Die unbe­rech­tig­te Grab­pfle­ge

Das Toten­für­sor­ge­recht umfasst unter ande­rem das Recht, für die Bestat­tung zu sor­gen1. Dies schließt die Bestim­mung der Gestal­tung und des Erschei­nungs­bil­des einer Grab­stät­te ein. Das Toten­für­sor­ge­recht beinhal­tet dar­über hin­aus die Befug­nis zu deren Pfle­ge und zur Auf­recht­erhal­tung deren Erschei­nungs­bilds2.

Die unbe­rech­tig­te Grab­pfle­ge

Das Toten­für­sor­ge­recht ist ein sons­ti­ges Recht im Sin­ne von § 823 Abs. 1 BGB, das im Fal­le sei­ner Ver­let­zung Ansprü­che auf Scha­dens­er­satz sowie auf Besei­ti­gung und Unter­las­sung von Beein­träch­ti­gun­gen ent­spre­chend § 1004 BGB begrün­den kann3.

Die Grab­stät­te dient nicht nur der Auf­nah­me des Sargs oder der Urne; als Ort des Erin­nerns und Geden­kens an den Ver­stor­be­nen ist ihre Bedeu­tung viel­mehr auch in die Zukunft gerich­tet.

Beherr­schen­der Grund­satz des Toten­für­sor­ge­rechts ist die Maß­geb­lich­keit des Wil­lens des Ver­stor­be­nen4. Die­ser kann nicht nur die Art und Wei­se sei­ner Bestat­tung sowie den Ort der letz­ten Ruhe­stät­te, son­dern auch die­je­ni­ge Per­son, die er mit der Wahr­neh­mung die­ser Belan­ge betraut, bestim­men5. Der vom Ver­stor­be­nen Beru­fe­ne ist berech­tigt, den Wil­len des Ver­stor­be­nen not­falls auch gegen den Wil­len von (wei­te­ren) Ange­hö­ri­gen zu erfül­len6. Wenn und soweit ein Wil­le des Ver­stor­be­nen nicht erkenn­bar ist, kann der Toten­für­sor­ge­be­rech­tig­te über die Art der Bestat­tung ent­schei­den und den Ort der letz­ten Ruhe­stät­te aus­wäh­len7.

Bei der Ermitt­lung des für die Wahr­neh­mung der Toten­für­sor­ge maß­ge­ben­den Wil­lens des Ver­stor­be­nen kommt es nicht nur auf des­sen aus­drück­li­che Wil­lens­be­kun­dun­gen, etwa in einer letzt­wil­li­gen Ver­fü­gung, an. Es genügt, wenn der Wil­le aus den Umstän­den mit Sicher­heit geschlos­sen wer­den kann8.

Nach die­sen Maß­stä­ben war im hier ent­schie­de­nen Fall eine Toch­ter der ver­stor­be­nen Ehe­leu­te toten­für­sor­ge­be­rech­tigt, denn bei­de Eltern hat­ten die­se Toch­ter und nicht deren Nich­te dar­um gebe­ten, sich um die Aus­wahl und Pfle­ge einer Grab­stät­te für die­se zu küm­mern. Damit hat deren Nich­te (eine Enke­lin der Ver­stor­be­nen) durch die fest­ge­stell­te Abla­ge von Gegen­stän­den das Toten­für­sor­ge­recht der Toch­ter ver­letzt. Das Erschei­nungs­bild der Grab­stät­te wur­de durch die von der Nich­te abge­leg­ten Gegen­stän­de in unzu­läs­si­ger Wei­se ver­än­dert. Die­se Ver­än­de­rung wider­sprach dem Wil­len des Ver­stor­be­nen, der aus­drück­lich eine natur­na­he Gestal­tung des Baum­grabs gewünscht hat­te. Die Toch­ter ist als Toten­für­sor­ge­be­rech­tig­te befugt, den vom Ver­stor­be­nen geäu­ßer­ten Wil­len durch­zu­set­zen und in dem von die­sem gesetz­ten Rah­men zu kon­kre­ti­sie­ren.

