Die ver­sag­te Zulas­sung der Beru­fung – und die Rechts­schutz­ga­ran­tie

Ver­kennt ein Amts­ge­richt die grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der zur Ent­schei­dung anste­hen­den Rechts­fra­ge (hier: wann Rück­for­de­rungs­an­sprü­che wegen beim Abschluss von Ver­brau­cher­dar­le­hen zu Unrecht gezahl­ter Bear­bei­tungs­ent­gel­te ver­jäh­ren) und lässt des­we­gen – bei Streit­wer­ten bis 600 € – die Beru­fung gegen sein Urteil nicht zu, ver­letzt dies die Rechts­schutz­ga­ran­tie aus Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art.20 Abs. 3 GG.

Die ver­sag­te Zulas­sung der Beru­fung – und die Rechts­schutz­ga­ran­tie

Das Amts­ge­richt hat in einem sol­chen Fall durch eine aus Sach­grün­den nicht zu recht­fer­ti­gen­de Hand­ha­bung von § 511 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Vari­an­te 1 ZPO den Zugang der Beschwer­de­füh­re­rin zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar ein­ge­schränkt.

Maß­stab für die ver­fas­sungs­recht­li­che Prü­fung ist vor­ran­gig das Rechts­staats­prin­zip, aus dem für bür­ger­lich recht­li­che Strei­tig­kei­ten die Gewähr­leis­tung eines wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes abzu­lei­ten ist 1. Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes beein­flusst die Aus­le­gung und Anwen­dung der Bestim­mun­gen, die für die Eröff­nung eines Rechts­wegs und die Beschrei­tung eines Instan­zen­zugs von Bedeu­tung sind. Hat der Gesetz­ge­ber sich für die Eröff­nung einer wei­te­ren Instanz ent­schie­den und sieht die betref­fen­de Pro­zess­ord­nung dem­entspre­chend ein Rechts­mit­tel vor, so darf der Zugang dazu nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den 2. Mit dem Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes unver­ein­bar sind eine den Zugang zur Beru­fung bezie­hungs­wei­se zur Revi­si­on erschwe­ren­de Aus­le­gung und Anwen­dung des hier ein­schlä­gi­gen § 511 Abs. 4 Satz 1 ZPO dann, wenn sie wegen kras­ser Feh­ler­haf­tig­keit sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen sind, sich damit als objek­tiv will­kür­lich erwei­sen und dadurch den Zugang zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar ein­schrän­ken 3.

Nach die­sem Maß­stab hat das Amts­ge­richt durch sei­ne in sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se fal­sche Anwen­dung von § 511 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Vari­an­te 1 ZPO (Zulas­sung der Beru­fung wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung) das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes ver­letzt. Die Begrün­dung des Amts­ge­richts für sei­ne Annah­me, eine Zulas­sung der Beru­fung gemäß § 511 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Vari­an­te 1 ZPO sei nicht erfor­der­lich, ist nicht nach­voll­zieh­bar und nicht halt­bar.

Nach § 511 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Vari­an­te 1 ZPO lässt das Gericht des ers­ten Rechts­zugs – bei Streit­wer­ten bis 600 € – die Beru­fung unter ande­rem zu, wenn die Rechts­sa­che grund­sätz­li­che Bedeu­tung hat.

Grund­sätz­li­che Bedeu­tung im Sin­ne des § 511 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Vari­an­te 1 ZPO kommt einer Sache nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu, wenn sie eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che, klä­rungs­be­dürf­ti­ge und klä­rungs­fä­hi­ge Rechts­fra­ge auf­wirft, die sich in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl wei­te­rer Fäl­le stel­len kann und des­halb das abs­trak­te Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der ein­heit­li­chen Fort­ent­wick­lung und Hand­ha­bung des Rechts berührt 4. Klä­rungs­be­dürf­tig sind sol­che Rechts­fra­gen, deren Beant­wor­tung zwei­fel­haft ist oder zu denen unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den oder die noch nicht oder nicht hin­rei­chend höchst­rich­ter­lich geklärt sind 5.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lagen zum Zeit­punkt der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen im März 2014 ersicht­lich vor.

