Die unle­ser­li­che Unter­schrift unter den Beru­fungs­schrift­sät­zen

Ein ver­ein­fach­ter und nicht les­ba­rer Namens­zug ist als Unter­schrift anzu­er­ken­nen, wenn der Schrift­zug indi­vi­du­el­le und cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le auf­weist, die die Nach­ah­mung erschwe­ren, sich als Wie­der­ga­be eines Namens dar­stellt und die Absicht einer vol­len Unter­schrift erken­nen lässt.

Die unle­ser­li­che Unter­schrift unter den Beru­fungs­schrift­sät­zen

Ist ein Schrift­zug so oder gering­fü­gig abwei­chend all­ge­mein von den Gerich­ten über län­ge­re Zeit als in sehr ver­kürz­ter Wei­se geleis­te­te Unter­schrift unbe­an­stan­det geblie­ben, darf der Rechts­an­walt dar­auf ver­trau­en, dass die Unter­schrift den in der Recht­spre­chung aner­kann­ten Anfor­de­run­gen ent­spricht. Will das Gericht die über län­ge­re Zeit nicht bean­stan­de­te Form der Unter­schrift nicht mehr hin­neh­men, gebie­tet der ver­fas­sungs­recht­li­che Ver­trau­ens­schutz über den Anspruch auf fai­re Ver­fah­rens­ge­stal­tung hin­aus gegen­über dem Rechts­an­walt eine Vor­war­nung.

Die auf der unzu­tref­fen­den Annah­me einer nicht ord­nungs­ge­mäß unter­zeich­ne­ten Beru­fungs­schrift beru­hen­de Ver­wer­fung der Beru­fung als unzu­läs­sig ver­letzt die betrof­fe­ne Par­tei in ihren Ver­fah­rens­grund­rech­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG und auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes gemäß Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip 1.

Im hier ent­schie­de­nen Fall ver­lang­te der Klä­ger von der Beklag­ten Scha­dens­er­satz für sei­ne Ver­lus­te aus Bör­sen­ter­min­ge­schäf­ten. Gegen das erst­in­stanz­li­che statt­ge­ben­de Urteil leg­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten am letz­ten Tag der Beru­fungs­frist Beru­fung ein, die er inner­halb ver­län­ger­ter Frist begrün­de­te. In der Beru­fungs­er­wi­de­rung rüg­te der Klä­ger unter ande­rem, die Beru­fung sei nicht form- und frist­ge­recht ein­ge­legt wor­den, da sowohl Beru­fungs­schrift als auch Beru­fungs­be­grün­dung nicht ord­nungs­ge­mäß unter­schrie­ben sei­en. Dar­auf­hin wies das Beru­fungs­ge­richt die Beklag­te dar­auf hin, dass frag­lich erschei­ne, ob die Zei­chen unter der Beru­fungs- und der Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift eine Unter­schrift dar­stell­ten. Die Beklag­te bean­trag­te dar­auf­hin vor­sorg­lich Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs- und der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist. Das Beru­fungs­ge­richt hat die Beru­fung und den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag der Beklag­ten ver­wor­fen 2.

Der Bun­des­ge­richts­hof sah die hier­ge­gen gerich­te­te Rechts­be­schwer­de als begrün­det an: Das Beru­fungs­ge­richt durf­te die Beru­fung der Beklag­ten nicht gemäß § 522 Abs. 1 Satz 2 ZPO mit der Begrün­dung ver­wer­fen, die Beru­fungs­schrift sei nicht ord­nungs­ge­mäß unter­zeich­net und die Beru­fung damit nicht form- und frist­ge­recht ein­ge­legt.

Die Beru­fungs­schrift muss als bestim­men­der Schrift­satz im Anwalts­pro­zess grund­sätz­lich von einem beim Beru­fungs­ge­richt pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen Rechts­an­walt eigen­hän­dig unter­schrie­ben sein (§ 130 Nr. 6, § 519 Abs. 4 ZPO). Die Unter­schrift soll die Iden­ti­fi­zie­rung des Urhe­bers der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung ermög­li­chen und des­sen unbe­ding­ten Wil­len zum Aus­druck brin­gen, die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes zu über­neh­men 3. Zugleich soll sicher­ge­stellt wer­den, dass es sich bei dem Schrift­stück nicht nur um einen Ent­wurf han­delt, son­dern dass es mit Wis­sen und Wil­len des Berech­tig­ten dem Gericht zuge­lei­tet wor­den ist 4.

