht auf­stel­len. Aus­zu­ge­hen ist davon, dass die Streu­pflicht als Teil der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht nur wirk­li­che Gefah­ren besei­ti­gen, nicht aber blo­ßen Unbe­quem­lich­kei­ten vor­beu­gen soll. Ent­ste­hung, Umfang und Maß einer Streu­pflicht rich­ten sich danach, was zur gefahr­lo­sen Siche­rung des Ver­kehrs erfor­der­lich ist, dem die jewei­li­ge Ver­kehrs­ein­rich­tung dient, und was dem Pflich­ti­gen zumut­bar ist3.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten unab­hän­gig davon, ob die Streu­pflicht einen öffent­li­chen oder pri­va­ten Park­platz betrifft oder ob es sich um einen Kun­den­park­platz han­delt oder nicht. Sie ent­spre­chen der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum Inhalt und Umfang der all­ge­mei­nen Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht4.

Bei Anwen­dung die­ser Maß­stä­be waren die Markt­be­trei­be­rin­nen in dem hier ent­schie­de­nen Fall im Ergeb­nis selbst im Fal­le all­ge­mei­ner Glät­te­bil­dung nicht ver­pflich­tet, die Sturz­stel­le im Bereich der mar­kier­ten Stell­flä­chen am Tage des Unfalls der Kun­din zu streu­en:

Der Grad der von Glät­te­bil­dung im Bereich der mar­kier­ten Stell­flä­chen aus­ge­hen­den Gefahr ist regel­mä­ßig als eher gering ein­zu­stu­fen, weil die Wagen­in­sas­sen ihn nur beim Einund Aus­stei­gen betre­ten müs­sen und dabei am Fahr­zeug Halt fin­den kön­nen5. Des­halb ist es grund­sätz­lich nicht erfor­der­lich, dass ein Park­platz so bestreut wird, dass bereits beim Aus­stei­gen aus jedem Fahr­zeug abge­stumpf­ter Boden betre­ten wer­den kann6.

Die­se Gefahr wur­de hier im Hin­blick auf das kon­kre­te Unfall­ge­sche­hen nicht maß­geb­lich dadurch erhöht, dass der Park­platz (auch) den Kun­den des Lebens­mit­tel­mark­tes die­nen soll­te.

Rich­tig ist zwar im Grund­satz, dass der Zweck der Ver­kehrs­er­öff­nung und sich aus ihr erge­ben­de beson­de­re Gefah­ren den Umfang der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht beein­flus­sen kön­nen. So hat der Bun­des­ge­richts­hof bei der Beur­tei­lung der Streu­pflicht eines Gast­wirts für den von ihm zur Ver­fü­gung gestell­ten Kun­den­park­platz berück­sich­tigt, dass damit gerech­net wer­den muss, dass sich Besu­cher durch den Genuss alko­ho­li­scher Geträn­ke unver­stän­dig ver­hal­ten und in ihrer Geh­si­cher­heit beein­träch­tigt sein kön­nen7. Daher ist es auch im Ansatz zutref­fend, bei der Bestim­mung des Umfangs der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht des Betrei­bers eines Lebens­mit­tel­mark­tes hin­sicht­lich sei­nes Kun­den­park­plat­zes zu berück­sich­ti­gen, dass die­ser in der Erwar­tung ange­legt wur­de, die beque­me Park­mög­lich­keit wer­de poten­ti­el­le Kun­den zum Besuch des Mark­tes ver­an­las­sen8. Er wird daher sei­nen Kun­den nicht nur einen im Rah­men des Zumut­ba­ren mög­lichst gefahr­lo­sen Zugang zu ihren auf dem Kun­den­park­platz abge­stell­ten Fahr­zeu­gen ver­schaf­fen, son­dern auch deren mög­lichst siche­res Beund auch Ent­la­den9 ermög­li­chen müs­sen10.

Das Räu­men und Streu­en der mar­kier­ten Park­stell­flä­chen ist hier­zu aber regel­mä­ßig nicht erfor­der­lich. Denn es ist den Kun­den zumut­bar, ihr Fahr­zeug bei win­ter­li­chen Wet­ter­ver­hält­nis­sen in die­sem Bereich so abzu­stel­len, dass durch Räu­men und Streu­en der Fahr­flä­che ein hin­rei­chend gefahr­lo­ses Ver­stau­en von Ein­käu­fen im Heck des Fahr­zeugs sicher­ge­stellt wer­den kann. Mehr als die Gewähr­leis­tung (nur) einer von Glät­te­bil­dung mög­lichst unbe­ein­träch­tig­ten Mög­lich­keit des Beund Ent­la­dens kann von den Kun­den nach den oben auf­ge­zeig­ten Grund­sät­zen nicht erwar­tet wer­den, um dem Umstand Rech­nung zu tra­gen, dass sie dabei in ihrer Auf­merk­sam­keit und Reak­ti­ons­mög­lich­keit auf Glät­te­stel­len ein­ge­schränkt sind11.