Abwei­chen­des ergab sich im vor­lie­gen­den Fall auch nicht aus einer Vor­schrift der Fried­hofs­ord­nung. Die­se Vor­schrift regelt nur, wer die Grab­stät­te anlegt und pflegt. Dar­aus folgt nicht, dass Toten­für­sor­ge­be­rech­tig­te unzu­läs­si­ge Beein­träch­ti­gun­gen des Erschei­nungs­bilds von Grab­stät­ten nicht aus eige­nem Recht abweh­ren könn­ten. Ande­ren Vor­schrif­ten der Fried­hofs­ord­nung oder deren Rege­lungs­zu­sam­men­hang ist eben­falls nicht zu ent­neh­men, dass das Ver­hal­ten auf dem Fried­hof aus­schließ­lich öffent­lich­recht­li­chen Bin­dun­gen unter­lä­ge und die Toch­ter gegen ihre Nich­te inso­weit kei­ne zivil­recht­li­chen Ansprü­che gel­tend machen könn­te. Es exis­tiert auch kein all­ge­mei­ner Grund­satz, dass Fra­gen "kon­kur­rie­ren­der Grab­nut­zungs­an­sprü­che" aus­schließ­lich Pro­ble­me der "Ord­nung auf dem Fried­hof" dar­stell­te und für deren Auf­recht­erhal­tung letzt­lich die Fried­hofs­ver­wal­tun­gen zustän­dig sei­en9.

Es bedarf im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang kei­ner Klä­rung, ob und gege­be­nen­falls inwie­weit ein Gemein­ge­brauch auf Fried­hö­fen dazu berech­tigt, zum Bei­spiel Grab­schmuck nie­der­zu­le­gen, und ob dadurch Abwehr­rech­te von Toten­für­sor­ge­be­rech­tig­ten ein­ge­schränkt wer­den10. Denn das Ver­hal­ten der Nich­te ver­stieß gegen die Benut­zungs­vor­schrif­ten des Fried­hofs und wäre daher nicht von einem Gemein­ge­brauch umfasst.

Die für den Unter­las­sungs­an­spruch erfor­der­li­che Wie­der­ho­lungs­ge­fahr wird durch das fest­ge­stell­te rechts­ver­let­zen­de Ver­hal­ten der Nich­te indi­ziert11.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Febru­ar 2019 – VI ZR 272/​18

