Die Über­wa­chungs­ka­me­ra auf dem Nach­bar­grund­stück

Bei der Instal­la­ti­on von Über­wa­chungs­ka­me­ras auf einem pri­va­ten Grund­stück kann das Per­sön­lich­keits­recht eines ver­meint­lich über­wach­ten Nach­barn schon auf­grund einer Ver­dachts­si­tua­ti­on beein­träch­tigt sein. Allein die hypo­the­ti­sche Mög­lich­keit einer Über­wa­chung reicht dazu aber nicht aus.

Die Über­wa­chungs­ka­me­ra auf dem Nach­bar­grund­stück

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits frü­her ent­schie­den, dass die Her­stel­lung von Bild­nis­sen einer Per­son, ins­be­son­de­re die Film­auf­zeich­nung mit­tels einer Video­ka­me­ra, auch in der Öffent­lich­keit zugäng­li­chen Berei­chen, etwa auf einem öffent­li­chen Weg, einen unzu­läs­si­gen Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht des Betrof­fe­nen dar­stel­len kann, selbst wenn kei­ne Ver­brei­tungs­ab­sicht besteht, wobei die Fra­ge, ob ein der­ar­ti­ger rechts­wid­ri­ger Ein­griff anzu­neh­men ist, nur unter Wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls und durch Vor­nah­me einer die (verfassungs-)rechtlich geschütz­ten Posi­tio­nen der Betei­lig­ten berück­sich­ti­gen­den Güter- und Inter­es­sen­ab­wä­gung beant­wor­tet wer­den kann 1. Eine Video­über­wa­chung greift in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht der Betrof­fe­nen in sei­ner Aus­prä­gung als Recht der infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mung ein; die­ses Recht umfasst die Befug­nis des Ein­zel­nen, grund­sätz­lich selbst zu ent­schei­den, wann und inner­halb wel­cher Gren­zen per­sön­li­che Lebens­sach­ver­hal­te offen­bart wer­den, und daher grund­sätz­lich selbst über die Preis­ga­be und Ver­wen­dung per­sön­li­cher Daten zu bestim­men 2. Bei der Instal­la­ti­on von Anla­gen der Video­über­wa­chung auf einem Pri­vat­grund­stück muss des­halb sicher­ge­stellt sein, dass weder der angren­zen­de öffent­li­che Bereich noch benach­bar­te Pri­vat­grund­stü­cke oder der gemein­sa­me Zugang zu die­sen 3 von den Kame­ras erfasst wer­den, sofern nicht ein das Per­sön­lich­keits­recht der Betrof­fe­nen über­wie­gen­des Inter­es­se des Betrei­bers der Anla­ge im Rah­men der Abwä­gung bejaht wer­den kann.

Ein Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht Drit­ter liegt vor, wenn die­se durch die Über­wa­chung tat­säch­lich betrof­fen sind. Kann dies fest­ge­stellt wer­den und ergibt die erfor­der­li­che Abwä­gung, dass das Inter­es­se des Betrei­bers der Anla­ge das Per­sön­lich­keits­recht der Betrof­fe­nen nicht über­wiegt, ist der Unter­las­sungs­an­spruch begrün­det.

Ein Unter­las­sungs­an­spruch kann auch bestehen, wenn Drit­te eine Über­wa­chung durch Über­wa­chungs­ka­me­ras objek­tiv ernst­haft befürch­ten müs­sen ("Über­wa­chungs­druck") 4. In der Recht­spre­chung wird aller­dings ein Anspruch auf Unter­las­sung des Betriebs sol­cher Video­ka­me­ras, die auf das Nach­bar­grund­stück ledig­lich aus­rich­t­bar sind, ver­neint, wenn der Nach­bar die Anfer­ti­gung von Auf­nah­men ledig­lich befürch­tet und die Kame­ras nur mit erheb­li­chem und äußer­lich wahr­nehm­ba­rem Auf­wand, also nicht etwa nur durch das Betä­ti­gen einer Steue­rungs­an­la­ge, auf sein Grund­stück gerich­tet wer­den kön­nen 5.