Die sich in einer Viel­zahl von gleich gela­ger­ten Fäl­len stel­len­de Rechts­fra­ge, wann Rück­for­de­rungs­an­sprü­che wegen zu Unrecht gezahl­ter Bear­bei­tungs­ent­gel­te ver­jäh­ren, war schon zu dem vor­ge­nann­ten Zeit­punkt in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur umstrit­ten 6. Dies doku­men­tiert auch die – zeit­lich nach dem ange­grif­fe­nen Urteil des Amts­ge­richts – am 4.06.2014 ver­öf­fent­lich­te Pres­se­mit­tei­lung des Bun­des­ge­richts­hofs, die für den 28.10.2014 eine Ver­hand­lung über zwei diver­gie­ren­de land­ge­richt­li­che Urtei­le ankün­dig­te, die unter ande­rem wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung der Ver­jäh­rungs­fra­ge die Revi­si­on zuge­las­sen hat­ten 7 und die erkenn­bar stell­ver­tre­tend für eine Viel­zahl wei­te­rer in den Instan­zen und beim Bun­des­ge­richts­hof anhän­gi­ger Gerichts­ver­fah­ren stan­den.

Es stand dem Amts­ge­richt frei, wie gesche­hen zu ent­schei­den. Es hät­te aller­dings von Amts wegen gemäß § 511 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Vari­an­te 1 ZPO die Beru­fung zulas­sen müs­sen.

Das ange­grif­fe­ne Urteil beruht auf dem fest­ge­stell­ten Ver­stoß gegen Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG, weil das Amts­ge­richt sei­ne Ent­schei­dung in der Sache allein auf sei­ne oben dar­ge­stell­te Rechts­auf­fas­sung zu der den Beru­fungs­zu­las­sungs­grund im Sin­ne des § 511 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Vari­an­te 1 ZPO begrün­den­den Fra­ge der Ver­jäh­rung gestützt hat. Beim der­zei­ti­gen Ver­fah­rens­stand kann im Hin­blick auf die Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs vom 28.10.2014 8 auch nicht ange­nom­men wer­den, dass bei Auf­he­bung des ange­grif­fe­nen Urteils und Zurück­ver­wei­sung der Sache an das Amts­ge­richt kein ande­res, für die Beschwer­de­füh­re­rin güns­ti­ge­res Ergeb­nis in Betracht kommt 9.

Vor die­sem Hin­ter­grund lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zur Ent­schei­dung vor; die Annah­me ist zur Durch­set­zung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te der Beschwer­de­füh­re­rin ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b, § 93b Satz 1, § 93c Abs. 1 Satz 1 BVerfGG).

Das ange­grif­fe­ne Urteil ist danach auf­zu­he­ben und die Sache an das Amts­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 95 Abs. 2 BVerfGG); damit wird der zuge­hö­ri­ge Beschluss des Amts­ge­richts über die Anhö­rungs­rü­ge gegen­stands­los.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 25. März 2015 – 1 BvR 2791/​14

  1. vgl. BVerfGE 54, 277, 291; 80, 103, 107; 85, 337, 345; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 69, 381, 385; 74, 228, 234; 77, 275, 284; 104, 220, 232; 125, 104, 137[]
  3. vgl. BVerfGK 19, 467, 473; BVerfG, Beschluss vom 04.11.2008 – 1 BvR 2587/​06, NJW 2009, 572, 573; Beschluss vom 19.12 2013 – 1 BvR 859/​13 , WM 2014, 251 f.; Beschluss vom 12.08.2014 – 2 BvR 176/​12 , WM 2014, 2093, 2094[]
  4. vgl. BGHZ 154, 288, 291; 159, 135, 137; BGH, Hin­weis­be­schluss vom 08.02.2010 – II ZR 54/​09 , NJW-RR 2010, 1047 Rn. 3[]
  5. vgl. BGHZ 154, 288, 291; 159, 135, 137 f.; BGH, Hin­weis­be­schluss vom 08.02.2010 – II ZR 54/​09 , NJW-RR 2010, 1047 Rn. 3[]
  6. vgl. die Nach­wei­se zum Streit­stand: BGH, Urtei­le vom 28.10.2014 – XI ZR 348/​13 , WM 2014, 2261, 2265, Rn. 39 ff. sowie – XI ZR 17/​14 , BKR 2015, 26, 29 f., Rn. 37 ff.; zuvor schon bei Göhr­mann, BKR 2013,275, 276 ff.; Becher/​Krepold, BKR 2014, 45, 57, mit Fn. 111; Mai­er, VuR 2013, S. 397; Strube/​Fandel, BKR 2014, 133, 142 ff.[]
  7. vgl. LG Mön­chen­glad­bach, Urteil vom 04.09.2013 – 2 S 48/​13 29; LG Stutt­gart, Urteil vom 18.12 2013 – 13 S 127/​13 , BeckRS 2014, 11270[]
  8. BGH, Urtei­le vom 28.10.2014 – XI ZR 348/​13 , WM 2014, 2261; sowie – XI ZR 17/​14 , BKR 2015, 26[]
  9. vgl. dazu BVerfGE 90, 22, 25 f.[]