Die ver­spä­te­te frist­lo­se Kün­di­gung

Die Erklä­rung der außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung eines Land­pacht­ver­hält­nis­ses muss inner­halb einer ange­mes­se­nen Frist nach dem Ein­tritt des Kün­di­gungs­grun­des und des­sen Kennt­nis bei dem Kün­di­gungs­be­rech­tig­ten dem ande­ren Teil zuge­hen, urteil­te jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Fall, in dem der Land­pacht­ver­trag im Novem­ber wegen Nicht­zah­lung der seit Janu­ar fäl­li­gen Pacht frist­los gekün­digt wur­de.

Die ver­spä­te­te frist­lo­se Kün­di­gung

Der Ver­päch­ter war nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht mehr zur Kün­di­gung berech­tigt, weil er sie nicht inner­halb einer ange­mes­se­nen Frist nach Kennt­nis von dem Kün­di­gungs­grund aus­ge­spro­chen hat.

Nach §§ 594e Abs. 1 und Abs. 2 Satz 1, 543 BGB war der Ver­päch­ter ab Anfang Mai 2005 zur außer­or­dent­li­chen frist­lo­sen Kün­di­gung des Pacht­ver­hält­nis­ses berech­tigt; denn der Päch­ter befand sich mit der Zah­lung der am 31. Janu­ar 2005 fäl­lig gewe­se­nen Pacht län­ger als drei Mona­te in Ver­zug. Das wuss­te der Ver­päch­ter. Gleich­wohl hat er die Kün­di­gung erst am 3. Novem­ber 2005 aus­ge­spro­chen. Das war ver­spä­tet.

Die außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kün­di­gung eines Dau­er­schuld­ver­hält­nis­ses aus wich­ti­gem Grund muss inner­halb einer ange­mes­se­nen Zeit seit Kennt­nis von dem Kün­di­gungs­grund erklärt wer­den. Das hat sei­nen Grund zum einen dar­in, dass der eine Teil in ange­mes­se­ner Zeit Klar­heit dar­über erhal­ten soll, ob von der Kün­di­gungs­mög­lich­keit Gebrauch gemacht wird; zum ande­ren gibt der Kün­di­gungs­be­rech­tig­te mit dem län­ge­ren Abwar­ten zu erken­nen, dass für ihn die Fort­set­zung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses trotz des Vor­lie­gens eines Grun­des zur frist­lo­sen Kün­di­gung nicht unzu­mut­bar ist. Die­se Erwä­gun­gen lie­gen der Vor­schrift des § 314 Abs. 3 BGB, die seit dem 1. Janu­ar 2002 gilt, zugrun­de1. Sie gal­ten auch für die frü­he­re Rechts­la­ge, bei der es – mit Aus­nah­me u.a. der Vor­schrift des § 626 Abs. 2 BGB – an einer gesetz­li­chen Fest­le­gung der Frist für die Erklä­rung der außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung aus wich­ti­gem Grund fehl­te2. Land­pacht­ver­hält­nis­se waren davon nicht aus­ge­nom­men3.

Des­halb muss die Erklä­rung der außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung eines Land­pacht­ver­hält­nis­ses (§ 594e BGB) inner­halb einer ange­mes­se­nen Frist nach dem Ein­tritt des Kün­di­gungs­grun­des und des­sen Kennt­nis bei dem Kün­di­gungs­be­rech­tig­ten dem ande­ren Teil zuge­hen. Ob man die­ses Erfor­der­nis auf die Rege­lung in § 314 Abs. 3 BGB4 oder auf die für die frü­he­re Rechts­la­ge gel­ten­den all­ge­mei­nen Grund­sät­ze stützt5, ist ohne Belang. Ent­schei­dend ist viel­mehr, dass der Päch­ter land­wirt­schaft­lich genutz­ter Grund­stü­cke wegen deren not­wen­di­ger Bear­bei­tung zu bestimm­ten Zei­ten, die natur­ge­mäß von der Nut­zungs­art vor­ge­ge­ben sind, so früh wie mög­lich wis­sen muss, ob der Ver­päch­ter von sei­nem Recht zur frist­lo­sen Kün­di­gung Gebrauch macht; zudem weiß der Ver­päch­ter, dass der Päch­ter auf die­ses früh­zei­ti­ge Wis­sen ange­wie­sen ist, sich mit der Bewirt­schaf­tung der Flä­chen auf sein – des Ver­päch­ters – Ver­hal­ten ein­stellt und beim Aus­blei­ben der Kün­di­gungs­er­klä­rung über einen län­ge­ren Zeit­raum von dem Fort­be­stand des Pacht­ver­hält­nis­ses aus­geht.

