Die Ver­jäh­rungs­ver­zichts­er­klä­rung – und ihre Auslegung

Mit der Aus­le­gung einer Ver­jäh­rungs­ver­zichts­er­klä­rung hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befassen:

Die Ver­jäh­rungs­ver­zichts­er­klä­rung – und ihre Auslegung

Kon­kret ging es in dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall um die fol­gen­de Erklä­rung: „In vor­be­zeich­ne­ter Ange­le­gen­heit ver­si­chern wir Ihnen, auch namens und in Voll­macht des hier ver­si­cher­ten Per­so­nen­krei­ses, uns wei­ter­hin bis ein- schließ­lich 31.12.2007 nicht auf die Ein­re­de der Ver­jäh­rung zu beru­fen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wird durch einen vom Schuld­ner erklär­ten befris­te­ten Ver­jäh­rungs­ver­zicht der Ablauf der Ver­jäh­rung nicht beein­flusst; die Ver­jäh­rungs­voll­endung wird nicht hin­aus­ge­scho­ben. Der Ver­jäh­rungs­ver­zicht hat regel­mä­ßig nur zum Inhalt, dass die Befug­nis des Schuld­ners, die Ein­re­de der Ver­jäh­rung zu erhe­ben, bis zum Ende des ver­ein­bar­ten Zeit­raums aus­ge­schlos­sen wird [1]. Der Ver­zicht soll den Gläu­bi­ger von der Not­wen­dig­keit der als­bal­di­gen gericht­li­chen Gel­tend­ma­chung sei­nes Anspruchs ent­he­ben [2]. Erhebt der Gläu­bi­ger nicht inner­halb der Frist Kla­ge (wobei Ein­rei­chung der Kla­ge mit Zustel­lung „dem­nächst“ genügt, § 167 ZPO ana­log), kann sich der Schuld­ner direkt nach Ablauf der Frist wie­der auf Ver­jäh­rung beru­fen und damit die Leis­tung ver­wei­gern [3]. Erhebt der Gläu­bi­ger dage­gen die Kla­ge vor Ablauf der Frist, bleibt der Ver­zicht auch nach Frist­ab­lauf wirk­sam [2]. Die Kla­ge­er­he­bung inner­halb der Ver­zichts­frist hin­dert den Schuld­ner dem­nach auch über die Frist hin­aus an der Erhe­bung der Ver­jäh­rungs­ein­re­de. Für ande­re Hem­mungs­tat­be­stän­de als die Kla­ge gilt dies vor­be­halt­lich einer gegen­tei­li­gen Erklä­rung des Schuld­ners nicht [4].

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Es ist zwar nicht aus­ge­schlos­sen, dass dem Ver­jäh­rungs­ver­zicht im Ein­zel­fall über den dar­ge­stell­ten regel­mä­ßi­gen Inhalt hin­aus eine ande­re – grö­ße­re Reich­wei­te zukommt. Hier­für bedarf es aber beson­de­rer Anhalts­punk­te, die einen über die Ermög­li­chung der gericht­li­chen Gel­tend­ma­chung hin­aus­ge­hen­den Ver­zichts­wil­len des Schuld­ners erken­nen las­sen [5]. Für die Annah­me, der Ver­jäh­rungs­ver­zicht füh­re – wie das Aner­kennt­nis (§ 212 Abs. 1 Nr. 1 BGB) – zu einem Neu­be­ginn der Ver­jäh­rung, besteht man­gels Rege­lungs­lü­cke kein Anlass [6].

Erst seit Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 26.11.2001 ist ein Ver­zicht auf die Ein­re­de der Ver­jäh­rung grund­sätz­lich auch vor Ein­tritt der Ver­jäh­rung zuläs­sig (vgl. § 202 Abs. 1 BGB in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 02.01.2002) [7]. Nach Ein­tritt der Ver­jäh­rung konn­te und kann der Ver­zicht dage­gen sowohl nach altem als auch nach neu­em Recht wirk­sam erklärt wer­den [8]. Er hat zur Fol­ge, dass der Gläu­bi­ger vor Ablauf der Ver­zichts­frist Kla­ge erhe­ben muss, soll der Ver­zicht über das Fris­ten­de hin­aus wirk­sam bleiben.

