Die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist – und der Vor­trag beim Wie­der­ein­set­zungs­an­trag

Der Rechts­an­walt, dem die Akte zum Zeit­punkt der notier­ten Vor­frist vor­ge­legt wird, muss zwar eigen­ver­ant­wort­lich prü­fen, ob das Ende der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist rich­tig ermit­telt und ein­ge­tra­gen wor­den ist 1, er kann aber grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass eine Frist, die im Stamm­da­ten­blatt rich­tig notiert ist, auch ent­spre­chend in den Fris­ten­ka­len­der ein­ge­tra­gen wor­den ist 2.

Die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist – und der Vor­trag beim Wie­der­ein­set­zungs­an­trag

Da im – hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen, eine ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist betref­fen­den – Streit­fall die (Haupt-)Frist im Stamm­da­ten­blatt rich­tig ein­ge­tra­gen war, kann dem Klä­ger, einem Rechts­an­walt, kein Vor­wurf dar­aus gemacht wer­den, dass er sich dar­auf ver­las­sen hat, dass die­se Frist auch in den Fris­ten­ka­len­der über­nom­men wor­den ist. Ein eige­nes Ver­schul­den kann auch nicht dar­aus abge­lei­tet wer­den, dass der Klä­ger auf­grund des Umstands, dass die Vor­frist nur sechs Tage statt – wie in sei­ner Kanz­lei üblich – eine Woche betrug, kei­nen Ver­dacht geschöpft hat. Denn letzt­lich war allein die – zutref­fend in der Akte notier­te – Haupt­frist maß­geb­lich.

Es ist in der Recht­spre­chung aner­kannt, dass die Umstän­de, aus denen sich ergibt, auf wel­che Wei­se und durch wes­sen Ver­schul­den es zur Frist­ver­säu­mung gekom­men ist, durch eine geschlos­se­ne, aus sich her­aus ver­ständ­li­che Schil­de­rung der tat­säch­li­chen Abläu­fe dar­ge­legt wer­den müs­sen 3.

Dem wird im hier ent­schie­de­nen Fall nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs die Begrün­dung der Klä­ger für ihren Wie­der­ein­set­zungs­an­trag nicht gerecht. Ihr lässt sich ins­be­son­de­re nicht ent­neh­men, ob der Klä­ger die Akte – nach­dem sie ihm zur Bear­bei­tung vor­ge­legt wor­den war – bei sich behal­ten hat, um sie als­bald zu bear­bei­ten, oder ob er sie wie­der in den Geschäfts­gang gege­ben hat, mög­li­cher­wei­se mit dem bei­läu­fi­gen Bemer­ken oder der aus­drück­li­chen Wei­sung, sie ihm recht­zei­tig vor Ablauf der Haupt­frist erneut vor­zu­le­gen. Dem Umstand, dass dem Klä­ger die Akte am 21.06.2011, also an dem im Fris­ten­ka­len­der fälsch­lich ein­ge­tra­ge­nen Datum der Haupt­frist, erneut vor­ge­legt wor­den ist, kann nicht ent­nom­men wer­den, dass er die Akte zuvor in den Geschäfts­gang gege­ben und die Wei­sung erteilt hat, sie ihm am Tag des Ablaufs der Haupt­frist erneut vor­zu­le­gen. Eben­so nahe­lie­gend ist es, dass der Klä­ger die Akte bei sich behal­ten und eine Mit­ar­bei­te­rin sie am 21. Juni, dem ver­meint­li­chen Tag des Ablaufs der Haupt­frist, her­aus­ge­sucht hat, um ihn auf den dro­hen­den Frist­ab­lauf auf­merk­sam zu machen. Zumin­dest in der Fall­va­ri­an­te, in der der Klä­ger die Akte in sei­nem Ver­ant­wor­tungs­be­reich behal­ten hat, nach­dem sie ihm am 14.06.vorgelegt wor­den war, trä­fe ihn für die Ver­säu­mung der Frist jeden­falls ein eige­nes Mit­ver­schul­den.

Dar­auf, dass die Umstän­de, die zur Frist­ver­säu­mung geführt haben, voll­stän­dig vor­ge­tra­gen wer­den müs­sen, brauch­ten die Klä­ger nicht nach § 139 Abs. 1 ZPO hin­ge­wie­sen zu wer­den 4. Im Übri­gen hät­te die Rechts­be­schwer­de mit der Rüge der Ver­let­zung des § 139 ZPO aus­füh­ren müs­sen, was die Klä­ger im Ein­zel­nen vor­ge­tra­gen hät­ten, wenn ihnen ein ent­spre­chen­der Hin­weis erteilt wor­den wäre. Denn nur anhand die­ses Vor­trags hät­te der Bun­des­ge­richts­hof beur­tei­len kön­nen, ob die Ent­schei­dung auf dem – unter­stell­ten – Ver­fah­rens­feh­ler beruht 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Janu­ar 2013 – I ZB 76/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 25.06.2009 – V ZB 191/​08, NJW 2009, 3036 Rn. 13 mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 13.10.2011 – VII ZB 18 u.19/10, NJW 2012, 614 Rn. 11 mwN[]
  3. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 21.02.2002 – IX ZA 10/​01, NJW 2002, 2180, 2181; Beschluss vom 03.07.2008 – IX ZB 169/​07, NJW 2008, 3501[]
  4. vgl. BGH NJW 2002, 2180, 2181[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 24.04.2008 I ZB 72/​07, GRUR 2008, 1126 Rn. 12 = WRP 2008, 1550 – Wei­ße Flot­te[]