Ange­sichts der bei zumut­ba­rer Eigen­vor­sor­ge der Kun­den gerin­gen vor­her­seh­ba­ren Sturz­ge­fahr im Bereich der mar­kier­ten Stell­flä­chen konn­te von den Markt­be­trei­be­rin­nen nicht erwar­tet wer­den, die­sen Bereich bei Glät­te­bil­dung stän­dig geräumt und gestreut zu hal­ten. Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall han­delt es sich um eine gro­ße Park­flä­che, auf der ein stän­di­ger Fahr­zeug­wech­sel statt­fin­det, wobei zwi­schen den par­ken­den Fahr­zeu­gen ein maschi­nel­les Streu­en nicht mög­lich ist. Eine kon­ti­nu­ier­li­che Kon­trol­le und gege­be­nen­falls hän­di­sche Bestreu­ung war den Markt­be­trei­be­rin­nen hier auf­grund des damit ver­bun­de­nen hohen Auf­wan­des nicht zumut­bar12.

Die Markt­be­trei­be­rin­nen waren auch nicht ver­pflich­tet, bei all­ge­mei­ner Glät­te­bil­dung ein­ma­lig vor Eröff­nung des Mark­tes den Bereich der mar­kier­ten Stell­flä­chen zu streu­en. Ob eine sol­che Pflicht für Kun­den­park­plät­ze besteht, rich­tet sich eben­falls nach den ört­li­chen Gege­ben­hei­ten und sons­ti­gen Umstän­den des Ein­zel­falls. Hier wur­de der Park­platz der Markt­be­trei­be­rin­nen zu 1 nicht nur von ihren Kun­den, son­dern zudem von Anwoh­nern genutzt, die ihre Fahr­zeu­ge dort auch über Nacht abstell­ten. Daher war vor der Markt­er­öff­nung nicht gewähr­leis­tet, dass die Park­stell­flä­chen frei waren und mit zumut­ba­rem Auf­wand gestreut wer­den konn­ten. Die von der Kun­din in der Revi­si­ons­ver­hand­lung ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, die Beklag­te zu 1 sei zur Erfül­lung ihrer Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht gehal­ten gewe­sen, durch eine nächt­li­che Sper­rung des Park­plat­zes und Abschlep­pen etwai­ger ver­blie­be­ner Fahr­zeu­ge ein maschi­nel­les Streu­en auf der gesam­ten Park­platz­flä­che zu ermög­li­chen, teilt der Bun­des­ge­richts­hof nicht. Damit wür­de der Umfang der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht über­dehnt.

Auch war es aus Rechts­grün­den nicht gebo­ten, eine Streu­pflicht der Markt­be­trei­be­rin­nen für den Bereich der Unfall­stel­le des­halb zu beja­hen, weil die Kun­din nach ihrem Vor­trag auf einer über­fro­re­nen Boden­ver­tie­fung aus­ge­rutscht ist, die sie auf­grund der schlech­ten Licht­ver­hält­nis­se und der Lage im Schat­ten der par­ken­den Autos nicht habe erken­nen kön­nen. Das Schles­wig­Hol­stei­ni­sche Ober­lan­des­ge­richt13 hat in sei­nem Beru­fungs­ur­teil in die­sen Umstän­den ihre Rich­tig­keit unter­stellt ohne Rechts­feh­ler kei­ne für die Markt­be­trei­be­rin­nen erkenn­ba­ren Anhalts­punk­te für eine ernst­haft dro­hen­de Gefahr auf­grund einer ver­ein­zel­ten Glät­te­stel­le gese­hen, die die Markt­be­trei­be­rin­nen in Erfül­lung ihrer Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht durch Streu­en hät­ten besei­ti­gen müs­sen.

Die Ansicht des OLG Schles­wig, dass mit gewis­sen Ver­tie­fun­gen im Belag eines Park­plat­zes und damit mit der Bil­dung von Glät­te­stel­len bei Feuch­tig­keit und Käl­te stets zu rech­nen sei, ist revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Auch sind ein­ge­schränk­te Licht­ver­hält­nis­se zwi­schen par­ken­den Kraft­fahr­zeu­gen in den Mor­gen­stun­den der Dezem­ber­ta­ge nicht außer­ge­wöhn­lich.