Eine den Anfor­de­run­gen des § 130 Nr. 6 ZPO genü­gen­de Unter­schrift setzt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs einen die Iden­ti­tät des Unter­zeich­nen­den aus­rei­chend kenn­zeich­nen­den Schrift­zug vor­aus, der indi­vi­du­el­le und ent­spre­chend cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le auf­weist, die die Nach­ah­mung erschwe­ren, der sich als Wie­der­ga­be eines Namens dar­stellt und der die Absicht einer vol­len Unter­schrift erken­nen lässt, selbst wenn er nur flüch­tig nie­der­ge­legt und von einem star­ken Abschlei­fungs­pro­zess gekenn­zeich­net ist. Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kann selbst ein ver­ein­fach­ter und nicht les­ba­rer Namens­zug als Unter­schrift anzu­er­ken­nen sein, wobei ins­be­son­de­re von Bedeu­tung ist, ob der Unter­zeich­ner auch sonst in glei­cher oder ähn­li­cher Wei­se unter­schreibt. Dabei ist in Anbe­tracht der Varia­ti­ons­brei­te, die selbst Unter­schrif­ten ein und der­sel­ben Per­son auf­wei­sen, jeden­falls bei gesi­cher­ter Urhe­ber­schaft ein groß­zü­gi­ger Maß­stab anzu­le­gen 5.

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen han­delt es sich bei dem Schrift­zug auf der Beru­fungs­schrift um eine Unter­schrift im Sin­ne des § 130 Nr. 6 ZPO. Das Beru­fungs­ge­richt ist an sich von zutref­fen­den recht­li­chen Maß­stä­ben aus­ge­gan­gen; es hat jedoch die Anfor­de­run­gen an die Unter­schrift des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten auf der Beru­fungs­schrift über­spannt.

Ob die Beru­fungs­schrift der Pro­zess­ord­nung gemäß unter­zeich­net ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof von Amts wegen zu prü­fen. Die Zuläs­sig­keit der Beru­fung ist eine Pro­zess­vor­aus­set­zung, von der das gesam­te wei­te­re Ver­fah­ren nach Ein­le­gung der Beru­fung in sei­ner Gül­tig­keit und Rechts­wirk­sam­keit abhängt 6. Die hier­für erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen trifft der Bun­des­ge­richts­hof selb­stän­dig ohne Bin­dung an die Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­ge­richts 7.

Bei dem vom Beklag­ten­ver­tre­ter bei der Unter­zeich­nung der Beru­fungs­schrift ver­wen­de­ten Schrift­zug han­delt es sich um eine form­gül­ti­ge, ein­fach struk­tu­rier­te, gleich­wohl aber voll­stän­di­ge Namens­un­ter­schrift. Das Beru­fungs­ge­richt hat bei sei­ner abwei­chen­den Beur­tei­lung nicht hin­rei­chend beach­tet, dass für die Fra­ge, ob eine form­gül­ti­ge Unter­schrift vor­liegt, nicht die Les­bar­keit oder die Ähn­lich­keit des hand­schrift­li­chen Gebil­des mit den Namens­buch­sta­ben ent­schei­dend ist, son­dern es dar­auf ankommt, ob der Name voll­stän­dig, wenn auch nicht unbe­dingt les­bar, wie­der­ge­ge­ben wird 8.

Dem Beru­fungs­ge­richt ist dar­in zu fol­gen, dass die Unter­schrift kei­nen les­ba­ren Namens­zug erken­nen lässt. Sie besteht, wie die vom Beklag­ten zur Akte gereich­ten Schrift­pro­ben zei­gen, nach einem jahr­zehn­te­lan­gen suk­zes­si­ven Abschlei­fungs­pro­zess nur noch aus zwei von­ein­an­der abge­setz­ten Strich­bil­dern. Gleich­wohl weist der vom Beru­fungs­ge­richt zutref­fend als ein auf dem Kopf ste­hen­des, stark zuge­spitz­tes Häk­chen und davon abge­setzt als Vier­tel­kreis beschrie­be­ne Schrift­zug indi­vi­du­el­le Merk­ma­le auf, der ins­be­son­de­re wegen der unge­wöhn­li­chen Strich­füh­rung kei­nen ernst­haf­ten Zwei­fel dar­an auf­kom­men lässt, dass es sich um eine von ihrem Urhe­ber zum Zwe­cke der Indi­vi­dua­li­sie­rung und Legi­ti­mie­rung geleis­te­te Unter­schrift han­delt. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten weist dar­auf hin, dass er seit Jah­ren in die­ser Wei­se sei­ne Unter­schrift leis­te und auch dem Beru­fungs­ge­richt Schrift­stü­cke aus ande­ren Ver­fah­ren und dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren bekannt sei­en, wel­che sei­ne gleich gear­te­te Unter­schrift trü­gen. Das Beru­fungs­ge­richt stellt denn auch nicht in Fra­ge, dass die in der Akte befind­li­chen Schrift­sät­ze des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten durch­weg ein mehr oder weni­ger ähn­li­ches Zei­chen als Signa­tur auf­wei­sen. All die­se Unter­schrif­ten set­zen sich aus der glei­chen Kom­bi­na­ti­on von Strich­ele­men­ten zusam­men und sind ähn­lich gestal­tet. Offen­kun­dig gehen sie auf die immer glei­che mecha­ni­sche Bewe­gung des die Unter­schrift Leis­ten­den zurück. Das Beru­fungs­ge­richt zieht auch nicht in Zwei­fel, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten den Beru­fungs­schrift­satz wis­sent­lich und wil­lent­lich unter­zeich­net und sodann dem Beru­fungs­ge­richt zuge­lei­tet hat. Dem Sinn und Zweck des Unter­schrif­ten­er­for­der­nis­ses aus § 519 Abs. 4, § 130 Nr. 6 ZPO, die Iden­ti­fi­zie­rung des Urhe­bers der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung zu ermög­li­chen und des­sen unbe­ding­ten Wil­len zum Aus­druck zu brin­gen, die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes zu über­neh­men, ist danach mit der Unter­zeich­nung der Beru­fungs­schrift durch den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten Genü­ge getan.

