Die unle­ser­li­che Unter­schrift des Anwalts – und der maschi­nen­schrift­li­che Namens­zu­satz des Sozi­us

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die eigen­hän­di­ge Unter­schrift des Aus­stel­lers nach § 519 Abs. 4, § 130 Nr. 6 ZPO Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung für eine recht­zei­ti­ge Beru­fungs­schrift.

Die unle­ser­li­che Unter­schrift des Anwalts – und der maschi­nen­schrift­li­che Namens­zu­satz des Sozi­us

Damit soll die Iden­ti­fi­zie­rung des Urhe­bers der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung ermög­licht und des­sen unbe­ding­ter Wil­le zum Aus­druck gebracht wer­den, den Schrift­satz zu ver­ant­wor­ten und bei Gericht ein­zu­rei­chen.

Für den Anwalts­pro­zess bedeu­tet dies, dass die Beru­fungs­schrift von einem dazu bevoll­mäch­tig­ten und bei dem Pro­zess­ge­richt zuge­las­se­nen Rechts­an­walt zwar nicht selbst ver­fasst, aber nach eigen­ver­ant­wort­li­cher Prü­fung geneh­migt und unter­schrie­ben sein muss1.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ver­lang­ten die Klä­ger von der beklag­ten Bank die Rück­ab­wick­lung ihrer mit der Beklag­ten geschlos­se­nen Fremd­wäh­rungs­dar­le­hen. Das Land­ge­richt hat die Kla­ge mit Urteil vom 17.11.2015, zuge­stellt am 23.11.2015, abge­wie­sen. Dage­gen hat die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ger, eine unter ande­rem aus den Rechts­an­wäl­ten Dr. S. und Sa. bestehen­de Rechts­an­walts­part­ner­schaft mbH, am 22.12 2015 Beru­fung ein­ge­legt und die­se am 25.02.2016 frist­ge­recht begrün­det. Sowohl die Beru­fungs­schrift als auch die Beru­fungs­be­grün­dung sind mit einer augen­schein­lich von der­sel­ben Per­son her­rüh­ren­den Unter­schrift ver­se­hen, die unle­ser­lich ist, aber indi­vi­du­el­le und unter­schei­dungs­kräf­ti­ge Züge auf­weist. Unter der Unter­schrift befin­det sich jeweils der maschi­nen­schrift­li­che Zusatz: „RA Dr. S. , Fach­an­walt für Bank- und Kapi­tal­markt­recht”, von dem indes die bei­den Unter­schrif­ten nicht stam­men. Nach Hin­weis der Beklag­ten, dass die Beru­fungs­schrift nicht ord­nungs­ge­mäß unter­zeich­net und des­halb die Beru­fung als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen sei, hat die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ger erläu­tert, die Unter­schrift stam­me von Rechts­an­walt Sa. , der von den Klä­gern eben­falls bevoll­mäch­tigt wor­den sei.

Anders als das Beru­fungs­ge­richt, das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart2, bejah­te der Bun­des­ge­richts­hof hier das Vor­lie­gen einer form­ge­rech­ten Beru­fungs­schrift:

Wie der Bun­des­ge­richts­hof für einen gleich­ge­la­ger­ten Fall bereits ent­schie­den hat, hat das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend ange­nom­men, dass die Beru­fungs­schrift mit einem indi­vi­du­el­len, nicht nur als Hand­zei­chen oder Para­phe anzu­se­hen­den, son­dern den Anfor­de­run­gen an eine Unter­schrift genü­gen­den hand­schrift­li­chen Schrift­zug unter­zeich­net ist3. Des Wei­te­ren hat das Beru­fungs­ge­richt eben­falls rechts­feh­ler­frei ange­nom­men, dass die­ser Schrift­zug von Rechts­an­walt Sa. her­rührt, bei dem es sich um einen bei dem Beru­fungs­ge­richt pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen Rechts­an­walt han­delt. Zwar ist dies erst nach Ablauf der Beru­fungs­ein­le­gungs­frist erläu­tert wor­den, so dass für das Beru­fungs­ge­richt bis dahin nicht erkenn­bar war, wel­cher Rechts­an­walt unter­schrie­ben hat. Dar­auf kommt es jedoch nicht an. Denn für die Prü­fung der Fra­ge, ob die Iden­ti­tät und die Pos­tu­la­ti­ons­fä­hig­keit des Unter­zeich­ners eines der­ar­ti­gen Schrift­sat­zes fest­steht bezie­hungs­wei­se erkenn­bar ist, ist nicht auf den Zeit­punkt des Ablaufs der Beru­fungs­frist, son­dern auf den Zeit­punkt der gericht­li­chen Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit der Beru­fung abzu­stel­len4.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts schei­tert die form­wirk­sa­me Ein­le­gung der Beru­fung nicht dar­an, dass der Unter­schrift von Rechts­an­walt Sa. der maschi­nen­schrift­li­che Zusatz „RA Dr. S. , Fach­an­walt für Bank- und Kapi­tal­markt­recht” bei­gefügt wor­den ist. Die­ser Zusatz macht was der Bun­des­ge­richts­hof eben­falls bereits ent­schie­den hat ledig­lich deut­lich, dass die Beru­fungs­schrift von die­sem Rechts­an­walt erstellt wor­den ist. Auch wenn ein aus­drück­li­cher Zusatz, „für” die­sen tätig zu wer­den, fehlt, lässt sich hier der Unter­zeich­nung durch einen ande­ren Rechts­an­walt gleich­wohl ent­neh­men, dass er an des­sen Stel­le die Unter­schrift leis­ten und damit als wei­te­rer Haupt­be­voll­mäch­tig­ter oder zumin­dest als Unter­be­voll­mäch­tig­ter in Wahr­neh­mung des Man­dats der Klä­ger auf­tre­ten und damit zugleich die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt der Beru­fungs­schrift über­neh­men woll­te5.

Ist danach die Unter­schrift unter die Beru­fungs­schrift in die­sem Sin­ne von Rechts­an­walt Sa. geleis­tet wor­den, durf­te die Beru­fung nicht als unzu­läs­sig ver­wor­fen wer­den. Die Klä­ger haben viel­mehr die Beru­fung recht­zei­tig und form­ge­recht ein­ge­legt, so dass der ange­foch­te­ne Beschluss auf­zu­he­ben und die Sache an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen war (§ 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO). Über den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung war daher nicht mehr zu ent­schei­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Juni 2017 – XI ZB 25/​16

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.06.2005 – V ZB 45/​04, NJW 2005, 2709; vom 22.11.2005 – VI ZB 75/​04, VersR 2006, 387 Rn. 5; vom 26.07.2012 – III ZB 70/​11, NJW-RR 2012, 1142 Rn. 6; und vom 14.03.2017 – XI ZB 16/​16, WM 2017, 831 Rn. 6; jeweils mwN
  2. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 28.11.2016 – 5 U 11/​16
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 14.03.2017 – XI ZB 16/​16, WM 2017, 831 Rn. 8 mwN
  4. BGH, Beschluss aaO Rn. 9 mwN
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 14.03.2017 – XI ZB 16/​16, WM 2017, 831 Rn. 10 mwN