Die unwirk­sa­me Wider­rufs­be­leh­rung – und die Fra­ge der Ver­wir­kung

Ein Wider­rufs­recht ist nicht allein des­halb ver­wirkt, weil seit dem Ver­trags­schluss län­ge­re Zeit ver­stri­chen und der Ver­trag bei­der­sei­tig voll­stän­dig erfüllt ist. Hin­zu­tre­ten muss viel­mehr, dass sich der Wider­rufs­geg­ner im Ver­trau­en auf das Aus­blei­ben des Wider­rufs so ein­ge­rich­tet hat, dass ihm durch den spä­ten Wider­ruf auch unter Berück­sich­ti­gung des vom Gesetz bezweck­ten Ver­brau­cher­schut­zes unzu­mut­ba­re Nach­tei­le ent­stün­den.

Die unwirk­sa­me Wider­rufs­be­leh­rung – und die Fra­ge der Ver­wir­kung

Ein Recht ist ver­wirkt, wenn seit der Mög­lich­keit der Gel­tend­ma­chung län­ge­re Zeit ver­stri­chen ist (Zeit­mo­ment) und beson­de­re Umstän­de hin­zu­tre­ten, die die ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung als Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben erschei­nen las­sen (Umstands­mo­ment). Letz­te­res ist der Fall, wenn der Ver­pflich­te­te bei objek­ti­ver Betrach­tung aus dem Ver­hal­ten des Berech­tig­ten ent­neh­men durf­te, dass die­ser sein Recht nicht mehr gel­tend machen wer­de, sich des­halb hier­auf ein­ge­rich­tet hat und die ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung daher gegen den Grund­satz von Treu und Glau­ben ver­stößt [1]. Gera­de im Anwen­dungs­be­reich von Ver­brau­cher­schutz­rech­ten und damit zusam­men­hän­gen­den Wider­rufs­rech­ten sind stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len. Die mit der unter­las­se­nen oder nicht ord­nungs­ge­mä­ßen Wider­rufs­be­leh­rung ver­bun­de­nen Nach­tei­le hat grund­sätz­lich der Geschäfts­part­ner des Ver­brau­chers zu tra­gen. Die blo­ße Dau­er zwi­schen dem wider­ru­fe­nen Geschäft und dem Wider­ruf reicht dafür nicht aus [2].

Das Zeit­mo­ment dürf­te vor­lie­gend jeden­falls betref­fend den Ver­trag vom 05.04.2004 gege­ben sein. Ob dies auch betref­fend den Ver­trag vom 15.01.2007 der Fall ist, kann offen blei­ben.

Jeden­falls fehlt es an dem Umstands­mo­ment. Dabei kann schon dahin­ge­stellt blei­ben, ob ange­sichts der betref­fend den ers­ten Ver­trag voll­stän­di­gen und betref­fend den zwei­ten Ver­trag wei­test­ge­hend voll­stän­di­gen bei­der­sei­ti­gen Erfül­lung und des Umstan­des, dass die Käu­fer nach dem zuerst geschlos­se­nen Ver­trag einen wei­te­ren Ver­trag geschlos­sen und – jeden­falls über­wie­gend – erfüllt haben, ein mög­li­ches Ver­trau­en der Ver­käu­fe­rin auf die Bestän­dig­keit der Ver­trä­ge gerecht­fer­tigt wäre und ob die Ver­käu­fe­rin hier­auf – wie sie vor­trägt – ver­traut hat. Hin­zu­kom­men muss näm­lich wei­ter, dass sich die Ver­pflich­te­te dar­auf ein­ge­rich­tet hat, dass das Wider­rufs­recht nicht mehr gel­tend gemacht wer­de, und des­halb die spä­te­re Gel­tend­ma­chung gegen Treu und Glau­ben ver­stößt [3]. Dies setzt vor­aus, dass sie sich im Ver­trau­en auf das Ver­hal­ten des Berech­tig­ten und sei­ne Maß­nah­men so ein­ge­rich­tet hat, dass ihr durch die ver­spä­te­te Durch­set­zung des Rechts ein unzu­mut­ba­rer Nach­teil ent­stün­de [4].

