Die Ufer­kra­wat­te am Boden­see in Würt­tem­berg

Die "Ufer­kra­wat­te" am Boden­see gehört dem Land Baden-Würt­tem­berg. Das ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof.

Die Ufer­kra­wat­te am Boden­see in Würt­tem­berg

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on in einem Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart 1 zurück­ge­wie­sen, das auf die Kla­ge eines Eigen­tü­mer eines im würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­teil bele­ge­nen und an den Boden­see gren­zen­den Grund­stücks erging und die Eigen­tums­ver­hält­nis­se am Ufer des Boden­sees zum Gegen­stand hat. Das Land Baden-Würt­tem­berg ist (öffent­lich-recht­li­cher) Eigen­tü­mer des Bet­tes des Boden­sees. Der Klä­ger ver­langt gegen­über dem Land die Fest­stel­lung, dass sich sein Grund­stück über eine bestehen­de Abmar­kung hin­aus auf einen wei­te­ren 118 m² gro­ßen Teil des Ufers bis zur Linie des Mit­tel­was­ser­stan­des des Boden­sees erstreckt.

Dies hat fol­gen­den his­to­ri­schen Hin­ter­grund:

Unter Gel­tung des Art. 7 Abs. 3 des Würt­tem­ber­gi­schen Was­ser­ge­set­zes vom 1. Dezem­ber 1900 wur­de die Gren­ze zwi­schen dem Bett des Gewäs­sers und den Ufern der öffent­li­chen Gewäs­ser (die Ufer­li­nie) durch den­je­ni­gen Was­ser­stand bestimmt, wel­cher der regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Anschwel­lung des Gewäs­sers ent­sprach, d.h. der Linie des mitt­le­ren Hoch­was­ser­stands.

Am 1. März 1960 trat das Baden-Würt­tem­ber­gi­sche Was­ser­ge­setz (bwWG) in Kraft, das das Würt­tem­ber­gi­sche Was­ser­ge­setz ersetz­te. Gemäß § 7 Abs. 1 bwWG wird die Gren­ze zwi­schen dem Bett eines Gewäs­sers und den Ufer­grund­stü­cken (Ufer­li­nie) seit­dem durch die Linie des Mit­tel­was­ser­stands defi­niert. Der Mit­tel­was­ser­stand bestimmt sich nach dem arith­me­ti­schen Mit­tel der Was­ser­stän­de der letz­ten 20 Jah­re. Sie liegt damit unter­halb der zuvor maß­geb­li­chen Ufer­li­nie.

Der Klä­ger hat gel­tend gemacht, ihm sei auf­grund der gesetz­li­chen see­wär­ti­gen Ver­schie­bung der Ufer­li­nie wei­te­res Eigen­tum von Geset­zes wegen zuge­wach­sen. Die auf Fest­stel­lung sei­nes Eigen­tums an der ent­spre­chen­den Flä­che, der soge­nann­ten Ufer­kra­wat­te, gerich­te­te Kla­ge ist vor dem erst­in­stanz­lich hier­mit befass­ten Land­ge­richt Ravens­burg ohne Erfolg geblie­ben 2, das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hat die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung des Klä­gers zurück­ge­wie­sen 1 und dabei zur Begrün­dung auf sein bereits 1970 ergan­ge­nes Urteil ver­wie­sen, wonach die durch die Ver­schie­bung der Ufer­li­nie aus dem öffent­li­chen Eigen­tum des Lan­des aus­ge­schie­de­nen Flä­chen nicht dem Eigen­tum an den Anlie­ger­grund­stü­cken zuwuch­sen, son­dern zunächst her­ren­los wur­den. Zwi­schen­zeit­lich sei, so das OLG Stutt­gart wei­ter, gemäß dem 1996 in Kraft getre­te­nen § 123a bwWG an der "Ufer­kra­wat­te" Eigen­tum des Lan­des begrün­det wor­den.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun die gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on gerich­te­te Beschwer­de des Klä­gers zurück­ge­wie­sen:

Ein Grund zur Zulas­sung der Revi­si­on gemäß § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO besteht nicht. Die Rechts­fra­ge, ob die see­wär­ti­ge Ver­schie­bung der Ufer­li­nie infol­ge der Neu­re­ge­lung des § 7 Abs. 1 bwWG zu einem Eigen­tums­zu­wachs bei den Anlie­ger­grund­stü­cken führ­te, hat kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung. Sie ist bereits abschlie­ßend durch das Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart aus dem Jahr 1970 geklärt wor­den. Seit­her ist die Rechts­la­ge auch in der rechts­wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur nicht mehr bestrit­ten wor­den. Es bedarf des­halb kei­ner rich­tungs­wei­sen­den Ori­en­tie­rungs­hil­fe durch ein höchst­rich­ter­li­ches Urteil mehr. Ent­ge­gen der Ansicht der Beschwer­de ist eine Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts auch nicht zur Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung erfor­der­lich. Ins­be­son­de­re sind die bei­den ein­ge­hend begrün­de­ten und abge­wo­ge­nen Ent­schei­dun­gen des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart aus dem Jahr 1970 und die nun­mehr ange­foch­te­ne nicht will­kür­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Sep­tem­ber 2019 – III ZR 218/​18

  1. OLG Stutt­gart, Urteil vom 24.09.2018 – 9 U 81/​18[][]
  2. LG Ravens­burg, Urteil vom 18.04.2018 – 6 O 156/​17[]