Die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht im Frei­bad

In der Frei­ga­be des Sprung­be­triebs von allen drei Sprun­ge­be­nen gleich­zei­tig in einem Frei­bad liegt dann eine Ver­let­zung der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht, wenn die Orga­ni­sa­ti­on des Sprung­be­triebs den Sprin­gern selbst über­las­sen bleibt. Der Umstand, dass der ver­un­glück­te Bade­gast trotz der offen­kun­di­gen Gefähr­lich­keit am Sprung­be­trieb teil­ge­nom­men hat, kann zu einem Mit­ver­schul­den in Höhe von 25% füh­ren.

Die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht im Frei­bad

So hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Zivil­rechts­streit wegen eines töd­lich ver­lau­fe­nen Unfalls im Mine­ral­frei­bad Bad Wimp­fen ent­schie­den und das erst­in­stanz­li­che Urteil des Land­ge­richts Heil­bronn teil­wei­se abge­än­dert. Bei den Klä­gern han­delt es sich um die Ehe­frau und die zwei min­der­jäh­ri­gen Kin­der des töd­lich ver­un­glück­ten 35-Jäh­ri­gen. Der Beklag­te Ziff. 1 ist Päch­ter und Betrei­ber des Frei­bads, der Beklag­te Ziff. 2 war zum Unfall­zeit­punkt der vor Ort täti­ge Bade­meis­ter.

Die Klä­ger machen mit ihrer Kla­ge Beer­di­gungs­kos­ten und Unter­halts­an­sprü­che gel­tend.

Das Mine­ral­frei­bad ver­fügt über einen etwa 70 Jah­re alten Sprung­turm mit drei über­ein­an­der lie­gen­den Sprung­platt­for­men in 5, 7,5 und 10 m Höhe. Die höher lie­gen­den Sprung­platt­for­men über­ra­gen die jeweils dar­un­ter lie­gen­de Platt­form um etwa 0,5 bis 1 m. Die Rei­hen­fol­ge, in der von den ver­schie­de­nen Ebe­nen des Sprung­turms gesprun­gen wur­de, regel­ten die Bade­gäs­te in eige­ner Regie durch Zuruf.

Am Unfall­tag gegen 16.00 Uhr sprang der Ehe­mann der Klä­ge­rin Ziff. 1 von der 5‑Me­ter-Platt­form, nach­dem er geru­fen hat­te „5er springt“. Unmit­tel­bar danach sprang ein ande­rer Bade­gast mit einem Kopf­sprung von der 10-Meter-Platt­form, weil er den Ruf des Ehe­manns der Klä­ge­rin nicht gehört hat­te. Beim Ein­tau­chen in das Becken prall­te er mit der Schul­ter gegen den Kopf des auf­tau­chen­den Ehe­manns der Klä­ge­rin Ziff. 1. Die­ser erlitt dabei schwe­re Hirn­ver­let­zun­gen, an denen er am Fol­ge­tag ver­starb.

Das Land­ge­richt Heil­bronn 1 hat­te in einem Grund­ur­teil die Kla­ge­an­trä­ge dem Grun­de nach zu 100 % für gerecht­fer­tigt erklärt. Hier­ge­gen rich­te­te sich die Beru­fung der Beklag­ten, mit der die­se ihren erst­in­stanz­li­chen Antrag auf Klag­ab­wei­sung wei­ter ver­folg­ten und u. a. ein Mit­ver­schul­den des Getö­te­ten ein­wen­de­ten, weil die­sem die Sprung­pra­xis bekannt gewe­sen sei.

Einen in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 20. Juli 2017 vor dem Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart geschlos­se­nen Ver­gleich über die Haf­tungs­quo­ten (Haf­tung zu 75%, Mit­ver­schul­den zu 25%) haben die Beklag­ten wider­ru­fen.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart aus­ge­führt, dass es eben­so wie die Vor­in­stanz von der Haf­tung des Betrei­bers des Frei­ba­des und des eben­falls beklag­ten zum Unfall­zeit­punkt vor Ort täti­gen und für die Auf­sicht im Bereich des Sprung­be­ckens zustän­di­gen Bade­meis­ters aus­geht. Bei­de haben die sie tref­fen­de Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht ver­letzt. Die Frei­ga­be des Sprung­be­triebs von allen drei Sprun­ge­be­nen gleich­zei­tig sei jeden­falls dann fahr­läs­sig, wenn die Orga­ni­sa­ti­on des Sprung­be­triebs den Sprin­gern selbst über­las­sen blei­be. In dem Umstand, dass der Ehe­mann der Klä­ge­rin trotz der offen­kun­di­gen Gefähr­lich­keit am Sprung­be­trieb teil­ge­nom­men hat, sah das Ober­lan­des­ge­richt aller­dings ein Mit­ver­schul­den, das es mit 25% bewer­tet hat.

Aus die­sen Grün­den hat das Ober­lan­des­ge­richt eine Haf­tung der Beklag­ten zu 75% fest­ge­stellt und die Kla­gen im Übri­gen abge­wie­sen.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 21. Sep­tem­ber 2017 – 2 U 11/​17

  1. Land­ge­richt Heil­bronn, Urteil vom 21.12.2016 – 6 O 135/​16[]