Hier­zu hat die Ver­käu­fe­rin nichts Erheb­li­ches vor­ge­tra­gen. Die – sehr pau­schal – dar­ge­leg­te, u.U. im Ver­trau­en auf den feh­len­den Wider­ruf erfolg­te Tra­gung bestimm­ter näher bezeich­ne­ter Kos­ten, die Zah­lung von Pro­vi­sio­nen an Han­dels­ver­tre­ter und die Auf­lö­sung von Stor­no­re­ser­ven ver­mö­gen eine Schutz­wür­dig­keit eines mög­li­chen Ver­trau­ens der Ver­käu­fe­rin nicht zu begrün­den. Ins­be­son­de­re ist nicht dar­ge­legt, dass die­se Dis­po­si­tio­nen zu einem Zeit­punkt erfolgt wären, zu dem die Ver­käu­fe­rin auf­grund der Untä­tig­keit der Käu­fer trotz der feh­ler­haf­ten Wider­rufs­be­leh­run­gen berech­tig­ter­wei­se dar­auf hät­te ver­trau­en dür­fen, dass ein Wider­ruf nicht mehr erfolg­te. Gera­de die Zah­lung von Han­dels­ver­tre­ter­pro­vi­sio­nen sowie die Auf­lö­sung von Stor­no­re­ser­ven erfol­gen übli­cher­wei­se zu einem Zeit­punkt, zu dem ein sol­ches Ver­trau­en noch nicht durch den Zeit­ab­lauf gerecht­fer­tigt wäre.

Zudem begrün­den auch der Abschluss des zwei­ten Ver­tra­ges und die durch den dor­ti­gen Wider­ruf ent­ste­hen­den Nach­tei­le kei­ne Schutz­wür­dig­keit eines mög­li­chen Ver­trau­ens der Ver­käu­fe­rin. Es ist nicht dar­ge­legt und auch in der Sache fern­lie­gend, dass die Ver­käu­fe­rin den wei­te­ren Ver­trag nicht abge­schlos­sen hät­te, wenn der ers­te Ver­trag früh­zei­tig wider­ru­fen wor­den wäre.

Sofern teil­wei­se das Umstands­mo­ment allein auf­grund voll­stän­di­ger bei­der­sei­ti­ger Erfül­lung sämt­li­cher Ver­trags­pflich­ten bejaht wur­de [5] ste­hen die­se Ent­schei­dun­gen der hier vor­ge­nom­me­nen Wer­tung nicht ent­ge­gen. So sind sowohl das Ober­lan­des­ge­richt Köln in sei­nem Urteil vom 25.01.2012 als auch das Kam­mer­ge­richt jeweils von den zutref­fen­den und auch hier zugrun­de geleg­ten Ober­sät­zen aus­ge­gan­gen. In dem dem Urteil des Kam­mer­ge­richts zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­halt bestand die wei­te­re Beson­der­heit, dass dort der Lea­sing­ge­ber den Lea­sing­ge­gen­stand nach voll­stän­di­ger Erfül­lung des Lea­sing­ver­tra­ges ander­wei­tig – wenn auch an die Toch­ter des Lea­sing­neh­mers – ver­kauft und die­ser finan­ziert hat, so dass er dort (wohl) im Ver­trau­en auf die Bestän­dig­keit des Ver­tra­ges eine Ver­mö­gens­dis­po­si­ti­on getrof­fen hat. Dem Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Köln lag ein abwei­chen­der Sach­ver­halt zugrun­de, in dem die auf einen Dar­le­hens­ver­trag gerich­te­te Wil­lens­er­klä­rung wider­ru­fen wur­de, nach­dem die Dar­le­hensva­lu­ta voll­stän­dig zurück­ge­zahlt war. Ob dies für sich genom­men die Annah­me einer Ver­wir­kung recht­fer­tig­te, ist hier nicht zu ent­schei­den. Soll­te die­sen Ent­schei­dun­gen aller­dings – unge­schrie­ben – der Rechts­satz zugrun­de lie­gen, dass ein Wider­rufs­recht bei bei­der­sei­ti­ger voll­stän­di­ger Ver­trags­er­fül­lung nach Ablauf län­ge­rer Zeit seit dem Ver­trags­schluss stets ver­wirkt sei, folgt das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le dem aus den genann­ten Grün­den nicht.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Urteil vom 4. Dezem­ber 2014 – 13 U 205/​13

  1. BGH, Urtei­le vom 18.10.2004 – II ZR 352/​02 23; Urteil vom 11.10.2012 – VII ZR 10/​1120 f.; Urteil vom 20.07.2010 – EnZR 23/​0920; BGH, Urteil vom 29.01.2013 – EnZR 16/​12 13[]
  2. BGH, Urteil vom 18.10.2004 a. a. O., Tz. 23 f.[]
  3. BGH, Urtei­le vom 18.10.2004; und vom 11.10.2012, a. a. O.[]
  4. BGH, Urtei­le vom 20.07.2010; und vom 29.01.2013, a. a. O.[]
  5. so: OLG Köln, Urteil vom 25.01.2012 – 13 U 30/​11 24; KG, Urteil vom 16.08.2012 – 8 U 101/​12 6; andeu­tend auch: OLG Cel­le, Beschluss vom 07.01.2014 – 8 U 198/​13 42; anders: OLG Köln, Urteil vom 23.01.2013 – 13 U 69/​12 33[]