Hin­zu­kommt, dass auch das Beru­fungs­ge­richt an der Autoren­schaft des Beklag­ten­ver­tre­ters kei­ne Zwei­fel hegt. Eine groß­zü­gi­ge Betrach­tungs­wei­se ist des­halb – wie dar­ge­legt – ohne­hin gebo­ten 9. Die Urhe­ber­schaft des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten wird dar­über hin­aus bestä­tigt durch die maschi­nen­schrift­li­che Namens­wie­der­ga­be nebst Berufs­be­zeich­nung 10.

Die Beru­fung der Beklag­ten ist danach recht­zei­tig und form­ge­recht ein­ge­legt wor­den. Zwar hat das Beru­fungs­ge­richt offen gelas­sen, ob die Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift ord­nungs­ge­mäß unter­zeich­net ist. Jedoch bestehen nach den dar­ge­leg­ten Grund­sät­zen auch inso­weit kei­ne berech­tig­ten Beden­ken. Das Beru­fungs­ge­richt hät­te dem­nach die Beru­fung nicht als unzu­läs­sig ver­wer­fen dür­fen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat daher den Ver­wer­fungs­be­schluss auf­ge­ho­ben und und die Sache an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen (§ 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. März 2015 – VI ZB 71/​14

  1. vgl. BVerfGE 79, 372, 375; BVerfG, NJW-RR 2002, 1004[]
  2. OLG Ham­burg, Beschluss vom 03.11.2014 – 5 U 21312[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 22.11.2005 – VI ZB 75/​04, VersR 2006, 387 Rn. 5; vom 15.06.2004 – VI ZB 9/​04, VersR 2005, 136; und vom 09.12 2003 – VI ZB 46/​03, BGH-Report 2004, 406; BGH, Beschlüs­se vom 26.04.2012 – VII ZB 36/​10, NJW-RR 2012, 1140 Rn. 7; vom 26.10.2011 – IV ZB 9/​11; vom 28.08.2003 – I ZB 1/​03, MDR 2004, 349, 350; Urtei­le vom 11.10.2005 – XI ZR 398/​04, NJW 2005, 3773, 3774; vom 31.03.2003 – II ZR 192/​02, VersR 2004, 487, 488[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 26.04.2012 – VII ZB 36/​10, aaO, Rn. 7; vom 26.10.2011 – IV ZB 9/​11[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 16.07.2013 – VIII ZB 62/​12, NJW-RR 2013, 1395 Rn. 11 f.; vom 26.04.2012 – VII ZB 36/​10, aaO, Rn. 8; vom 17.11.2009 – XI ZB 6/​09, NJW-RR 2010, 358 Rn. 12; vom 27.09.2005 – VIII ZB 105/​04, VersR 2006, 1661, Rn. 8 mwN; Urteil vom 11.10.2005 – XI ZR 398/​04, NJW 2005, 3773, 3774[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 26.06.1952 – IV ZR 36/​52, BGHZ 6, 369, 370[]
  7. BGH, Beschlüs­se vom 26.04.2012 – VII ZB 36/​10, NJW-RR 2012, 1140 Rn. 9; vom 09.02.2010 – VIII ZB 67/​09, Miet­Prax-Ak § 130 ZPO Nr. 1 Rn. 11; und vom 17.11.2009 – XI ZB 6/​09, NJW-RR 2010, 358 Rn. 13; Urteil vom 24.07.2001 – VIII ZR 58/​01, VersR 2002, 589[]
  8. vgl. hier­zu BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2010 – VIII ZB 67/​09, aaO, Rn. 11; vom 21.02.2008 – V ZB 96/​07, Grund­ei­gen­tum 2008, 539 Rn. 10; und vom 28.09.1998 – II ZB 19/​98, VersR 1999, 467 unter II. 1.[]
  9. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 27.09.2005 – VIII ZB 105/​04, VersR 2006, 1661 Rn. 8; vom 26.02.1997 – XII ZB 17/​97, Fam­RZ 1997, 737[]
  10. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 27.09.2005 – VIII ZB 105/​04, aaO Rn. 9; Urteil vom 10.07.1997 – IX ZR 24/​97, VersR 1998, 340, 341 unter II. 2.c[]