Die über­gan­ge­ne Par­tei­ver­nah­me

Das Über­ge­hen des Beweis­an­trags der Beklag­ten auf Ver­neh­mung des Klä­gers als Par­tei ver­letzt das aus § 525 Satz 1, § 286 ZPO fol­gen­de Gebot, sich mit dem Streit­stoff umfas­send aus­ein­an­der­zu­set­zen und den Sach­ver­halt durch die Erhe­bung der ange­tre­te­nen Bewei­se mög­lichst voll­stän­dig auf­zu­klä­ren 1.

Die über­gan­ge­ne Par­tei­ver­nah­me

Im vor­lie­gen­den Fall war das Beweis­an­ge­bot der Beklag­ten erheb­lich: Die Beklag­te hat eine für die Ent­schei­dung wesent­li­che Tat­sa­che – Feh­len der Kau­sa­li­tät zwi­schen Pflicht­ver­let­zung und Scha­den – unmit­tel­bar selbst zum Gegen­stand des Beweis­an­trags gemacht. Stell­te sich der Sach­vor­trag in der Beweis­auf­nah­me als rich­tig her­aus, stün­de die feh­len­de Kau­sa­li­tät der Pflicht­ver­let­zung fest. Wei­te­re Ein­zel­hei­ten oder Erläu­te­run­gen sind zur Sub­stan­ti­ie­rung des Beweis­an­trags auf Ver­neh­mung des Geg­ners als Par­tei grund­sätz­lich nicht erfor­der­lich 2.

Ein unbe­acht­li­cher, auf Aus­for­schung zie­len­der Beweis­er­mitt­lungs­an­trag, der auf der will­kür­li­chen Behaup­tung einer bestimm­ten Moti­va­ti­ons­la­ge "aufs Gera­te­wohl" oder "ins Blaue hin­ein" grün­de­te, ist nicht gege­ben. Die Beklag­te hat mit dem Ver­weis auf die Moti­va­ti­on des Klä­gers, Steu­ern zu spa­ren, einen anläss­lich sei­ner infor­ma­to­ri­schen Anhö­rung vom Klä­ger bestä­tig­ten Anhalts­punkt vor­ge­tra­gen, der dafür spricht, dass der Klä­ger auch in Kennt­nis der Rück­ver­gü­tun­gen die Betei­li­gun­gen gezeich­net hät­te. Ange­sichts des­sen kann eine Behaup­tung ins Blaue hin­ein nicht ange­nom­men wer­den, zumal die Par­tei­ver­neh­mung nach § 445 Abs. 1 ZPO nicht die Wahr­schein­lich­keit der unter Beweis gestell­ten Tat­sa­che zur Vor­aus­set­zung hat 3. Schließ­lich stand der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät der Par­tei­ver­neh­mung nach § 445 Abs. 1 ZPO der Beweis­erhe­bung nicht ent­ge­gen. Für die unmit­tel­ba­re Beweis­füh­rung zur Moti­va­ti­on des Klä­gers steht kein ande­res Beweis­mit­tel zur Ver­fü­gung.

Die wei­te­re Begrün­dung des Ober­lan­des­ge­richts im Beru­fungs­ur­teil 4, auf­grund der Anga­ben des Klä­gers anläss­lich sei­ner infor­ma­to­ri­schen Anhö­rung durch das Land­ge­richt las­se sich nicht sagen, "dass sei­ne Ent­schei­dung von der Kennt­nis einer Rück­ver­gü­tung unbe­ein­flusst geblie­ben wäre", stellt ihrer­seits eine ver­fah­rens­feh­ler­haft vor­weg­ge­nom­me­ne Beweis­wür­di­gung dar, auf deren Grund­la­ge das Beru­fungs­ge­richt nicht davon aus­ge­hen durf­te, die Kau­sa­li­täts­ver­mu­tung sei nicht wider­legt. Dabei kann dahin­ste­hen, ob eine Anhö­rung nach § 141 ZPO über­haupt geeig­net wäre, die von der Beklag­ten bean­trag­te Ver­neh­mung des Klä­gers als Par­tei zu erset­zen 5. Denn nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts wur­de die infor­ma­to­ri­sche Anhö­rung des Klä­gers "an die­sem Punkt […] abge­bro­chen". Sie bot mit­hin in kei­nem Fall eine hin­rei­chen­de Grund­la­ge für die Über­zeu­gungs­bil­dung des Beru­fungs­ge­richts.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Febru­ar 2014 – XI ZR 398/​12

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.01.2002 – XI ZR 86/​01, WM 2002, 557; vom 18.11.2003 – XI ZR 332/​02, WM 2004, 27, 31; vom 20.01.2004 – XI ZR 460/​02, WM 2004, 521, 524; und vom 11.05.2004 – XI ZR 22/​03, BGHR ZPO § 286 Abs. 1 Beweis­wür­di­gung 7[]
  2. BGH, Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, BGHZ 193, 159 Rn. 39[]
  3. BGH, Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, BGHZ 193, 159 Rn. 39; BGH, Urteil vom 06.07.1960 – IV ZR 322/​59, BGHZ 33, 63, 66[]
  4. OLG Cel­le, Urteil vom 10.10.2012 – 3 U 70/​12[]
  5. dage­gen BGH, Beschluss vom 28.04.2011 – V ZR 220/​10[]