Nach alle­dem ist es für den Bun­des­ge­richts­hof recht­lich nicht zu bean­stan­den, die ange­mes­se­ne Frist, die sich unter Berück­sich­ti­gung ihres Zwecks, der Bedeu­tung des Kün­di­gungs­grun­des, der Aus­wir­kun­gen für die Betei­lig­ten und des Umfangs der erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen bestimmt6, mit drei Mona­ten ab der Kennt­nis der Beklag­ten von dem Kün­di­gungs­grund anzu­neh­men.

Auch kann sich der Ver­päch­ter nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs beru­fen, dass die in § 626 Abs. 2 BGB fest­ge­leg­te Zwei-Wochen-Frist für den Aus­spruch der frist­lo­sen Kün­di­gung eines Dienst­ver­hält­nis­ses aus wich­ti­gem Grund bei einem pflicht­wid­ri­gen Dau­er­ver­hal­ten nicht vor des­sen Been­di­gung beginnt7. Dies ver­kennt, dass es sich bei dem für die außer­or­dent­li­che Kün­di­gung maß­ge­ben­den Grund, der Nicht­zah­lung der am 31. Janu­ar 2005 fäl­lig gewe­se­nen Jah­res­pacht, um einen ein­ma­li­gen Pflicht­ver­stoß und nicht um ein pflicht­wid­ri­ges Dau­er­ver­hal­ten gehan­delt hat. Woll­te man das anders sehen, hät­te das den Aus­schluss der Mög­lich­keit zur frist­lo­sen Kün­di­gung des Pacht­ver­hält­nis­ses wegen Zah­lungs­rück­stands zur Fol­ge. Denn auf der einen Sei­te muss der Kün­di­gungs­grund, also der Zah­lungs­rück­stand, im Zeit­punkt des Zugangs der Kün­di­gungs­er­klä­rung vor­lie­gen; auf der ande­ren Sei­te soll die Frist zur Abga­be der Kün­di­gungs­er­klä­rung nicht vor der Been­di­gung des Zah­lungs­rück­stands erfol­gen. Das schließt sich gegen­sei­tig aus.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. April 2010 – LwZR 20/​09

  1. Entw. SchuldRModG BT-Drs. 14/​6040 S. 178
  2. sie­he nur BGHZ 133, 331, 335; BGH, Urtei­le vom 01.06.1951 – V ZR 86/​50, NJW 1951, 836; und vom 15.02.1967 – VIII ZR 222/​64, WM 1967, 515, 517
  3. OLG Hamm AgrarR 1984, 277, 278; Lan­ge/Wulff/­Lüdtke-Hand­je­ry, Land­pacht­recht, 4. Aufl., § 594e BGB Rdn. 42
  4. Staudinger/​v. Jein­sen, BGB [2005], § 594e Rdn. 30
  5. Fassbender/​Hötzel/​Lukanow, Land­pacht­recht, 3. Aufl., § 594e BGB Rdn. 28
  6. vgl. Münch­Komm-BGB/Gai­er, 5. Aufl., § 314 Rdn. 20
  7. BGH Urteil vom 20.06.2005 – II ZR 18/​03, NJW 2005, 3069, 3070