Zwar obliegt die Aus­le­gung von Wil­lens­er­klä­run­gen grund­sätz­lich dem Tatrich­ter, der sei­ne Ent­schei­dung unter Berück­sich­ti­gung der §§ 133, 157 BGB auf Grund einer umfas­sen­den Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de zu tref­fen hat. Sie kann vom Revi­si­ons­ge­richt nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob Ver­stö­ße gegen gesetz­li­che Aus­le­gungs­re­geln, aner­kann­te Aus­le­gungs­grund­sät­ze, Denk­ge­set­ze und Erfah­rungs­sät­ze vor­lie­gen oder ob die Aus­le­gung auf Ver­fah­rens­feh­lern beruht [9]. Das sah der Bun­des­ge­richts­hof hier als gege­ben an:

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Im Streit­fall sind kei­ner­lei beson­de­re Anhalts­punk­te fest­ge­stellt, die die Annah­me des Beru­fungs­ge­richts tra­gen könn­ten, der vor­lie­gen­de Ver­zicht der Beklag­ten auf die Ein­re­de der Ver­jäh­rung bis Ende 2007 habe – weit über den oben dar­ge­stell­ten regel­mä­ßi­gen Inhalt hin­aus und ähn­lich wie beim Aner­kennt­nis – bedeu­tet, dass die Ver­jäh­rungs­frist im Ergeb­nis ab Been­di­gung des Schlich­tungs­ver­fah­rens neu begin­nen soll­te. Ins­be­son­de­re wür­de der Ver­zicht ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts vor­lie­gend auch dann Sinn machen, wenn aus Sicht der Par­tei­en schon vor Ein­lei­tung des Schlich­tungs­ver­fah­rens Ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten sein soll­te, das Schlich­tungs­ver­fah­ren die Ver­jäh­rung also nicht mehr hem­men konn­te. Denn der Ver­zicht ermög­lich­te es der Klä­ge­rin, unge­ach­tet bereits ein­ge­tre­te­ner Ver­jäh­rung die Ergeb­nis­se aus dem Schlich­tungs­ver­fah­ren abzu­war­ten und bis spä­tes­tens Ende 2007 Kla­ge zu erhe­ben. Dem steht, anders als die Kla­ge­par­tei meint, nicht ent­ge­gen, dass im Zeit­punkt der Ver­zichts­er­klä­rung noch nicht fest­stand, ob das Schlich­tungs­ver­fah­ren bis Ende 2007 been­det sein wür­de. Es bestand jeden­falls die Chan­ce, dass dies der Fall sein wür­de (tat­säch­lich war es das auch) oder dass die Beklag­te – bei fort­dau­ern­dem Schlich­tungs­ver­fah­ren – ihren Ein­re­de­ver­zicht ver­län­gern wür­de. Not­falls hät­te noch wäh­rend des lau­fen­den Schlich­tungs­ver­fah­rens Kla­ge erho­ben wer­den müs­sen. Das Kla­ge­ver­fah­ren wur­de aber erst 2009 und damit lan­ge nach Ablauf der Ver­zichts­frist eingeleitet.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Novem­ber 2020 – VI ZR 285/​19

  1. BGH, Beschluss vom 07.05.2014 – XII ZB 141/​13, NJW 2014, 2267 Rn. 18 f.; Urtei­le vom 16.03.2009 – II ZR 32/​08, NJW 2009, 1598 Rn. 22; vom 01.10.2020 – IX ZR 247/​19 39[]
  2. BGH, Beschluss vom 07.05.2014 – XII ZB 141/​13, aaO Rn.19[][]
  3. BGH, Urteil vom 16.03.2009 – II ZR 32/​08, aaO Rn. 22[]
  4. Bach in Beck­OGK, Stand: 15.07.2020, § 214 BGB Rn. 64, 79[]
  5. BGH, Beschluss vom 07.05.2014 – XII ZB 141/​13, aaO Rn. 21[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 18.09.2007 – XI ZR 447/​06, ZIP 2007, 2206 Rn. 16 für den unbe­fris­te­ten Ver­zicht; Bach in Beck­OGK, Stand: 15.07.2020, § 214 BGB Rn. 79; Gro­the in Münch­KommBGB, 8. Aufl., § 214 Rn. 8[]
  7. BGH, Urtei­le vom 16.03.2009 – II ZR 32/​08, NJW 2009, 1598 Rn. 22; vom 18.09.2007 – XI ZR 447/​06, ZIP 2007, 2206 Rn. 15; Gro­the in Münch­KommBGB, 8. Aufl., § 202 Rn. 13, § 214 Rn. 5[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 04.07.1973 – IV ZR 185/​72, NJW 1973, 1690 f. 13 zum alten Recht[]
  9. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 12.10.2004 – VI ZR 151/​03, BGHZ 160, 377, 380 9; BGH, Urtei­le vom 01.10.2020 – IX ZR 247/​19 40; vom 30.01.2020 – VII ZR 33/​19, NJW 2020, 1293 Rn. 33; vom 14.02.2019 – IX ZR 203/​18, ZIP 2019, 1288 Rn. 11; vom 31.10.1995 – XI ZR 6/​95, BGHZ 131, 136, 138 8[]

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