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs kommt es inso­weit auf die Umstän­de des Ein­zel­falls an. Die Befürch­tung, durch vor­han­de­ne Über­wa­chungs­ge­rä­te über­wacht zu wer­den, ist dann gerecht­fer­tigt, wenn sie auf­grund kon­kre­ter Umstän­de als nach­voll­zieh­bar und ver­ständ­lich erscheint, etwa im Hin­blick auf einen eska­lie­ren­den Nach­barstreit 6 oder auf­grund objek­tiv Ver­dacht erre­gen­der Umstän­de. Lie­gen sol­che Umstän­de vor, kann das Per­sön­lich­keits­recht des (ver­meint­lich) Über­wach­ten schon auf­grund der Ver­dachts­si­tua­ti­on beein­träch­tigt sein. Allein die hypo­the­ti­sche Mög­lich­keit einer Über­wa­chung durch Video­ka­me­ras und ähn­li­che Über­wa­chungs­ge­rä­te beein­träch­tigt hin­ge­gen das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht der­je­ni­gen, die dadurch betrof­fen sein könn­ten, nicht. Des­halb ist die Instal­la­ti­on einer Über­wa­chungs­an­la­ge auf einem pri­va­ten Grund­stück nicht rechts­wid­rig, wenn objek­tiv fest­steht, dass dadurch öffent­li­che und frem­de pri­va­te Flä­chen nicht erfasst wer­den, wenn eine sol­che Erfas­sung nur durch eine äußer­lich wahr­nehm­ba­re tech­ni­sche Ver­än­de­rung der Anla­ge mög­lich ist und wenn auch sonst Rech­te Drit­ter nicht beein­träch­tigt wer­den. Inso­weit kommt etwa die Beein­träch­ti­gung der Rech­te von Mie­tern in einem pri­va­ten Miet­haus 7, von Betrof­fe­nen in einer Woh­nungs­ei­gen­tums­an­la­ge 8, aber auch von Grund­stücks­nach­barn in Betracht.

Nach die­sem Maß­stab hat das Beru­fungs­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall zu Recht ange­nom­men 9, dass den Nach­barn der Klä­ger kein Unter­las­sungs­an­spruch zustand. Ihr Per­sön­lich­keits­recht war nicht ver­letzt. Denn nach den von der Revi­si­on nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts erfass­ten die von den Klä­gern instal­lier­ten Kame­ras aus­schließ­lich deren eige­nes Grund­stück, wobei die­se Aus­rich­tung nur durch äußer­lich wahr­nehm­ba­re Arbei­ten hät­te geän­dert wer­den kön­nen. Kon­kre­te Grün­de für den Ver­dacht der Nach­barn, die Über­wa­chung kön­ne sich auch auf ihr Grund­stück erstre­cken, sind nicht fest­ge­stellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. März 2010 – VI ZR 176/​09

  1. BGH, Urteil vom 25.04.1995 – VI ZR 272/​94, VersR 1995, 841 ff.[]
  2. vgl. BVerfGE 65, 1, 42 f.; 67, 100, 143; BVerfG, NVwZ 2007, 688 ff.; NJW 2009, 3293 f.[]
  3. vgl. dazu BGH, Urteil vom 25.04.1995 – VI ZR 272/​94, a.a.O.; OLG Karls­ru­he, OLGR 1999, 83 f.; AG Nür­tin­gen, NJW-RR 2009, 377 f.[]
  4. vgl. dazu etwa LG Bonn, NJW-RR 2005, 1067 ff.; LG Darm­stadt, NZM 2000, 360; AG Win­sen, Urteil vom 30.12.2005 – 16 C 1642/​05[]
  5. vgl. LG Bie­le­feld, NJW-RR 2008, 327 f.; LG Itze­hoe, NJW-RR 1999, 1394 f.[]
  6. vgl. OLG Köln, NJW 2009, 1827[]
  7. vgl. dazu etwa KG, WuM 2008, 663; LG Darm­stadt, aaO; Horst, NZM 2000, 937, 940[]
  8. vgl. KG, NZM 2002, 702 f.; OLG Karls­ru­he, NZM 2002, 703 f.; Huff, NZM 2002, 89 ff., 688 f.[]
  9. LG Pots­dam, Urteil vom 22.04.2009 – 13 S 9/​09[]