Die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist – oder: die unzu­läs­si­ge Haupt­be­ru­fung als unselb­stän­di­ge Anschluss­be­ru­fung

Eine unzu­läs­si­ge Haupt­be­ru­fung ist in eine unselb­stän­di­ge Anschluss­be­ru­fung umzu­den­ken, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine zuläs­si­ge Anschluss­be­ru­fung vor­lie­gen und die Umdeu­tung von dem mut­maß­li­chen Par­tei­wil­len gedeckt wird.

Die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist – oder: die unzu­läs­si­ge Haupt­be­ru­fung als unselb­stän­di­ge Anschluss­be­ru­fung

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te der Klä­ger die Frist zur Begrün­dung der (Haupt)Beru­fung ver­säumt, wor­auf das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fung als unzu­läs­sig ver­wor­fen hat­te. Dies liess der Bun­des­ge­richts­hof so aller­dings nicht bestehen, weil die unzu­läs­si­ge Beru­fung in eine zuläs­si­ge Anschluss­be­ru­fung im Sin­ne des § 524 ZPO umge­deu­tet wer­den kann und muss 1.

Auch im Ver­fah­rens­recht kann der Gedan­ke des § 140 BGB (Umdeu­tung) her­an­ge­zo­gen wer­den. Für die Umdeu­tung genügt es, wenn die­se von dem mut­maß­li­chen Par­tei­wil­len gedeckt wird. In aller Regel wird eine Par­tei eine unzu­läs­si­ge Haupt­be­ru­fung als zuläs­si­ge Anschluss­be­ru­fung ret­ten wol­len 2. Dies hat der Klä­ger in der Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung auch aus­drück­lich klar­ge­stellt.

Soweit die Beklag­ten dage­gen ein­wen­den, der Wil­le des Klä­gers, sei­ne unzu­läs­si­ge (Haupt)Berufung als Anschluss­be­ru­fung auf­recht­zu­er­hal­ten, sei im Beru­fungs­ver­fah­ren nicht aus­rei­chend zum Aus­druck gekom­men, ist das nicht erfor­der­lich. Die Aus­le­gung darf in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art nur nicht erge­ben, dass die Par­tei aus­schließ­lich ein selb­stän­di­ges Rechts­mit­tel ein­le­gen und kei­nes­falls – etwa als ein Weni­ger oder hilfs­wei­se – auch die Abhän­gig­keit von dem Rechts­mit­tel des Geg­ners gewollt hat 3. Das wird von den Beklag­ten nicht auf­ge­zeigt und ist auch sonst nicht ersicht­lich.

Es trifft vor die­sem Hin­ter­grund auch nicht zu, dass der betrof­fe­nen Par­tei gestat­tet wäre, im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren noch Erklä­run­gen abzu­ge­ben, die die Zuläs­sig­keit des Rechts­mit­tels beein­flus­sen. Die in der Rechts­be­schwer­de­be­grün­dung erfolg­te Klar­stel­lung, dass der Klä­ger sei­ne unzu­läs­si­ge Haupt­be­ru­fung als zuläs­si­ge Anschluss­be­ru­fung anse­hen will, stellt nach dem Aus­ge­führ­ten kei­ne Vor­aus­set­zung für die Umdeu­tung dar.

Die for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen des § 524 ZPO sind im vor­lie­gen­den Fall gewahrt, ins­be­son­de­re bestehen gegen die Recht­zei­tig­keit der Anschlie­ßung kei­ne Beden­ken. Auch wenn in den mit der klä­ge­ri­schen Beru­fungs­be­grün­dung ange­kün­dig­ten Anträ­gen eine Kla­ge­er­wei­te­rung lie­gen soll­te, was hier kei­ner Klä­rung bedarf, wäre eine sol­che im Rah­men einer Anschlie­ßung zuläs­sig 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Febru­ar 2016 – VI ZB 33/​15

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 30.10.2008 – III ZB 41/​08, VersR 2010, 89 Rn. 10 ff.; vom 13.10.2011 – VII ZB 27/​11, ZfBR 2012, 140; vom 16.10.2014 – VII ZB 15/​14, NJW-RR 2015, 700 Rn. 15; jeweils mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 06.05.1987 – IVb ZR 51/​86, BGHZ 100, 383, 387 f.; Beschluss vom 30.10.2008 – III ZB 41/​08, aaO Rn. 11[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 06.05.1987 – IVb ZR 51/​86, aaO, 388[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.12 1951 – GSZ 2/​51, BGHZ 4, 229, 234; BGH, Urteil vom 10.05.2011 – VI ZR 152/​10, VersR 2011, 882 Rn. 10; BGH, Urteil vom 09.06.2011 – I ZR 41/​10, GRUR 2012, 180 Rn. 22[]