  1. Anschluss BGH, Beschluss vom 26.11.2015 – III ZB 62/​14, Fam­RZ 2016, 301 Rn. 12; Urteil vom 26.02.1992 XII ZR 58/​91, NJW-RR 1992, 834 unter – II 1 9; Zim­mer­mann, ZEV 1997, 440; Fritz, BWNotZ 1992, 137; vgl. zur Her­lei­tung des Toten­für­sor­ge­rechts Schön­ber­ger, Post­mor­ta­ler Per­sön­lich­keits­schutz [2011], S. 93 ff.; zu Hohen­lo­he, GewArch 2018, 169, 172 f.; Stelkens/​Wabnitz, GewArch Bei­la­ge WiVerw 2016, 11 ff.; sie­he wei­ter zu den Pflich­ten des Toten­für­sor­ge­be­rech­tig­ten BGH, Beschluss vom 26.11.2015 – III ZB 62/​14, Fam­RZ 2016, 301 Rn. 12; Urtei­le vom 14.12 2011 – IV ZR 132/​11, NJW 2012, 1651 Rn. 10; vom 17.11.2011 – III ZR 53/​11, BGHZ 191, 325 Rn. 12; Kar­c­zew­ski, ZEV 2017, 129, 130 ff.; Gutzeit/​Vrban, NJW 2012, 1630, 1631/​1633; Küp­per, in: Münch­Komm-BGB, 7. Aufl., § 1968 Rn. 7 Fn. 51; Stelkens/​von Beau­vais, GewArch Bei­la­ge WiVerw 2017, 1, 13 f. []
  2. vgl. OLG Frank­furt, Urteil vom 23.03.1989 16 U 82/​88, NJW-RR 1989, 1159 23; KG, Urteil vom 24.01.1969 16 U 1010/​68, Fam­RZ 1969, 414, 415; AG Gre­ven­broich, Urteil vom 15.12 1997 11 C 335/​97, NJW 1998, 2063, 2064 14; Zim­mer­mann, ZEV 1997, 440, 446; Fritz, BWNotZ 1992, 137; a.A. AG Ber­gen auf Rügen, Urteil vom 29.10.2014 25 C 133/​14, NJW-RR 2015, 648 3 unter Hin­weis auf die Kos­ten­tra­gungs­pflicht der Erben []
  3. vgl. OLG Naum­burg, Urteil vom 08.10.2015 1 U 72/​15, Fam­RZ 2016, 1106 Rn. 7; OLG Karls­ru­he, Urteil vom 26.07.2001 9 U 11/​01, NJW 2001, 2808 18; OLG Frank­furt, Urteil vom 23.03.1989 16 U 82/​88, NJW-RR 1989, 1159 23; KG, Urteil vom 24.01.1969 16 U 1010/​68, Fam­RZ 1969, 414, 415; LG Kiel, Urteil vom 05.07.1985 5 O 97/​85, Fam­RZ 1986, 56 29, 41; AG Osna­brück, Urteil vom 27.02.2015 15 C 568/​15, Fam­RZ 2016, 491 Rn.20; Lie­der, in: Erman, BGB 15. Aufl., § 1922 Rn. 34; Hager, in: Stau­din­ger, BGB [2017], § 823 Abs. 1 BGB B Rn.193; Palandt/​Sprau, BGB 78. Aufl., § 823 Rn.19; Palandt/​Weidlich, BGB 78. Aufl., Einl v § 1922 Rn. 12; Küp­per, in: Münch­Komm-BGB, 7. Aufl., § 1968 Rn. 7 Fn. 51; Fritz, BWNotZ 1992, 137; sie­he wei­ter BVerfG [K], Beschlüs­se vom 25.12 2016 1 BvR 1380/​11, NJW 2017, 947 Rn. 14 ff.; vom 18.01.1994 2 BvR 1912/​93, NJW 1994, 783 4 []
  4. vgl. BGH, Urteil vom 26.02.1992 XII ZR 58/​91, NJW-RR 1992, 834 unter – II 1 9 []
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 14.12 2011 – IV ZR 132/​11, NJW 2012, 1651 Rn. 10, 15; Urtei­le vom 17.11.2011 – III ZR 53/​11, BGHZ 191, 325 Rn. 11; vom 26.02.1992 XII ZR 58/​91, NJW-RR 1992, 834 unter – II 1 9; vom 26.10.1977 – IV ZR 151/​76, Fam­RZ 1978, 15 unter 1 6; Kar­c­zew­ski, ZEV 2017, 129, 130 []
  6. vgl. BGH, Urteil vom 26.02.1992 XII ZR 58/​91, NJW-RR 1992, 834 unter – II 1 9 []
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.12 2011 – IV ZR 132/​11, NJW 2012, 1651 Rn. 10; vom 26.02.1992 XII ZR 58/​91, NJW-RR 1992, 834 unter – II 1 9; vom 26.10.1977 – IV ZR 151/​76, Fam­RZ 1978, 15 unter 1 6; vom 20.09.1973 – III ZR 148/​71, BGHZ 61, 238 1 []
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 14.12 2011 – IV ZR 132/​11, NJW 2012, 1651 Rn. 15 ; Urtei­le vom 26.02.1992 XII ZR 58/​91, NJW-RR 1992, 834 unter – II 19; vom 26.10.1977 – IV ZR 151/​76, Fam­RZ 1978, 15 unter 1 9; Kar­c­zew­ski, ZEV 2017, 129, 130 []
  9. so aber Stelkens/​Wabnitz, GewArch Bei­la­ge WiVerw 2016, 11, 20 f.; Bart­hel, GewArch Bei­la­ge WiVerw 2016, 22, 24 jeweils unter Bezug­nah­me auf LG Bonn, Urteil vom 12.06.1957 7 O 34/​57, MDR 1957, 610 []
  10. vgl. dazu Stelkens/​Wabnitz, GewArch Bei­la­ge WiVerw 2016, 11, 20 f.; Stel­kens, GewArch Bei­la­ge WiVerw 2015, 45, 47 f.; Bart­hel, GewArch Bei­la­ge WiVerw 2016, 22 f.; Brü­ning, GewArch Bei­la­ge WiVerw 2016, 37, 41 []
  11. vgl. BGH, Urtei­le vom 04.12 2018 – VI ZR 128/​18 9; vom 10.07.2018 – VI ZR 225/​17, NJW 2018, 3506 Rn. 26; vom 27.02.2018 – VI ZR 86/​16, NJW 2018, 2489 Rn. 33; BGH, Urteil vom 12.09.2013 – I ZR 208/​12, GRUR 2013, 1259 Rn. 25 f. mwN Emp­feh­lungs­EMail []