Die Markt­be­trei­be­rin­nen durf­ten daher davon aus­ge­hen, dass sich die Kun­den des Lebens­mit­tel­mark­tes gera­de zu die­ser Tages­zeit beim Einund Aus­stei­gen aus ihren Fahr­zeu­gen durch beson­de­re Vor­sicht auf die win­ter­li­chen Wet­terund Sicht­ver­hält­nis­se ein­stel­len und bei Unsi­cher­heit über die Boden­be­schaf­fen­heit falls not­wen­dig am Fahr­zeug fest­hal­ten wür­den14.

Im Übri­gen ent­hebt die Erwar­tung, bei win­ter­li­chen Wit­te­rungs­ver­hält­nis­sen ord­nungs­ge­mäß geräum­te oder gestreu­te Wege vor­zu­fin­den, den Fuß­gän­ger nicht der eige­nen Ver­pflich­tung, sorg­fäl­ti­ger als sonst sei­nes Weges zu gehen15.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Juli 2019 – VI ZR 184/​18

  1. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 14.02.2017 – VI ZR 254/​16, VersR 2017, 563 7, 10; vom 12.06.2012 – VI ZR 138/​11, VersR 2012, 1050 Rn. 10; jeweils mwN []
  2. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 12.06.2012 – VI ZR 138/​11, VersR 2012, 1050 Rn. 10 mwN []
  3. so bereits BGH, Urteil vom 22.11.1965 – III ZR 32/​65, VersR 1966, 90 35 f., und Beschluss vom 21.05.1982 – III ZR 165/​81, VersR 1983, 162; vgl. auch BGH, Urteil vom 12.06.2012 – VI ZR 138/​11, VersR 2012, 1050 Rn. 10; BGH, Urteil vom 21.02.2018 – VIII ZR 255/​16, VersR 2018, 756 Rn. 27; jeweils mwN []
  4. vgl. nur BGH, Urteil vom 25.02.2014 – VI ZR 299/​13, VersR 2014, 642 Rn. 8 f.; BGH, Urteil vom 19.07.2018 – VI ZR 251/​17, VersR 2019, 53 Rn. 17 f.; jeweils mwN []
  5. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.1965 – III ZR 32/​65, VersR 1966, 90 36; OLG Zwei­brü­cken, MDR 1999, 612 11 []
  6. vgl. OLG Cel­le, MDR 2005, 273, 274 9 []
  7. BGH, Urteil vom 20.11.1984 – VI ZR 169/​83, NJW 1985, 482, 483 []
  8. vgl. OLG Karls­ru­he, Urteil vom 18.04.2012 7 U 254/​10 10; OLG Bran­den­burg, Urteil vom 29.03.2007 12 U 171/​06 3; OLG Düs­sel­dorf, VersR 2000, 1381 2; LG Mann­heim, VersR 1993, 492; Zie­gen­hardt, NJW­Spe­zi­al 2015, 9; Beck­OK BGB/​Förs­ter § 823 Rn. 469; Staudinger/​Hager [2009] BGB § 823 E 142; Lan­ge in juris­PK-BGB, 8. Aufl., § 823 Rn. 156 []
  9. z.B. von Leer­gut []
  10. vgl. LG Mann­heim, VersR 1993, 492; Staudinger/​Hager [2009] BGB § 823 E 142 []
  11. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.1965 – III ZR 32/​65, VersR 1966, 90 37, wonach das Bestehen ledig­lich einer Mög­lich­keit zum gefahr­lo­sen Ver­las­sen des Plat­zes oder zum gefahr­lo­sen Errei­chen der Wagen genügt; für eine wei­ter­ge­hen­de Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht offen­bar LG Mann­heim, VersR 1993, 492; Staudinger/​Hager [2009] BGB § 823 E 142; Lan­ge in juris­PK-BGB, 8. Aufl., § 823 Rn. 157 []
  12. vgl. OLG Mün­chen, Beschluss vom 21.06.2010 1 U 2681/​10 6 mwN; OLG Cel­le, MDR 2005, 273, 274 9 []
  13. OLG Schles­wig, Urteil vom 17.04.2018 11 U 67/​17 []
  14. vgl. OLG Zwei­brü­cken, MDR 1999, 612 11; zur Unter­su­chungs­pflicht des Park­platz­be­trei­bers im Bereich der Park­flä­che vgl. OLG Mün­chen, OLGR Mün­chen 2009, 316 4 []
  15. BGH, Urtei­le vom 21.02.2018 – VIII ZR 255/​16, VersR 2018, 756 Rn. 27; vom 09.10.2003 – III ZR 8/​03, NJW 2003, 3622, 3624 21 []