Die Ver­ant­wort­lich­keit des auf­klä­ren­den Arz­tes

Auch der Arzt, der einen Pati­en­ten aus­schließ­lich über den von einem ande­ren Arzt ange­ra­te­nen und durch­zu­füh­ren­den Ein­griff auf­klärt, kann dem Pati­en­ten im Fal­le einer feh­ler­haf­ten oder unzu­rei­chen­den Auf­klä­rung aus uner­laub­ter Hand­lung haf­ten.

Die Ver­ant­wort­lich­keit des auf­klä­ren­den Arz­tes

Der Bun­des­ge­richts­hof hat wie­der­holt zum Aus­druck gebracht, dass über die Erfolgs­aus­sich­ten einer Behand­lung jeden­falls dann auf­zu­klä­ren ist, wenn das Miss­erfolgs­ri­si­ko hoch und die Indi­ka­ti­on zwei­fel­haft ist 1.

Im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs steht auch die wei­te­re Annah­me, ein Arzt, der nur die Auf­klä­rung des Pati­en­ten über die ihm ange­ra­te­ne Ope­ra­ti­on über­nom­men habe, kön­ne eine uner­laub­te Hand­lung bege­hen 2. Denn mit der Auf­klä­rung über­nimmt der Arzt einen Teil der ärzt­li­chen Behand­lung, was – wie auch sonst die tat­säch­li­che Über­nah­me einer ärzt­li­chen Behand­lung 3 – sei­ne Garan­ten­stel­lung gegen­über dem sich ihm anver­trau­en­den Pati­en­ten begrün­det 4. Ist die Auf­klä­rung unvoll­stän­dig und die Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten in die Ope­ra­ti­on unwirk­sam, kann der auf­klä­ren­de Arzt des­halb gemäß § 823 BGB zum Ersatz des durch die Ope­ra­ti­on ent­stan­de­nen Kör­per­scha­dens ver­pflich­tet sein 5. Dies gilt nicht nur dann, wenn der auf­klä­ren­de Arzt – wie in der BGH-Ent­schei­dung vom 22.04.1980 4 zugrun­de­lie­gen­den Fall – dem Pati­en­ten als zunächst behan­deln­der Arzt auch zur Ope­ra­ti­on gera­ten hat 6.

Der mit der Auf­klä­rung beauf­trag­te Arzt über­nimmt auch dann, wenn er an der Indi­ka­ti­ons­stel­lung und Ver­ein­ba­rung der Ope­ra­ti­on nicht betei­ligt gewe­sen ist, nicht nur den Teil der Auf­klä­rung, der die Infor­ma­ti­on über die all­ge­mei­nen Risi­ken der zwi­schen dem Pati­en­ten und den behan­deln­den Ärz­ten ver­ein­bar­ten Ope­ra­ti­on betrifft, und nimmt auch nicht nur inso­weit eine Garan­ten­stel­lung gegen­über dem Pati­en­ten ein.

Die Annah­me einer Garan­ten­pflicht bei tat­säch­li­cher Über­nah­me einer ärzt­li­chen Behand­lung hat ihren Grund in der Über­nah­me eines Auf­trags 7 oder in dem Ver­trau­en, das der betref­fen­de Arzt beim Pati­en­ten durch sein Tätig­wer­den her­vor­ruft und die­sen davon abhält, ander­wei­tig Hil­fe in Anspruch zu neh­men 3.

In der vor­ge­nann­ten zwei­ten Fall­grup­pe ist für die Reich­wei­te der Garan­ten­stel­lung des Arz­tes indes der Umfang des Ver­trau­ens ent­schei­dend, das sich der Pati­ent auf­grund des kon­kre­ten Auf­tre­tens des Arz­tes berech­tig­ter­wei­se bil­den darf. Dies lässt sich nicht abs­trakt bestim­men, son­dern hängt stets von den kon­kre­ten Umstän­den des Ein­zel­fal­les ab. Dabei kommt es dar­auf an, wie ein objek­ti­ver Drit­ter in der Lage des Pati­en­ten das Ver­hal­ten des Arz­tes in der kon­kre­ten Behand­lungs­si­tua­ti­on ver­ste­hen durf­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Okto­ber 2014 – VI ZR 14/​14

  1. BGH, Urtei­le vom 03.12 1991 – VI ZR 48/​91, VersR 1992, 358, 359; vom 06.11.1990 – VI ZR 8/​90, VersR 1991, 227, 228; vom 23.09.1980 – VI ZR 189/​79, VersR 1980, 1145, 1146; ohne die genann­te Ein­schrän­kung: BGH, Urtei­le vom 14.03.2006 – VI ZR 279/​04, BGHZ 166, 336 Rn. 6, 8; vom 08.05.1990 – VI ZR 227/​89, VersR 1990, 1010, 1011 f.; vom 14.02.1989 – VI ZR 65/​88, BGHZ 106, 391, 394; fer­ner BGH, Urtei­le vom 22.05.2007 – VI ZR 35/​06, BGHZ 172, 254 Rn. 24; vom 14.06.1994 – VI ZR 178/​93, VersR 1994, 1235, 1236; vgl. auch Geiß/​Greiner, Arzt­haft­pflicht­recht, 7. Aufl., C Rn. 8 f.; Steffen/​Pauge, Arzt­haf­tungs­recht, 12. Aufl., Rn. 433 f.; für den Behand­lungs­ver­trag jetzt auch § 630e Abs. 1 Satz 2 BGB[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.09.2009 – VI ZR 251/​08, VersR 2010, 115 Rn. 14; vom 08.05.1990 – VI ZR 227/​89, VersR 1990, 1010, 1011; vom 22.04.1980 – VI ZR 37/​79, VersR 1981, 456, 457[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 20.02.1979 – VI ZR 48/​78, VersR 1979, 376, 377[][]
  4. BGH, Urteil vom 22.04.1980 – VI ZR 37/​79, aaO[][]
  5. BGH, Urteil vom 29.09.2009 – VI ZR 251/​08, aaO[]
  6. so aller­dings OLG Bam­berg, GesR 2004, 135, 136; anders aber bereits BGH, Urteil vom 29.09.2009 – VI ZR 251/​08, aaO; Geiß/​Greiner, Arzt­haft­pflicht­recht, 7. Aufl., C Rn. 108; Martis/​Winkhart, Arzt­haf­tungs­recht, 4. Aufl., Rn. A 1764[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 31.01.2002 – 4 StR 289/​01, BGHSt 47, 224 Rn.20; BGH, Urteil vom 08.02.2000 – VI ZR 325/​98, VersR 2000, 1107[]